Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 9 (1862)
- Issue
- 13 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Vvlksblatt Zur Belehrung und Anterhattung aus jüdischem flebie Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Phili-Psou in Magdeburg. * e. rm -i n < rt/*a i Neu tiefer Zeirsärilt ertoeüu »öcke»t!i«b eine Nummer. Brei» des Jabrm owt -* .X I. , t 1 Io. 1862. I gang» 1 Tdlr. Nieneljayrig 7Rgr. «Ue »n«bda»kiun.qeu. PeftSmrer I Aütlrü. 1. du lslüt.l Lvkv* J und L.eimug»erpediiloneu nehmen ibefteUungen an. Lv* •» 2> *• V J Rabbi SDieir von Rothenburg. Erzählung aus den letzten Iahrzcbenden des 13. Jahrhunderts. ' tssonleyung.) II. Rabbi Meir trat in Begleitung dejungen Mannein das Vorzimmer hinaus, wo sich, eine größere Schaar jüngerer und älterer Männer ihnen anschloß. Denn es wäre unehcerbielig gewesen für einen Meister von Raddi Meies Ansehen, ohne eine starke Begleitung von Schülern und Freunden öffentlich;u erscheinen. Da die Rabbinen der damaligen Zeit auch die richterliche Gewalt au-üdlen, wobei sie sich den Ruhm der Unpartheilichfeit in so hohem Grade zu erwerben verstanden, daß selßst in Processen zwischen Juden und Christen diese Letzteren gern zu der Entscheidung des Rabbinen ihre Zuflucht nahmen, eine rich^xliche Gewalt, die sich freilich oft auch über nicht processualische Dinge, über Verletzung der Ceremonialgesetze u. dergl. ausdehnle: so mußten sie auch Personen zu Gebote haben, welche ihnen zu Boten und Strafvollstreckerq dienten. Trat daher ein Rabbi auf die Straße, so ging der Gemeinbediener in einer Art Amt-tcachk und mit einem langen Stabe versehen voran; ihm folgte der Rabbi, rechts und linkvon einem Liedling-schüler begleitet, welche bei feierlichen Gelegenheiten von den beiden Gerichtsbeisitzern i Dajaniner) ersetzt-wurden; nach einem kurzen Zwischenraum kam alsdann eine größere oder geringere Schaar, die sich nach Belieben ordnete oder nicht.ordnete. In der Regel waren die Meisten mir derben Knotenstöcken versehen, in denen sich bei den jünger» Männern wohl auch ein Dolch ober Messer befand, um so im Stande zu sein, einen leichten Angriff zurückzuweisen, dessen sie sich stets gerpärtig sein mußten. Freilich sahen diebi« Rabbis nicht gern und ermahnten immer zur Geduld, wähl wissend, daß die Verwundung eine- Christen, und wenn" er der ungerechteste Angreifer gewesen, die allerfchwersten Folgm haben konnte. Unter dem Regiment« des Grafen Albrecht von Hohenberg hatte dienun' weniger zu sage«, und der ganze Aufzug geschah mehr de- Prunkewegen und der Gewohnheit gemäß, alzum Schutze des verehrten Lehrer-. So verließ die Schaar die Stadt, passirte ihre Thore und Brücken, und zog die Straße zur söurg hinauf, die sich verschiedentlich um die steile Hohe wand, auf welche sich die weithin ragend« Veste gelagert. Am ersten Burg» thore angelangt, wurden sie von einem Diener de- Grafen empfangen, die sämmtliche Begleitung in eine Hall« des äußerstea Schloßhofgewiesen,, der Rabbi aber In da- Innere eingeführt. Doch bemerkte er"b.Ud, daß eS nicht der gerade Weg war, den er geleitet ward, sonvein bald mußte, er eine Nebenstiege betreten, die zu einer langen Gallerie führte, wo ihn nach mehrfachen Kreuz- und Qurrgangen sein Begleiter nach der letzten Thüre eines Cl rcidorS verwies und bann verschwand. Den Rabbi üdersch ich bei diesem Vorgänge, der von den früheren Malen, da ihn der Graf empfing, .völlig adstach, ein banges Gefühl, daß es sich allerdingdie-mal um etwa- Außerordentliches )andle, und baf ihn feine trüben Ahnungen nicht betrogen haben würden. Aber er stärkte sich in einem kurzen Gebete und schritt dann muthig den Cocribof entlang. Bach aber öffnete sich eine Seitenthür, und rin Mann trat dem Rabbi scharf entgegen. Der Rabbi blieb einen Auenblick stehen, eine Sekunde lang hatte ihn ein jäher schreck gefesselt; aber schnell schüttelte er diesen ab, roat| einen Blick voll unendlicher Verachtung auf den Mann , und wollte um dens,lb/N herum weiter schreiten. Jew r aber vertrat ihm-noch einmal den Weg und rief ihm zu: .„Meir den Baruch kennst Du mich nicht mehr?" „Ich bade 'dich gekannt", .erwiedecte der Rabbi ruhig und mit Hoheit, „aber seit einiger Zeit'und für alr Zur kunft weiß ich Nichtvon Dir." „Thörichter Greis," erwiderte der Mann mit höhnischer Bitterkeit, „ewird nicht von Dir abhängen, «twcvpn mir wissen zu wollen oder picht; mein Name und meine Tharen werben mit unverlöschlichen Zügen in Den, der Deinen und Deines ganzen verruchten Stamme- Leber einger graben sein und Du und ihr Alle werdet meiner n emals vergessen können. Zittere und beuge Dich vor mir und wenn Du diebeute nicht willst, morgen oder überr rorgea wirst Du dazu gezwungen sein. Einst stand ich redend vor Dir, zuerst aus blöder Ehrfurcht, dann au- Ingrimm, aber die Rollen sind gewechselt worden." „Wohl werde ich mich," lautete die Antwort devöllig ruhigen Rabbi, „beugen vor dem Willen meine- (»orte-, de- Gottes Israel-, und werde mit Ehrfurcht und Dank Alles annehmen auseiner Hand, was sie mir bietet; aber vor Dir, Abtrünniger, nimmermehr! Glaubst Du, d lß wir Deinen Derrath nicht vorausgesehen, und darauf gefaßt sind? Du bist nicht der Erste und wirst nicht der Letzte sein, der den Dolch auf die eigne Mutter zückt, adr Du wirst zu Schanden werden, gleich Allen, die auf Keinem Wege Dir vorangegangea und die Dir Nachfolgen i«den. Ich fluche Djr nicht, denn Du hast Dir selbst einen olchen Fluch bereiter, daß ihn Niemand' vergrößern kann.