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Jüdisches Volksblatt · 1861-01-01 · 35 (1861) · p. Seite 140

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
8 (1861)
Issue
35 (1861)
Date
1861-01-01
Page
Seite 140 (sequence 4)
Language
German
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140 Gepriesen aber sei der Herr, der die Wahrheit an den Tag bringt. Sodann befahl der König, den Juan de la Vera bis an den Kopf einzugraben unk» ihn in diesem Zustande zu lassen, bis er sterdm würde, die Nachbarn aber sollten gehängt werden. In Folge dessen fürchteten sich di« Leute und es yurde ruhig im Lande. Der Wunderglaube. In dem Vorwort der so eben erschienenen Schrift: „Der Kozsicer Magid oder die Polizei des Himmels, «ine Criminalnovelle von 8. Horo^ritz in Pesth'b« Verf. Folgendes: ' Die Israeliten sind von jeher durch die „Kabbalah" mystifickrt worden; und der unerschütterliche Glaube an ihre Wundermacht war und ist insbesondere bei den polnischen Juden allgemein; und auf einem /üc die Leichtgläubigkeit so fruchtbaren Boden müssen natürlicher Weise die Wunverthäter sowohl an Quantität als an Qualität gedeihen. Der fanatische Glaube ist ein empfänglicher Boden für die Aussaat der Heuchelei und de» Berruges; denn Wunder sind geschmückte Puppen, mir denen eine kindische Phantasie so gern spielt. Ich will nur ein einziges Beispiel — von dem ich Augenzeuge war — als Beweis hier anfirhren, wie das BolkSvoructheil dem Schlauen das Hinter das Licht führeck erleichtert. Vor ungefähr fünfundzwanzig Jahren lebte in Ungarn in der 3 . . r Gefpanschaft, nah« an der Grenze GalizienS ein Rabbi, der bei seinen Glaubensgenossen weit und breit in dem Rufe eines unmittelbaren Verkehres mir den, der Macht der Kabbalah unterworfenen guten und* bösen Geistern stand. Ec verfertigte mystisch beschriebene Prrgamenrzetttl (Kemeahs), die er für theures Geld'verkaufte: denn man schrieb denselben eine Universal-Heilkraft für' physische Gebrechen zu. Aus Nah und Fern strömten Leute herbei, um durch Aneignung der Heiligenzettel den Körperschmerz oder die Seelenleiden zu bannen. Es wird den Psychologen gar nicht wundern, wenn ich versichere/- daß bisweilen das Mittel scheinbar guten Dienst leistete,' daß der Mann sein Unwesen mir immer zunehmendem Ruhme mehr als zwanzig Jahre trieb, und sich dadurch bereicherte. Ich hatte bei mchreren Vorgängen Gelegenheit, mich zu überzeugen, daß der grau gewordene Kabbalist eben so wenig ein betrogener Schwärmer als eia wahrhaft Gottbegeisterter war. Ec war schlau, und mochte wohl heimlich in daS ihm von der Leichtgläubigkeit der Menschen gefüllte Fäustchen' lachen. Ein polnischer Bursch«, etwa vier- bis fünfundzwanzig Jahre alt, angeblich stumm geboren, stand, Hülfe erwartend, in dem Vorzimmer des Wunder - Dockers der Kabbalah. Bereits hatte sich in der Gemeinde daS Gerücht verbreitet: dem Unglücklichen werde geholfen werden; daher waren viele Neugierige herbeigestcömt, um dem Wunderacte beizuwohnen. Ich selbst befand mich unter denselben. Der Sprachberaubte that so wehmüthig, und so nach endlicher Hülfe schmachtend, daß die Anwesenden von der innigsten Theilnahme ergriffen waren; und ich wünschte von ganzem Herzen, der Rabbi möge dem von der Natur Verwahrlosten als ein rettender Ahde de l’epee erscheinen. Nach langem Harren offnere sich endlich die Thür, und ein filberhaariger,Aurch