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Jüdisches Volksblatt · 1860-01-01 · 39 (1860) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1860)
Issue
39 (1860)
Date
1860-01-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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154 reservoir. Wann wird der Prozeß beendigt, wer wird Sieger sein, darf Meier je als Sieger, kann er als- Besiegter Dich heimführen? Wie lange noch hast Du den mitleidigen, den schadenfrohen Blick der Nachbarinnen zu ertragen i Es ist zu aeg! Unmuth und Aerger; regten sich in ihr. Sie zog aus dem Mieder ein Papi« und los es mir halbverklärtem Gesichte. Ein Brief ihctc Tante war's, der reichen Bankierswitlwe aus B.... So lautete er: „ Mein herziges Nichtchen | Welche bösen Tage magst Du sHon verlebt haben! Und ich wußte nicht« von allem. Adolph Elkan, dessen unglückliche Liebe Dir schattenhaft folg«, hat es mir mit feuchtem Auge erzählt. Daran «kenn ich so recht den Starrsinn Deine« Bakers. So hat >r's Deiner seligen Mutter auch angethan. Nie durfte mch die liebe, treue Seele hier besuchen', weil ich'S nicht zeduldet, daß man mich bei meiner Bedeckung meiner ein; gen Schönheit, des üppigen Haare«, beraubte. Das ist dlcselbe finstre Sinn, der ihn antried, Deiner sterbenden Mutter, einem schon lichtverklacttn Engel, das Sündenbekenntniß vorzusagen. Ec ist Dein Barer und ein durchweg rechtschaffner Mann aus ehrenwerther Familie, nüchtem, fleißig^ umsichtig, goltesfürchtig — aber er ist ein geborener Großinquisitor, streng im Hause und auf der Gemeindestube, »als säße ec im Rath der Zehn, nur der Sturm kann ihn brechen, der Wind **nicht biegen, und alle- Säuseln freundpcher Zuspcache, fies dendet Worte bewegt kein Blättchen sein«« Willens. Wohin soll das fuhren? Deine Hochzeit verschoben um eine Bagatelle, ein wackerer Bräutigam von Eurer Schwelle verbannt und Dir selbst — bei strengem Fluche jedes Wort, jeder Blick untttsagt. Aber gut so, laß ihn nur gehen den Prozeßmajor, den Streitjäger, den Altnnfstec der Avvocatenzunft. Komm zu mir, Du gescheuchtes Täubchen, mein Haus steht Dir offen. Du weißt, Gott der Herr hat mich mir irdischen Glücksgütecn gesegnet, nachdem er das höchste mir genommen, den theurrn Sohn, im der Blüthe des Lebens — meinen Alexander. Just ist Deinem Alter war er, da ihn seine Commilironen zur Rübe singend geleiteten. Komm Du zu mir, belebe mein ödes Hau« wieder. Sei mir Tochter. Hier lacht das volle Ltbkn Dich an, hier will ich für Dich und Meier sorgen.!Er braucht nicht, in H. zu gerben, ec kann hier gerben lassen, wenn ihm das mehr Vergnügen macht, als Theater ustd Concerte, F«>rm und Bälle. Du trägst gewiß noch Dein maigrünseidenes . Kleid mit den unmodernen Puffärmeln! als höchsten Staat, als Jontefileinodie? Komm zu mir, ich will Dich besser kleiden. Du wundecsüßes Cheinponim,! daß Meier daran seine Freude hat. Der alte Brummbär von Schwager, grüße ihn — oder besser grüße ihn nicht, denn für ihn ist er doch nur trephe, der Gruß Dein« Dich mütterlich liebenden Tante Wie das so süß klingt, so mächtig zieht, so freundlich winkt. Auf einmal wird alles Leiden au« fein, es wird Dich Niemand mehr necken und bedauern. Das „Nebbich" hört auf, dieses Jüdische MitleidSrhaibarber, Du kannst an'S Fenster treten, ohne daß ein Bat« es