Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1862-01-01 · 6 (1862) · p. Seite 24

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
9 (1862)
Issue
6 (1862)
Date
1862-01-01
Page
Seite 24 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/4908862-5999374-6026464--2086-4910515
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

und mannigfache Baumgruppen gewährte. Nicht mehr war e« jener rüstige, ledensmurhige Greis, den wir vom Beginne dieser Erzählung kennen. Was die harten Kämpfe, die schrecklichen Schlage eines vielbewegten, gefahrvollen Lebenrsschd-vermocht Hanen, das hatte der zehrende Gram und nagende Kummer zweier Jahre vollbracht; der sonst aufgerichtete, starke Leid war unter der Sorgenlast, die sein Liebstes auf ihn geladen, gebeugt. Der Greis hatte, im tiefen Sinnen verloren, nicht bemerkt, daß die Thüs aufgegangen und ein junger Mann eingetrrten wari erst als dieser vor ihm ehrfurchtsvoll stand, ihm den üblichen Gruß bierend, schaute er auf und erblickte einen bildschönen jungen Mann, dessen lebhafte Blicke mitleidsvoll auf ihm gerichtet waren. Wähnend, baß es wieder einer der Freier wäre, der um die Hand der Tochter zu werben käme, machte er, ungehalten über diese Zudringlichkeit, eine ungeduldige Geberde, hieß ihn jedoch bald willkommen, und ihm einen Sitz neben sich anweisend, fragte er, was sein Begehr sei? „Ich habe vernommen", begann Jener schüchtern, „welches Leid Sie gettvffen, welches Weh das Liebste, das Sie im Leben hatten, auf Ihr greises Haupt gehäuft. — Ich komme ihnen Trost und Ruhe zu bringen; führet mich zu Eurer Tochter, und ihr sollet mir göttlicher Hilfe sehen,, was für heilsame Wirkung mein Erscheinen auf ihr schwermüthiges Gemüth machen werde." Der Greis erhob stch von feinem Sitze, und maß den Jüngling mit seinen trüben Augen. „Ist es das, was Sie zu mir herfühct", sagte er inil halblauter Stimme, „ist das Maß. meiner Leiden noch 'nicht voll, baß ihr. noch kommet, in das wunde Her; eines unglücklichen VarerS den Stachel des Schmerzes tiefer zu brücken i Treibet keinen Spott mir einem armen, aller Hoffnung baaren Greis, und lasset ihn doch ungestört seinen müden Lebenslauf vollenden. Oder wie", fuhr er nach einer Weil«Besinnens fort", „wahner Ihr etwa glücklicher zu fein, als so viele andre Jünglinge, die hierher kamen, um meine Tochter zu werden, und unverrichteter Sache abziehen mußten, nur noch mehr Wermuth in meinen LedenSkelch schüttend?. Dolche Zauberformel besitzt ^Jhr denn, die bösen Dämonen zu dannen, die sich meines armen Kindes bemächtigt V „Nur den einzigen Versuch noch", bat der junge -Mann, die Hände wie zum Gebet faltend ,„und Ihr sollt sehen, ob ich nicht den Zdlits man besitze, den GeisteSbann Eures Kindes zu lösen." Die Geberden des jungen Mannes, die seine innige Theilnabme auSdrückren, die ' aufrichtig gesprochenen Worte begannen eine überzeugende Kraft für den^reiS zu gewinnen. Er richtet« einen ernsten und forschenden Blick auf bas Gesicht deihm Gegenüberstehenden und er glaubte darin so herzliche- Mitgefühl zu lesen, daß er nach und nach zu ihm Zutrauen faßte, und nach einer Weile Besinnensagte: „Mir will eS scheinen, als spräche aus Euch aufrichtige Theilnahme, und keine müßige Neugierde oder eitles Begehren; da aber der ganze Sachverhalt