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Jüdisches Volksblatt · 1860-01-01 · 38 (1860) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1860)
Issue
38 (1860)
Date
1860-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdisches Volksblatt. Zur Relehrung und Unterhaltung auf jüdischem stekiete Herausgegebrv von Rabbiner vr. Ludwig PhUipPso« in Magdeburg. Mo. 38. 1860.1 «ou dieicr Zeitschrift erscheint wochtnttich rine Rümmer. Prei« de« gh,. «aug« 1 Thlr. Biertelj-chrift 7 Rzr. Alle Buchtzanrinngen. PoMv ter und Zeilungsexperinove« nehmen Bestellungen an. [7, IaKrg. 3. Quartal] Jausels Goffe. Lom Rechtsauwalt Dr. D- 2alm. (Aortse-vng «ju* No. 3t.) 3. Der Tag des Gerichtes war gekommen. Vom Rathhau-thurme schlug eS eben 8 Uhr. Der Bote Pfau hatte die Akten vom Herrn Justizamrmann geholt und legte fi, mit ernster Miene auf den grünen Tisch. Beim Anblick des Rubrum- „Jaufel contra Meier" spielte um seinen Mund ein sardonisches Lächeln, und vergnügt sich die Hände reibend murmelte er vor sich hin: „Wart, Schwiegersohnchen, das Waffer soll Dir ein Fahrwasser zuMüller's Ruhe werden." So hieß das Hundeloch von Stadt» gefängniß, seitdem der Bärwirth Müller die Reminiscenzen einer seiner gewöhnlichen nächtlichen Prügeleien und Straßenskandale im frischgetünchten „Bürgergehorfam" ausqeträumt hatte. Der Marktplatz vor dem Rathhause war heute belebter als sonst, sogar Kämmerers Gänse, die gemüthlich vor dem Eapitolplaye zu grasen pflegten, wurden dann und wann verscheucht und reckten die langen Hälse verwundert als Fragezeichen gen Himmel. Und wer scheuchte sie auf? Bose Menschen, der Allerweltsdocror und Hühneraugenoper rateur, die F-Trompete der Fama, zugleich Concipient von Gnadengesuchen und Aettelträger für ein verirrte- Wrack einer vagabondirenden Schauspietertruppe, der Barbier Gier secke und mit ihm sein ewiger Antagonist, der Wichsfabrikant Perutz, der als politischer Wetterprophet seit jenem Tage im hohen Ansehen stand, als er hlrz vor der Schlacht bei Leipzig die denkwürdigen Wort« geäußert hatte: „Wenn Napoleon selbst nicht mehr schlagen kann, dann wird er von den Andern geschlagen." Wie sie fechten, die wilden Marktperipatheriker, wie der Eine den Beutel, der Andere die Mütze schwingt, wie die Füße Jedepro und contra mittanzen. O, lacht nicht! Es muß heute ein wichtiger Tag werden für das Städtchen H., selbst JustizamtmannS Köchinn har sich nicht lange bei dem schönen Wilhelm in der Backstube aufgehalten, „Herr und Madame seien tute drießlich, frühstückbegieriger, zankgeneigter alS sonst." still, keine Allotria! Leih Du mir Deine Feder, MuseveS kleinstädtischen Friedens, Du themisfürchtende, lärmfliehende, die beschwingten Füße mit doppelten Socken umwunden. Dort hinten erscheint er ja, der Mann de- Tages, der Held des Dramas, Jaufel aus der Münzstraße. Eben muß er aus des lieben Herrgotts^ Münze gekommen sein, so frisch geprägt sieht er aus. GWüche^WM^szzzes so genannten Straßenpflasttrs, die sein Helden ftiß tritt! Au seiner Rechten Rosenthal, immer fragend, ohne Antwort zu erhalten, zu seiner Linken dietrippelnde Minke, zwo schwere Bücher tragend. O, unser Jaufel ist wohlbewandert im Jus, neben ber; Machsorim stehen Gesetzbücher in derjenigen Lücke des Ladenrücks, wo Kreidezeichnungen und Schiefertafel gewissen Schuldnern «in.geneigtes Andenken zu bewahren pflegen. Geh Du nur immer zu, lieber Jaufel. Du mußt der Erste in' der Gerichtsstube sein. Sv, wie Du, haben vor Dir und zu Deiner Zeit viele Juden gedacht und gehandelt und haben geklagt und gestritten, bis in die Puppen, bis zum Grunde des Geldbeutels. Rache durchs Recht, Richter und Advocaten als Courierpferde des Nemesiswagens, Gold und. die geschmeidige Ehanuphahtreiberei als Wazenfchm ere — war Euer Ziel, Eure Kunst. Dank der Bildung un 'erer Tage, dies« Zeit ist vorüber, und mit ihr unauslöschl cher Famillenhaß und unerquicklich« Gemeindespaltung, Danl Euch, Ihr Seelsorger und Lehrer, Juda'S Söhne sind nicht mehr die Thürsteher der Gerichte, die Narren trinkgeldsüch iger Boten,- die Gp'ifHoipmtr der Frau Aktuarius und Sch «rnumerarius, die Grattslieferanten für Richter und Anwälte Sie spielen uns nicht mehr dm alten Rechtsdilettantism »s auf, der aus jedem Jüdischem Kläger oder Verklagten. nn»n Virtuos an Dünkelhaftigkeit und Rechthaberei machte Jaufel freilich ist die Rathhausstiege schon hinaufgeschri ten, wir können ihn nicht mehr zurückhalten, darum nü schnell einmal in die Münzstraße geschaut. Auch Meier i erläßt eben sein Haus,' besser als gewöhnlich, aber einfach gekleidet. Wie gern blieb er daheim bei der Arbeit, er ist kein Mann des Wortes, vi, l weniger d«S Streites. Aber er muß ja erscheinen, bei «strafe^ persönlich, zum Sühne«, verbuche. Und. doch hatte er nicht» Unrechtebegangm, er war der Gekränkte, Tiefverietzke. Jetzt wäre er nun schon glücklicher Gatte — ©, über di« Halsstarrigkeit des Alten, der ihm sogar >en Anblick seiner Tochter entzog! Unwillkürlich krampfte e die Hände, der Advocat, der in jeder meuschlichen Seele wohnt, hielt «ine laute Anrede an seine Zaghaftigkeit und fnedmsliebe, ein« innere Stimme rief ihm zu: „Nicht gewichen!" Da fiel sein Auge auf das Haus des Ersck wiegervaters und hinter, der Gardine eine/Fensters im l dern Geschoß ward ein schöner aber bleicher Mädchenkopf sichtbar. Er ist so fesselnd, so jaubergewaltig ber leidende Blick einer Jüdin. Da» matte Feuer schwarzer Augenstrae brennt immer noch tief ins Herz hinein, und auf den Lilienwangen, vom dunkeln Haar umrahmt, perlt der frische Thau süßer Wehmuth im dia-

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