v«biecrt, Minkes Küchenjeremiaden treffen nicht mehr Drin Ohr, auf nach B., Meier mag Nachkommen, d« Bat« ttiumphire dann in zwei öden Häusern, So dachte daS^axme^N^dchen, und Hoffnung beschwingte ihre Seele. Ddch Irf demselben Augenblicke erschrak sie, es hatte sie Jemand leise auf die. Schulter geklopft. Adolph Elkan stand hinter ihr. Er war ihr nachgegangen, vom Waldessäume harte er sie beobachtet. Purpurcölhe übergoß des Mädchens Antlitz, als sie des Mannes ansichtig wurde. „Aber pfui, wie garstig,'Adolph, daß Du mich selbst hier beunruhigst, dem bösen Leumund, der gerechten Eifersucht Meiers mich aussetzest und das alte Jugendlied wieder anstimmen willst, das für Dich mit dem Refrain „Ich liebe Dich", für mich aber mit den Worten „Nur freundschaftlich" schließt." „Laß den Vers, Cousine, Du thuft mir Unrecht, mich bringt nur die Sorge um Deinen Baker her." Er erzählte ihr das Borgefallene. So mag die grasende Gazelle aufspringen, wenn aus der Felsenschlucht des Schusses Echo ihr erschrecktes Ohr trifft, wie das arme Mädchen zitternd bei dieser Nachricht aufschnellte. O, ihr Entschluß war schnell gefaßt — beim Vater bleiben, ihn nicht verlassen, kindlich aushalten! So ist es Gesetz in Israel, Sitte im Hause Jakob. Alle SraatSämt« und Würden, alle Freiheit und Berechtigung waren theuer erkauft um den Verlust der Famirienliebe, der Kindespflicht, des unbedingten Gehorsams, dieses Hauptschmuckes Israelitischer Häuser. Niemals Emancipation auf diesem Felde! Und, Gott sei Dank! wie sehr sie auseinandergehen in Ansichten und Meinungen, unsere Raddiner und Prediger, trotz aller Nuancirungen in Prinzipien und Bestrebungen — an dem Ecksteine hat noch keiner gerüttelt, um die Fahne schaaren sie sich alle von einem Ende der Welt zum andern: „Unbedingter Gehorsam, siele Ehrfurcht den Eltern, Achtung dem grauen Haupte, Hingebung der Familie, Treue allen Brüdern! Wie sie eilt, ganz Tochter, nur an den Baker denkend, mit keiner Fiber mehr die unglückliche Braut. Elkan konnte ihr nicht folgen, so schnell lief sie. Er steckte daS Papier, welches sie in ibrer Hast fallen gelassen hatte, zu sich und verschwand waldeinwarts." Also im Thurm der Barer, in dem finstern, feuchten Loche. Wohin sollte sie sich wenden in ihrer Angst? Was mochte nur der Grund der Haft sein i Nicht weit vom Nachhause wohnte der Justizamtmaun, er sollte ihr Aufschluß geben, ein Retter sein — wo nicht, so wollte sie mit dem Baker die Zelle theilen. Rasch bog sie über den Markt zur Wohnung des Gerichtsherrn hin. D« lange Felbel vertrat ihr den Weg. „Er ist nicht zu Haufe, was laufen Sie so?" „Mein Gott, wo ist der Amtmann, ich muß ihn sprechen, ich will zu meinem unglücklichen Barer." „Wollen Sie mir mir Komödie «eiben, mich aufziehen — heißt ein unglücklicher Vater, spielt mit dem Amtmann und AcruaciuS Schafkopf, Pfau läuft eben in der Stadt herum, um für den Holzmann den Herm Steuercontroleur zu suchen. Gehen Sie nur ja nicht zu Hhrem Bat«, Fräulein, er ist in strenger Hafk und so zerstreut, daß er ttotz all« Trümpfe verliert und der He« Amtmann mir seinem Bocher immer gewinnt, ha, ha, ha der unglückliche Jausel!" Damit zog der schadenfrohe Gesell, d« Leibjude all« christlichen Zecher, mit dem Beinamen: der Pegervogel: höhnisch ab.

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