Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1860)
- Issue
- 40 (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 160 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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160 rrn. liebt. Und ich wage et zu sagen, ich Einige Tage also nach diesem Begl bniß gingen wir, Stasi und ich, auf der Wiese spazieren, urd wahrend meine Vielgeliebte Gänseblümchen und Goldlack pflückte, brach ich den Zweig einer Bcechweide, und nrchdei t ich die Kerbe der Mündung und der Grifflöcher einer Flö>e hineingeschnitten hatte, ftkiug ich den Zweig mit dem Gri s meinet Messers, um die Rinde vom Holz« zu lösen ua , mich dieser alt Schalmei bedienend, Stasi Synagogernni lobten vorzuspielen. „Warum hast Du Tony geschlagen i ' frug mich Stasi, indem sie sich mir näherte und ihre kleine Hand auf meine Schulter legte. „„Weil er mich „Hund von einem Juden" genannt und zu meinem Detter „hepp, hepp" gesagt hat."" „Ich," antwortete dat kleine Mädchen, „ich liebe Dich aut ganzem Herzen, obgleich Du ein Hund von einem Juden bist." „„Und weshalb nennst Du mich so,"" sprach ich zu ihr, indem ich mich erhob und mein« hhlbvollendete Pfeife weit wegschleudert,. „„Bin ich nicht tben so viel werth, wie Dur Laufe ich nicht eben so schnll wie Du? Ich bin starker, alt Du; ich weiß mehr, wie Du, und ich singe besser, alt Du. Habe ich nicht noch cestern den Dornen Trotz geboren, um Dir wilde Brombeere,!;u pflücken? Bin ich nicht bis zum Gipfel unserer Fichten geklettert, um Dir ein Eichhörnchen zu bringen? Würde 3 ony nur die Hälfte für Dich gelhan haben?"" „Et ist wahr," antwortete Stasi, „Du gibst mir Alles, was ich von Dir fordere. Ich bin aich'sehr bekümmert. Denn ich werde.Dich nur noch dis Lichtmeß lieben, wo ich zehn Jahre alt werbe. Der Vater nat zu mir gesagt: Stasi: Du bist Jitel't Sohne gut. 2 r ist verständig, der Junge, aber er ist rin Jude. Ich wei de Dir bit Lichtmeß erlauben, ihn zu lieben; sobald Du der zehn Jahre alt wirst, werde ich Dir verbieten, mit ihm zu scherzen, und ihr werdet nicht mehr zusammen Heirath i m Kleinen spielen." ,,„Unö Du, wa» hast Du geanmortet?"" „Ich? ich habe nichts geantwortet, denn ich werbe Dich nicht mehr lieben, wenn ich zehn Iah,' alt sein werde." „„Nun wohl, kleine Böswillige, oenn sich die Sache so verhalt, liebe ich Dich gleich gar n cht mehr."" Und hierauf kamen wir, wie zw i feindliche Mächte, von Worten zu Thätlichkeiten, und!ch muß es gestehen zum Lobe der guten Stasi, sie zog niHt den Kürzern. In einem Augenblicke, eh« ich Zeit hatte) mich umzuwenden, hatte sie mir das Gesicht mit ihren zeht» Nageln aufgekratzt, welche letztere sie voll von Blut zstrückzog. Ich kam «üthend nach Hause, in meinem Gesicht di« Spuren meiner Sklaverei mit mir tragend. In dem Maße, wie ich älter wurde) wurde ich furchtsam und ausschließend. Je mehr Ungerechtigkeiten und Beschimpfungen ich von den Christen heamterschlucken mußte, desto mehr zog ich mich in mich sslbst -und das heilige Studium de« ralmudifthen Gesetze« zurück. In dieser Zeit sah ich keinen Christen sich mir nähern, ohne zu zittern, und später hielt ich alle Katholiken sind Protestanten für Heinde und Unterdrücker der Juden, türme ich