Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1860)
- Issue
- 40 (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Bolksvlatt. Zur Lelehrung und Anlerhattung aus jüdischem HeKiele. Htraoogegebeu von Rabbiner vr. Ludwig PhiliPPson in Magdeburg. lNo. 40. 1860.] «pb tieftr Stitfftnh erfreut »Schtattich tiBe Ra««er. Preis de« 2«he. gang« 1 Th». Vierieijatzrig 7 ’X Ngr. Alle Vuchtzanrlaagea, Post»»»«! und Aeikuagservedinoaea nefeatea Vestelaagea ob. [7. Jahrg. 4. ^aartal.] Ein Sonnabend in Pesth. Lom Rechl-anwall Dt. (Salm. (rtortftfung B. Schluß au« No. 37.) Der Hauptmangel der Meiselschen Rede — daß sie kaum von der Hälfte der Zuhörer verstanden wird, liegt in mannigfachen äußern Mißverhältnissen. Die Kanzel ist nämlich an der Seit« angebracht, und zwar ungefähr in der Mitte de« Tempels, nicht vor. der Bundeslabe, wie in andern Synagogen. Bei der Größe des Gebäudes ging das nicht anders. Es fehlt auch der Baldachin, di« Schallbecke. Meisel wendet nie seinen Kopf rechts oder links, unverwandten Augesieht er auf die ihm gegenüber befindliche leere Kanzel, er spricht nur nach dieser Gegend hin.. Und doch ist das Auge der lebendigste und wärmste Begleiter de- Worte«, und doch bilden die zu beiden Seiten der Kanzel befindlichen Gläubigen die überragende Zahl. Meisel spricht mir Anstrengung, ich habe ihm da« wohl angemerkt. Wer so oft in großen Räumen vor bedeutender Menschenzahl gesprochen hat, wie ich, kann daleicht erkennen. Mir har die Mutter Natur ein ungemein kräftiges Organ gegeben — Niemand wird darin ein Seldstlod finden, denn die Stimme macht noch keinen Demosthenes.oder Bosfuet — aber sollte ich jeden Sonnabend in der Pesther Synagoge predigen, mir bangte um meinen Brustkasten. Die akustischen Verhältnisse tonnen in diesem Riesengebäude nicht gut fein, oder, und da« bezweifle ich, Meisrl'S Stimme ist zu schwach. Und darum thut eS mir leib um den braven Prediger. Wie schabe, wenn die Kraft seiner Stimme und feiner Gesundheit litte. Denn dawill ich nicht glauben, wamir mehrere Pesther Juden versicherten, daß Meisel allsonnabendlich prediget. Wo ist die productive Geisteskraft, di« alSbaha nicht bald abforbirt würde? Schließlich erwähne ich noch, baß ich in der Meifel'schen Rede den üblichen PriesterscgenSspruch vermißte, den kein israelitischer Prediger je unterlassen sollte. Dergleichen stereotype Gebräuche sind unbedingt nöthig, um allen Predigten eine charakteristische Uebereinstimmung in gewissen Punkten zu geben. Sollte ich den Segensspruch MosiS überhört haben? Ich frug auS Vorsicht zwei Nachbarn, eS erging ihnen gerade wie mir. Rechte Mühe hatte ich, nach Beendigung der Predigt mich in dem Gange zwischen den beiden Stätteareihen zu halten, so hoch gingen die Wogen der herausströmenden Andächtigen. Einige Jünglinge mit hohen Stiefeln und Spomen, in der Hand «ine Art Stöcke, wie ste bei uns die Bergbeamten tragen, gaben meine» Küßen einen solchen Denkzettel, daß ich noch manchmal an ihre ungarische Maskerade denken mußte. Ich harrte au« bis zu« Schlüsse und hätte gem den merkwürdigen Tempel in feinen Einzelheiten genauer besehen — aber eine unfteuadlühe, schnarrende Stimme rief ebenso hungrig al« heiser: ,^E« wird zugeschlossen!" Nun denn hinaus auf die Sttaße! Alle« lebt und webt von geputzten Juden. Di« Mode der Nationaltracht machen die Juden — di« älter« nicht so — au« Furcht, Eigennutz und Eitelkeit mit. Aus Furcht? Ir wohl, die Ungarn und Pesther mögen ganz liebe Leute fein, aber die hämische Art und Weise, mit der sie in Kumte« Garten auf meinen unschnwltzen Cylinderhor sahen, zeigte mir, daß sie nicht bloS egoistisch und kleinlich, sondern in ihrem fanatischen Patriotismus auch gefährlich sind, Juden pflegen sich gem bei allen Partrim zu verassecu^iren, und manche jüngere mögen auch magyarisch schwärmen — daher der Mobenwechsel. Ader auch der Eigennutz spricht mit, denn die Kleid,rhändler, welche mit allen den gestickten, deschnürten, betreßten, verbrämtm Jacken und Beinklei? dem, Röcken und Mänteln handeln, erschienen mir am elegantesten und eifrigsten in ihrer Nationaltracht. Possierlich, man glaubte einen Ungarischen Magnaten vor sich zu hadm, wenn man so an der Schwelle seine« Laden« einm nahruaaSgierigen Kleiderjitden ' sah, auf der barettartigea Mütze die hohe Feder, die enganschließende Schnureojacke recht keck mit der Taille abschließend, da« Helle mit reicher Stickerei von dunkler Farbe gezierte Beinkleid in die kdapp anliegenden Stiefelschäfte mündend und an den Hacke» klirrende Spomen. Ader so reitet Einem nicht blo« der EommiS die Waare, sondern auch der Kellner (freilich mtblkßtm Hauptes) den Kaffee,| der Portier dm Schlüssel und der Barbier sein schmutziges Becken vor. Da- Meiste' mag wohl die Eitelkeit dabei thun. Denn fast all« Nationaltrachten heben die menschliche Gestalt natürlicher und graziöser hervor, al« unsere vettrackten, überladenen Modeanzüge, und nun gar diese« reizende ungarische Nationalrochim! Alt und Jung, Madame und Köchin, LanquierStochtee und Sackträgerfrau — sie haben heute nicht, blo« eine doppelte, sondern eine dreifache Seele, sie zeigen ja den Sabbathstaal in ungarischer Form. Die knapp da« Mieder schließe wie die Hellen Knöpfchen darauf so schelmisch blinken, wiei stolz der Mantel über die ein« Schulter fällt, während der andere entblößte Arm absichtlich wie unbefangen mlf dem Sonnenschirm spielt, , wie vor allem der reizende skleiae ungarische Hut mid wallender Feder nur aufgesetzt erscheint, um den überaus üppigen Haarwuchs zu zeige«, der den Ungarinnen aller Eonfeffioaea eine so unbeschreibliche An-