Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 8 (1861)
- Issue
- 27 (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Bolksblatt Zar t J?efef)nui(] uni) llnterfjaftunfl auf jüdischem HeKiete. HerauSgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Phili-Pson in Magdeburg. Mo. .27. 1861.1 Bon vieler -jeillLriir erlidkior wöebevllicb «ine Nummer. Preis tr» 3»drftang, I Idtr. «'iemeljukr,^ 7W Rgr. »Ue BuLdaurluogeu, Popsm^r und ^eiruu„»erpcrinoueu »ebmco VefteUungcv an. [8. Jahrg. 3* Quartal.] Die vcrhängnißvolle Peitsche. z4sahr.. Am fünfzehnten Zuni in einem der dreißiger Jahre de» vorigen Jahrhunderts war in einer kleinen märkischen Stadt große» Leben und Gewühl. Der sonst so stille Ort umschloß eine zahllose Menge, welche durch herbeiströmende Hausen zu allen Thoren immerfort anschwoll. Die Haupt, rolle spielten dabei aber nicht wie gewöhnlich die Herren der Schöpfung, sondern die Vierfüßler, die sür bas stolze Geschlecht der Menschen so unentbehrlich geworden. E» war Viehmarkt im Städtchen, und da» Städtchen war berühmt wegen seiner Diehmärir«. Mitten in den Scharen geputzter Landleurc zogen daher Pferde und Schweine, Rinder und Schafe in zahlloser.Menge und von bester Qualität einher, und durch da» Gesumme der schwatzenden Meyschen drang da» Wiehern der Rosse, da» Brüllen der Rrnder, da» Blöken der Schafe und da» GrunfTn der Schweine zum Himmel empor, ein Conrect, welche» den underheiligren Zuschauer, stand er in der Mitte de» Gewühl», zur Verzweiflung, befand er sich außerhalb desselben zum Lachen bringen mußte. Dabei war e» ein großer Festlag sür da» Städtchen, dessen zahlreiche Schenken die Menge der Gäste nicht fassen konnten, die sich für den Abend zu Schmausereien und Tanzvergnügen gerüstet halten. Die Vierfüßler halten nach Gattung und Art ihre bestimmten Quartiere, ihre Straßen und ihren Markt, wo sie, an Pfähle angebunden, de» Käufer» harrten und 'in philosophischer Ruh« dem^Geseilsche der Menschen zusahen, bi» ihr Loo» geworfen und ein neuer Besitzer entschieden den Strick ergriff und durch einen heftigen Ruckzur Bewegung nach ihrer Heimath hin zwang. Aber auch hier fand eine aristokratische Rangordnung statt und während Och», Schaf und Schwein neben einander ihre Lagerplätze hatten, zog da» stolz« Pferd durch da» ganze Städtchen hindurch nach einer vor dem „Roßkhoc,, gelegenen Wiese, wo der Schauplatz ihre» Geschäfte» war. Auch da» Publikum war ein verschiedene», und während da» plebejische Schwein Käufer au» allen Classen der Gesellschaft, vom armen mageren Tagelöhner bi» zum fetten reichen Amtmann um sich sammelte, da» bürgerliche Rind mit seinem Stande»genoffen, dem Schqf, den höheren Bürger - und Bauernstand an sich fesselte, verschmähten e» die stoben Gestalten der Rittergutsbesitzer nicht, sich unter den ausgestellten Pferden herumzutrriden, und hier war e» auch, wo »ine ziemliche Anzahl unserer Glaubensgenossen in heftiger Bewegung war, da in ihren Hänbm damal» vorzugsweise der Pferdehandel sich befand. Doch um für diese Schilderung da» Urbild zu entnehmen, härten wir nicht gebraucht fast anderthalb Jahrhunderte zurückzugreifen, e» besteht noch heute in vielen, vielen Exemplaren. Aber an jenem Tage, den wir oben bezeichnet baden, fanden sich, al» der Abend bereits die Stadt und die Wiese mit seinem Schatten bedeckt hatte", Pferde und Menschen von diesem Sctiaupla^ national - ökonomischer Tkärigkeit verschwunden waren, und Sülle und Einsamkeit, die daS ganze Jahr, außer an dem verflossenen Tage, die unbestrittene Hewi'chafr über die „Pferdewiese" führten, allda wieder Besitz ergriffen, in der kleinen Schenke am Ende der Wiese zwei jüdische Jünglinge, die bei einem einzigen Glase Bier und einem herabgebrannten Lichrstümpfewda» Eompagniegeschaft ordneten, welche» sie al» Unterhändler und Pferdejungen an diesem Tage zu gemeinsamem Nutzen betrieben harren. Ihr Geschäft war ziemlich nutzbringend gewesen und' bei der Theilung, die ohne Schwierigkeit stattfand, weil sie noch als junge Menschen unbedingte» Vertrauen zu einander hegten, sielen einem Jeden drei Thaler, zchn Groschen und neun Pfennige zu, eine Summe> die damals und füt dies? Jungen sehr beträchtlich'erschien und daher, da sie redlich und mit großer Kraftanftrengung verdient war, ihr Herz mit großem Danke und noch größerem Mulde für die Zukunft, erfüllte. Sie fingen ouch alsbald von dieser sich zu unterhalten an, wo sich dann sogleich die Verschiedenheit de» Charakter» der beiden Jünglinge zeigte. „Ich bleibe nicht hier," hob der Eine an, der ^stämmig und untersetzt war, aber große» Feuer durch die blitzenden Augen und auf dem kühn geschnittenen Angesicht verrieth. „Diese ziemliche Summe hat mir der liebe Gott nicht umsonst zugetheilr, ich begreife sie als einen Fingerzeig, mir einen größeren Schauplatz meiner Thärigkeit zu suchen und zuversichtlich in ca» Leben einzugreifen, wo Muth und Entschlossenheit zur rechten Zeit so Viele» vermögen." So sprach, zwar nicht in gewählten Worten, Jmn dawar da» Eigenrhum der damaligen Juden noch nicht, aber doch in so kräftigem Sinntz, Daniel Jtzig, ,in ehrlicher märkischer Pferdejunge. . Der Andere, DanielMarku» genannt, ließ den Kopf hänge«. „Du hast gut «den und gut thun," erwiederte er» „Du stehst allein in der Welt, hast keine alte Mutter und keine einzige Schwester, die Du ernähren mußt, wie ich, und die Du darum auf'» Gerabewohl nicht verlassen könntest, um Dein Glück zu suchen; ich muß zu Haufe bleiben, den Pferdemakler weites spielen, und da» Geld, da» ich heute erworben, reicht gerade au-, um den fälligen Mierhzin» für unser Stübchen zu zahlen. Doch wie e< Gon will, ich murre nicht, und