Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 28 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 112 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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112 Eins der Legate des fel. Errera zeigt von den frommen und milüberzigen Gesinnungen, die ihn wahrend feines ganzen Lebens beseelt haben. Er hat eine fortlaufende Rente von 1000 LivreS bestimmt und zwar soll diese alle fünf Jahre' „einem armen Israeliten gegeben werden, der durch seine religiöse und moralische Führung dieser Wohltbak am würdigsten und durch seinen Fleiß am befäbigsten sei, »inen paffenden- und nützlichen Gebrauch davon zu machen." Herr Ecrera gehörte nicht zu denen, die vom Leben nur die Geschäfte im Auge haben, und die In solchem Grad/ von ihnen in Anspruch genommen sind, daß sie selbst ihre Kamille darüber vergessen, welche vom Vater nur die eifersüchtige Autorität und nicht die Zärtlichkeit und, Sorgfalt kennt. Herr Errera war Geschäftsmann nur in seinem Comptoir, auf der Börse; seine Geschäfte behinderten ihn nicht, die Welt zu genießen, seinen Theil an den Genüffen des Geistes zu nehmen, der Gesellschaft, feinen Freunden und vor Allem seiner Familie, seinen Kindern zu leben, deren Erziehung in. allen ihren Einzelnheiren er selbst überwacht und geleitet har. Seine Familie hatte aber auch dafür eine Liede, eine Achtung, die an Verehrung grenzte, für ihn, und in dem Wohlgebeihen seiner Kinder fand er die süßeste Belohnung seiner väterlichen Sorgsamkeit. - Nicht allein seine Familie und seine Gemeinde, sondern die ganze Stadt Venedig, seine zahlreichen Freunde und Correspondenten bedauern auf's Lebhafteste den Verlust dieses edlen Manne», welcher ein Muster für Bürger, Israeliten und Väter, der Wohlthäter seiner Mitmenschen ohne Unterschied deS Glaubens und der Meinung gewesen. Das prächtige Leichendegängniß, das auf Anordnung deS Gemeindevorstandes stattgehabt, die große Menge Leidtragender aus allen Conftssionen und allen Claffen der . Gesellschaft, die seinem Sarge folgten, haben von der hohen Achtung, die er bei seinen Mitbürgern genoffen, Zrügniß gegeben. vella Com. Mythe über Anselm v. Rothschild. Zn französischen Blättern macht folgender Dialog als ein Beitrag zur Charakteristik des vor fünf Zähren verstorbenen ältesten der Brüder Rothschild die Runde. Beigem Frankfurter Rothschild war eines Tage» ein Pariser Feuilletonist zu Gast, ein hübscher, junger, gesunder und eS ist wohl überflüssig hinzuzusetzen, lebenslustiger Mann. Rothschild hatte seinen liebenswürdigen Tag und zeigte dem Touristen all' die Pracht und Hernichkeit feiner Reichthümer. Oer zu Genüssen aller Art aufgelegte Schriftsteller sah mit lüsternen Augen di« Vollblutpferde, die Wagen, den Wintergarten, die Appartements mir den Kunstgegeastäaben und aß und trank nach Herzenslust, indem er nur im Stillen beklagte, daß er v» nicht nlle Tage so haben könne. So wohlerzogen Franzosen in der Regel sei» zu pflegen. der Mann konnte sich nicht enthalten, bevor er sich von | feinem freundlichen Witthe verabschiedete, auSzucufen: Ach, wer fo glücklich wäre, mit Ihnen tauschen zu können! Rothschild ergriff mit ernster Miene die Hand seines GasieS und sagte: Ach, wer wäre geneigter dazu alS ich — wenn so etwas nur anginge! hören Sie mich, junger Freund! Sie bewundenen meine Pferde! Es ist ohne Zweifel ein großes Vergnügen, sie zu reiten, allein seit Zähren verbietet mir der Arzt, eines derselben zu besteigen, meine Magennerven erlauben mir nicht zu fahren; was die culinarischen Genüsse anlangt, so haben sie für mich jedesmal, wenn ich zu schwach bin, der Lust dazu zu widerstehen, die widerwärtigsten Folgen; ich hade eine wahre Idiosynkrasie gegen Blumendüsie; mich an den Statuen und Bildern zu ergötzen, dazu gebricht eS mir an Zeit; die einzige Frau, welche ich wahrhaft geliebt, konnte ich niemals besitzen; um kurz zu sein: von allem meinem Reichthume habe ich nichts, als — die Pflicht ihn zu verwalten. Nun, sagen Sie, wollen Sie noch Rothschild seinf Der Feuillelonist unterließ cs, diese Frage direct zu beantworten; er begnügte sich untez einer tiefen Verbeugung zu sagen: Sie sind nicht nur reich. Sie wissen auch Andere zu bereichern! * Diese moralisirenbe Erklärung, die sich fast wie eine moderne Parodie der Geschichte von Dionysius und DamokleS ausnimmt, liest sich gut genug; doch wird Niemand in der ganzen Redeweise den schlichten Baron Amfchel wiederfinden. Zudem war derselbe, wie wir bestimmt wissen, zeitlebens ein großer Blumenfreund. Eine andere Aeußerung, welche die Blätter dem alten Geschäftsmann in den Mund legen und als ein Zeichen seiner patriarchalischen Weisheit anführen, scheint sich der Wahrheit mehr zu nähern. AlS nämlich Rothschild im Herbst 1842 in Paris war, besuchte er Ludwig Philipp, der im Gespräch auch deS verstorbenen Herzogs von Orleans gedachte und seinen Gast bat, ihm darüber ein gutes Wort zu sagen. Dieser soll erwidert haben: „Als Aaron, der Hohepriester, seine Söhne verloren hakte, sagte Mose» zu ihm: der Herr wird geheiligt an denen, die ihm nahen. Er meinte damit: Wer ein so große» Amt hat, muß auch große Verluste ertragen können." Die letztere Anekdote wuroe wenigsten» in Rothschild» näherer Umgebung zur Zeit für wahr angenommen. Allgemeine Zeitung besJudenrhumS. No. 27. 1861. Leitende Artikel: Da» Mittelalter und seine Folgen. — Die Differenz der ungarischen Ordinariate mit dem UnterrichrSministerium wegen veS Jnipeclorate« der israelitischen Schulen von Leiten des Klerus. Bon David Oppenheim. Rabbiner. (Schluß.) — Ein großer Schritt zur Emancipation der Juden in Polen. Zeitungsnachrichten: Deutschland-r.Au« Oberhessen (Kurheflen), Nürnberg. Preußen: Königsberg. Oesterreichischer Kaiserstaat: Gien, Wien, Lien, DemeSvar. Don ausürstenthümer: .Brüssel. Rußland: Kiew. Nordamerika: Philadelphia. 93ß“ Zn beziehen durch jede» Postamt und jede Buchhandlung. Jährlich 3 Lhalcr, vierteljährlich X Thaler. BeranrwsrUicher ffctacteut: 5t. »cs in vriklig. — D-nck von <S. »reviin» in LrirÜS-