mir meiner Tochter bis jetzt ein Geheimniß für mich geblieben, so könnte es sich wohl fügen, daß sich Jemand fände, der den Schlüssel zu diesem Geheimniß besäße. — Es sei, ich will Eurem Verlangen willfahren, folget mir. Ich will sie Euch aber erst von Ferne zeigen, denn Ihr müßt ganz behutsam zu Werke gehen, da sie sehr mmschenscheu geworden." Der junge Mann nickte zumzZeichen des Einverständnisses mit dem Haupte, und folgte schweigend dem Greise nach. — Durch ein Hinterpförtchen gelangten sie in den Garten, der sich gen Westen bis 'in die Nähe des Meeres hinzog. Es war ein Jammer zu sehen, wie auf den sonst mit Sorgfalt gepflegten Blumenbeeten jetzt nur wildes Gestripp und allerlei Unkraut üppig wucherten. Was Wunder? ihnen fehlte die zarte kunstgeübte Hand, die ihrer bisher gepflegt, gewartet mit ordnendem Sinne, mit feinfühlender Seele. Durch die Lücken der^öäume vermochte man in nicht weiter Ferne das blaue Meer zu erblicken, dessen brandender Wogenschlag in das Ohr der Aufhorchenben dringen konnte. Immer wilder und unebener wurde der Boden, hie und da war ec zerklüftet von Schluchten und tiefeinschneidenden Höhlungen. Sie kamen endlich an > einen Ort, wo in einem schmalen Belte das klare Wasser j eiqes Bächleins rauschte, an dessen bemoosten Ufern Ulmen; und Linden und andere Bäume grünten. Hier hielt der Vater Sulamilhs inne, und die Hand ausstreckend zeigte ec Schalum einen dunkeln Flecken. Dieser erblickte unter einer zweigreichen Linde, deren Krone weit umher ein grünes Lauddach breitete, auf einem Steine, der von Schlingpflanzen überwuchert war, eine Frauengestalt sitzen. Die Hände im Schoße gefaltet, saß sie unbeweglich da, stumpfsinnig vor sich auf den Boden hinstierend. Ihr zu Füßen lag eine halbzerbcochene Leier, die sie mit sich zu tragen pflegte. Auf einen Wink des Greifes näherte sich ihr jetzt Schalum mit leisen Schritten; aber aufgescheucht vom Geräusche seiner Fußtritte blickte da- Mädchen um sich, und einen Fremden gewahrend, richtete sie sich schnell auf, und machteeine Bewegung, um zu fliehen; aber die rufende Stimme des Vater«, der sie bar, stehen zu bleiben, hielt sie zurück; sie blieb zaudernd eine Weile stehen, und warf einen flüchtigen, scheuen Blick auf den Fremdling. Dieser stand mit einer vor Schmerz zerrissenen Seele da, er sah, welche Verwüstung seine Treulosigkeit in diesem herrlichen Geschöpfe angerichtet hatte. „Dies ist dein Werk", mußt« er sich sagen, Scham und Reue, Mitleid und Rührung malten sich abwechselnd auf seinem Gesichte. (Schluß folg».) Allgemeine Zeitung de« Jukenthums. No. 5. 1862. Leitende Artikel: Zerstreute Bemerkungen. — Literarischer Wochenbericht. Zeitung« -Nachtichteu: Deutschland: Leipzig, Waren. Preußen: Magdeburg, Berlin. Moers, Frankfurt an der Oder, Frankfurt an der Oder, aus der Mark, aus dem Posenlchen. Oesterreichischer Kaiserstaat: au« dem Tokayergebirge. aus Ungarn, au» dem Oesterreichifchm Krakau, Wien. Frankreich: Paris, Paris, Paris. Rußland: Warschau. Holland: AuS Holland. Buchhandlung. Zu beziehen durch jedes Postamt und jede Jährlich Z^khalcr vierteljährlich % Thaler. Verantwortlicher Redacteur K. Näbe. Verlag.»o, Ba » mgä i$a ex'• B»chh«atlu»g io Leipzig. — Drock von S. «repfiu, ia Leipzig.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.