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Jüdisches Volksblatt · 1861-01-01 · 38 (1861) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
8 (1861)
Issue
38 (1861)
Date
1861-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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/ Jüdisches Volksblatt y 3ur j Lelehruiig unö Untertjaflunt] aal .jüdischem ^cöictje. Herausgegebea von i sNo. 38. 1861.] Rabbiner Dr. Ludwig Phili-Pson in Magdeburg. *? Bo« dieser Zeilscbrisl ersibet«! wörbenttich ein« Nummer. Prcil de« Jahrgaug« 1 Thlr. BierreljShrig 7 Ngr. Mle Buchda»tlu«geu., Poftäoner uud Aeir»»-«erpebitio»ru uehmeo Br-ellunge» an. * i [8. Ialirz. 3, Quartal] ]ipD?n ov» | Eine Neujahrs-Betrachtung. ] Der Tag, den wir abermals mit dem ganzen Ernste, mit der vollen Majestät der Religion begangen, führt den besondern Namen;n2?n ov Tag des Gedächtnisses. Cs ist dleS eine eigenthümliche, aber tiefsinnige Erscheinung, daß gerade d e r Tag, welcher alS Anfang eines neuen religiösen Jahres die stelS wandelnde, nie rastende Zeit bezeichnet, die Zeit, welche niemals wieder zurückbringt, was sie einmal vorübergeführt hat, daß gerade dieser Tag alS ein Tag des Gedächtnisses, der Erinnerung eingesetzt ist und beobachtet werden soll, also der Strömung der Zeit entgegen festzuhalten in unsrer Seele, was dieser wichtig, was dieser unentbehrlich, was dieser eingeprLgt sein soll auf immer, waS ihr nie entschwinden, nie vorübergehen darf. Um so näher liegt uns die Frag«: waS ist dies?' wenn dieser Tag fiir uns ein 7113 m Di' «in Tag des Gedenken- und Erinnernsein soll, «essen sollen wir insonders an ihm eingedenk sein? Allerdings hat das Wort ynDin hier eine zwiefach« Bedeutung, es bezeichnet zuerst daS Gedenken unsrer vor Gott, daß Gott, der gnädige Richter der Welt, unser gedenk« nach seiner Barmherzigkeit zum Guten, wie es (4. M. 10, 10.) gerade vor dem Blasen der Drommete« heißt: on-nb« :vb pinrb 02b rrn „es soll euch zum Gedächtniß sein vor Eurem Gotte," sB. v.) Bn^2T3i Onfäisi BD’nb* n '»b „ihr werdet bedacht werdm vor dem' Einzigen, Eurem Gotte, und es wird euch geholfen" und dieist nun Gegenstand unsres Gebetes, unsres Flehens an diesem Tage demÜrhig vor Gott. p^2Tn heißt aber zweirens unser Gedenken vor Gott, baß wir, vor Gott stehend an diesem Tage in unsrer innerste« Seele Gedenken und Erinnerungen haben zu unsrem Heile, wie es tzeißt (2. M. 12. 14) jvistb 02b?rm „es soll Euch zum Gedenken sein" — und dies soll unser Thun, unser P'erk fei« vor Gottstehend am heutigen Tage. Wessen solle« wir also eingedenk fein? Die Thora gibt uns Anleitung hierfür, indem sie uns bei geweihten Gelegenheiten nachdrücklich: „Sei eingedenk! niDf'* zuruft und zur heiligen Pflicht macht. So lasset uns diese Stelle» mit Aufmerksamkeit ordnen, prüfe» und erwägen! Stellen wir das Allgemeinste voran: INI NN riirw wa Dbu nw’ N21 . „Sei eingedenk der vergangenen Tage, der Jahre, dt« vorüdergefloffen" L. M. 32, 7. Das ist ein besonders Unterscheidendes zwischen den Menschen und allen übrigen Wesen selbst, den höchst organisirresten Thieren, baßefür diese nur eine Gegenwart, für den Menschen auch eine Vergangenheit giebt; höchsten» einige dunkele Eindrücke von früheren Empfindungen mögen den entwickeltsten Thieren einwohnen, sonst ist für fl« gänzlich geschwunden, wa« gewesen, wa» ihnen selbst je geschehen ist. Ader der Mensch hat die Erinnerung seineganzen bisherigen Daseins, tr hat eine Leben-geschichte, wie eine Geschichte seines Volke«, seine- Glaubens, der ganzen Menschheit; das Thier ist nur, was es geworden, der Mensch weiß auch, wie er es, wodurch er es geworden. Da nun aber trotz dieser Anlage die meisten Menschen allzusehr sich der Strömung der Gegenwart, dem Flusse des Augenblickes überlassen, allzusehr nur in dem leben, was der Moment enthält und mit sich bringt — so tritt die Religion an uns heran, und ruft' uns zu: Gedenke der Vergangenheit, der verflossenen Jahre — gedenke ihrer insonderan dem heutigen Tage! Denn sehet, weil der Mensch allein eine Vergangenheit hat, hat er auch allein eine Zukunft; er soll in allen Momenten der Gegenwart auch an seine Zukunft denken, für sie arbeiten, firr sie den Weg und die Mittel wählen und bereiten, und dadurch selbstbewußt nach einem Ziele streben. So wie er aber seine Gegenwart nur aufeiner Vergangenheit zu begreifen vermag, wie er nur verstehen kann, wohin er gekommen durch das, wie er dahin gekommen: so kann er auch nur sein« Zukunst erkennm aus feiner Vergangenheit und Gegenwart, und dadurch einsehen und sich entschließen, wohin und wie er weittr gehen wolle! Darum ruft die Religion uns zu: gedenke deiner Vergangenheit, bedenke die verflossenen Jahre - bto ji-Drn „am Lage des Gedächmisses!" Nein! taumle nicht, Mensch, auf dem Wege dahin ohne Bewußtsein, nur getrieben von den Gelüsten Deiner Seel«! Rein, rausche nicht dahin auf dem Wege, in Eile und Flucht, nur gejagt von den Leidenschaften des Augenblicks — sonder« stehe still und gedenke Deiner Vergangenheit, damit Du besonnen und wohlerwägend weiter schreitest! Kennest Du sonst die Abgründe, die offen stehen und in die Du stürze« wirst — ha! sieh die vielen Fußtapfen dahin — es sind die Spuren derer, die hinabgestürzt find — und — nicht wieder erschienen! Und wessen sollst Du gedenken aus Deiner Vergangenheit? Das ist gleichgAltig, wie lange Du gelebt, ob der verflossenen Jahre zwanzig, oder vierzig, oder stchszig, denn nicht die Länge des LetÄtt, sonder», der Inhalt des

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