auf jeden wurde wieder ge- I Glaubensgenossen, welcher mit ihnen in Verbindung trat i öder ihnen Gute« erwie«. Im Aller von zehn Jahren.hatte l ich Stasi geliebt, im Alter von vierzehn Jahren hätte ich sie zu meinen Füßen sterben sehen können, ohne eine einzige Thräne zu vergießen. Ich wurde besonderfanatisch und intolerant gegen die Juden, welche mit unsern Verfolgern zechten und sich an ihren Festen vergnügten. Keine Strafe schien mir stark genug für diese Berräther, diese Goims, diese Sünder, und, obgleich kaum Jüngling, hätte ich mit eigener Hand den Scheiterhaufen angezünder, um einen Juden zu verbrennen, welcher auch nur bas geringste Gesetz des Talmudüberschritt. Fünfzehn und^ein halb Jahr alt wanderle ich auf meiner Reise von Metz nach Frankfurt zwischen Worms und Mainz und sang, um mir die Langeweile des Weges zu versüßen, mit ganzer Kehle ein Lied, welches mich mein Vater gelehrt hatte, und von dem ich weder den Ursprung noch die Bedeutung kannte: es war die Marseillaise. Ein Wagen kam; im Galopp vorbei; der Wagen hielt; zwei Bediente sprangen heraus und befahlen mir, indem sie mich faßten» daß ich mich zu ihrem Herren begeben sollte, welcher ruhig in dem offenen Wagen seine Pfeife rauchte. Ich protestirte vergebens, indem ich rief, daß ich diesen Herren gar nicht kennte; daß ich auf dem Wege nach Frankfurt wäre; daß ich meine Papiere in Ordnung hätte; nicht« half. Ich mußte gutwillig gehorchen oder mich einer gewaltsamen Fortschaffung . aussrtzen. Indem ich mich dem Wagen näherte, zitterte ich vor Schreck. „Ich bin Jude," sagte ich mir, „diese deutschen Christen können nichts Gutes mit mir Vorhaben. Sie haben vielleicht die Absicht, mich mit Gewalt zu bekehren." Tausend andere Befürchtungen bedrängten meine erschreckte Einbildungskraft, als mir der erwähnte Herr von weiten zurief: „Junge, wer hat Dir dies Lied gelehrt?" „„Mein Vater,"" antwortete ich ihm. „Und weißt Du, was Du singst?" > ,/„Nein, mein Herr. Es ist ein Lied, welches man mich! an dem Tage lehrte, wo ich in einem Stücke, betitelt „David und Goliath," den David darstellte, um den Goliath mir meiner Schleuder zu erschlagen. Ich war damals neun Jahre alt."" „Du kennst also die Bibel? Du bist Jude?" „„Ich studire das heilige Gesetz. Ich will in Frankfurt meine ralmudischen Studien fortsetzen, um Rabbiner zu werden. Es fehlt mir nur bat gewünschte Alter, denn ich weiß ungefähr, waS ich wissen muß."" __(Fortsetzung folgt.) - _ Allgemeine Zeitung de« JudenthumS. No. 39. 18H0. Leitende Artikel: Das verflvsiene Jahr.— Schreiben : des Herxn Albert Cohn an den Herausgeber. — Die letzten Bor- 1 gange in Berlin. — Literarische Umschau. — Literarischer Wvchenj bericht. — Die israelitische Bibelanstalt. Zeitungsnachrichten: Deutschland: Frankfurt am Main, Gießen, aus Mecklenburg, aus der bayer. Pfalz, au« dem Oberland, Bockenheim. Preisen: Magdeburg. Lesterreichifcher Kaiserstaat: Padua, Padua. Frankreich: Paris, Paris. Schweden: Stockholm. Amerika: München, Chicago. J&ä Zu beziehen durch jedes Postamt und jede Buchhandlung. Jährlich 3 Dhaler, vierteljährlich % Thaler. Verantwortlicher Redakteur: St, Nkäbe. «erlag vo» vaumgLrtaer'« Bachtzaudtuag i» Leipzig. — Druck ,oa 9. Kretzsisg i» Leipzig-