Gestalt, Haltung und schöne Gesichtsbildung imponirmder Greis Lrat ein. Es war der Rabbi. Ernster» Schrittes, ohne auch nur einen der Anwesenden eines Dlickes zu würdigen, ging ec auf den Clienten loS, blieb vor demselben stehen, und nachdem er ihn einige Sekunden lang mir seinen feurigen Augen durchbohren zu wollen geschienen hatte, forderte er ihn in einem strengen gebietende» Tone auf — zu sprechen. Der so Aufgeforderte geberdete sich mit angstvoller Devotion; man sah deutlich wie in seinem Innern sich Alles zur Erfiillung des MachtgebokeS dränge; allein noch war die hartnäckig widerstrebende- Natur nicht besiegt durch die allvermögenden dienstbaren Geister des heiligen Gebieters. Durch Zeichen, Geberden und unartikulirle Angstlaute gab der Stumme zu verstehen: es fei ihm, bei dem besten Willen nicht möglich, dem Befehle des Meisters den gebührenden Gehorsam zu leisten. Da zog der Rabbi einen an einer Schnur befestigten Pergamentzettel hervor, den ec dem Hülfesuchenden um den Hals band, und nun rief er laut: „Im Name» des Gottes Israels, und in Kraft der mächtigen Zeichen,^ die ich dir beigab, befehle ich Dir allsogleich zu sprechen!" —t Und zu haarsträubender Erbauung der AnwgWven holte der Angeredete tiefen Alhem, dann stieß er merzen Absätzen, und zwar in dem bekannten polnisch deutschen Jargon Folgendes aus der nun freigewordenen Brust: „Gelobt fei — der Gott — Abrahams — JsakS — und Jakobs — und — gebenedeit — fei auch — sein Heiliger binieden — der große Rabbi — zu U . . . y!" Zufrieden damit, eine so menschenfreundliche Handlung an einem Geschöpf« Gottes verübt zu haben, entfemte sich nun der Wunderthäter und ließ die bewundernde Menge mit dem glückl^» Geheilten zurück. ' Alle wetttEken jetzt, mit diesem zu sprechen und ihn zu beschenken^Man konnte es nicht genug anstaunen, wie dvmmigm, dem erst vor wenigen Minuten die Zunge grlöst^Mt^^nunmehr die Worte so schnell zufloßen; er sprat^Mu^Wtehr und immer geläufiger, und eh« er daS Zimmer verffeß, war seine Redseligkeit so gewachsen, daß er es mit jedem Roßjungen oder Branntweinbrenner hätte aufnehmen können. Nur Schade, daß der edelmüthige Rabbi sein wohlchätigeS Wirken nicht etwas weiter ausdehnte, um chem Jungen «ine reine, regelgerechte Aussprach« zu geben! Derselbe würde bau» unter seinen Landsleuten als Sprachmeister haben auftreten können. Hier aber, unter den fanatischen Blindgläubigen irgend einen Zweifel über die Solidität der erlebten Wunderkur auszufprechen, wäre von mir eine wahre Tollkühnheit ge, wesen. BiS ich aber am nächsten Tage in einer erleuchtetem Sphäre die Lust zu einer genauem Untersuchung anregte, war der junge Mensch bereitüber alle Berge. :— Allgemeine Zeitung des Judenthum«. No. 34. 1861. Leitende Artikel: Der Eomitö-Beschluß de« ungarischen Landtage«. — Patriotische Kundgebungen. — Ausschließung der Inden vom platten Lande. Zeitungsnachrichten: Deutschland: Au« Baden. Oesterreichischer Kaiserstaat: Prag,Prag. DieSchweiz. Beim Italien: Au« Oberitalien, Neapel. Holland: Amsterdam Rußland: Tilsit, Warschau. Schweden: Stockholm. 3L^ Zu beziehen durch jede« Postamt und jede Buchhandlung. Jährlich 3 Thaler, vierteljährlich % Thal er. Verantwortlicher Redakteur: St. Näbe. Verlag von V«u»gLrt»er'< Bachs-adUm-'» Lei»-««- — Drvck hi E. »reysiag ia Leipiig.

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