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Jüdisches Volksblatt · 1860-01-01 · 27 (1860) · p. Seite 107

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1860)
Issue
27 (1860)
Date
1860-01-01
Page
Seite 107 (sequence 3)
Language
German
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107 bereitet — und fand mein« Strenge ganz natürlich. Wie schmeckte eS. Welche Zärtlichkeit spendet, sich da« Paar, das die Tage der blühende« Jugend schon so lange hinter sich hatte. Wie glücklich waren wir. Jeder Händedruck, den die Gatten sich gaben, bei jeder Darreichung, jeder Blick der Liede, den sie bei ihren Worten sich zuwarfen, drang mir mitten in'S Herz. Dabei waren sie durchaus nicht feiner Bildung; eS waren schlichte, gläubige Leute, und so hatten sie auch ihre Tochter zu einer gemächlichen Jungfrau herangebildet, die von Voltaire und ShakeSfpeare, von Rousseau und Tasso nicht viel zu sprechen wußte, aber desto mehr von den Blumen ihre- Gärtchen- und den Baumen ihre« Walde«, von den stillen Freuden und Mühen de« Haufe« und von reiner HerzenSfrömmigkeit. Nachmittag« war der Förster mein Führer nach einigen schönen Stellen der Gegend. E« waren keine weiten Fern» sichten, keine grotesken FelSgestalten, keine wilden Schluchten, die er mir zeigen konnte. War doch in dem Thale Alle« nur so heimlich und traut. Hier wie« er mir einen silbernen Sprudel, der den Berg murmelnd und schäumend hinunterglitt; dort eine lieblich umbuschte Matte mit dem reizendsten Baumschlag; dann führte er mich in daS, dunkelste Gebüsch, auS dem wir plötzlich auf die lichte Höhe traten, von der die rolhen Dächer eine« Dörfchensichtbar waren. E« war Alle« so empfunden, daß mir daschöne, warme Herz, de- Försters offen wurde, der doch gar keine Aestherik stubirt hatte. Ich sah mitten hinein in ein reine-, männliche« Gemüth, in ein zarte«, aber kräftige« Herz, in einen schlichten, aber scharfen Verstano. Und o, wie entzückt da«, eine herrliche Seele zu belauschen, ohne daß sie e« weiß; ihre ganze Göttlichkeit sich verrathen zu lassen, ohne daß sie im Entferntesten daran denkt, sich zu verrathm! E« ist ein Genuß, wie kein Menschenkunstwrrk, ja wie selbst die schönste Landschaft mcht dardietet. Er sprach so richtig und wahr vom Leben, seine Erfahrungen waren alle so bestimmt, sein Sinn dabei so milde und nachsichtig. Unsere Angelegenheit war bald abgemacht, ohne sich den geringsten N«htheil aufzulegen, wußte er mir die größten Vortheile zuzuwenden. Doch ich will von der Rückkehr, von dem himmlischen Frühling-abende, von der Trennung nicht sprechen. E« bewährte sich mir nur, wa« ich am Tage vorher schon beobachtet hatte: hier lebte in den bescheidensten Verhältnissen, unter Mühen und mäßigen Genüssen eine — glückliche Familie. Glück?! Bei Nennung diese« Worte«, wie stehst du vor mir, Gewühl der jagenden Menschen, Gewühl der drängenden, eilenden, keuchenden Menschen, Gewühl der dürstenden, lechzenden, seufzenden Menschen. Ich sehe all' die angespannten Sehnen, all' die klopfenden Herzen. Ich sehe all' die ängstlichen Blicke, all' di« beschwerten Geister. Ach, noch mehr, ich sehe all' die gefallenen Menschen, die um de« Glücke« willen gefallen sind, all' die, so ihre« Leben- Genuß und ihrer Seelen Heil geopfert um de« mißverstandenen Glücke« willen! Warum ist e« eine so alte Wahrheit, und wird doch -nicht berücksichtigt: daß da« Glück nicht von außen kommt, sondern von innen, daß alle Schätze der Erbe nicht glücklich machen, sondern nur di« Schätze de« Herzen«, daß nicht die Vorsehung, nicht der Erwerb, sondern lediglich wir selbst . Schöpfer unsre« Glückesind. ' Ach, so gütig war der Herr, so frei wollte er den Menfchej» haben, daß er ihn unabhängig mache» wollt« kn feinest» Glücke von sich —. Gott — selbst! Meinst Du, da«! ist zu viel, zu stark gesagt? Ich had' e« erfahren. Da-r Herz de« Menschen ist eine unerschöpfliche Quelle de« Glücke«, die selbst im dunkelsten Schanenthale sprudelt. Kein! Geschick ist so Herde, baß nicht da« Herz e« mit den Sslberfaben der Beruhigung zu durchwirken vermöchte, daß nicht Empfindungen der Befriedigung darau« entspringen Ikönnten — und wäre e« nur da« Gefühl, Gott gegenüber die empfangenen Wohlkhaten durch harte Prüfungen in Etwa« bezahlt zu haben. Wonach sie jagen, e« istckcht«; um da« sie sich mühen, e« gilt Nicht«; ach! und wc« allein sie zu beseligen'vermöchte, sie haben ,« so nahe, sie haben e« in sich — und benutzen e« nicht. Wa« die Schrift von der Lehre sagt. wir tönnrn »« anwenben auf Himmel, daß Du sagest: wer un«, daß wir e« haben. E« baß Du sagest: wer fährt hin wir e« haben. Sondern gan .da« Glück. Es ist nicht im steiget hinauf, und holet e« ist nicht jenseit de« Meere«, »der, und holet e« un«, daß nahe hast Du e«, in Deinem Herzen; da öffne die Pforte, da laß den schaffenden Lichtstrahl hineinfallen, und alle« Dunkel wird hell,. Ich habe da überall nicht« Neue« zu sagen. Wer aber die Menschen liebt, der kann ei> ihnen nicht oft genug sagen, nicht oft genug ihnen zurufe, in ihre Kämpfe, in ihre Mühen, in ihre Leiden hinein. Willst Du wissen, wa« Glück bereitet? E« ist die Liebe und die Mäßigkeit. Diese Beiden in ihrer Vereinigung; nicht eine allein, sondern verbunden. Denn wo die« Beiden zusammen wvhnen, da ist auch Gotte-ftwcht und Lugend, da ist auch Frieden — und »a« mangelte bann lloch^? Je mehr Schätz« Du Haft, desto mehr willst Du; je mehr Ehren Du erwirbst, aäch desto mehr dürstest Du; e« giedl keinen sinnlichen Genuß, -der nicht Wiederholung und Steigerung verlangte. Und darum machen sie nicht glücklich. Erst wenn Lieb« und Mäßigkeit Dich erfüllen, bist Du befriedigt, bist Du stark, und darum glücklich. Noch hat e« keinen gegeben, dir wahrhafter Liede fähig und voll wäre, und den Gegenstand nicht gefunden; noch war Niemand mäßig in seiner Forderung und Befriedigung, und ,« fehlt« ihm, wa« er bedurfte. So aber sieht der Mensch stet« nach dem, wa« er nicht hat, und wie könnt' er dann genug haben? , und seine Seele wechselt in ihren Gefühlen, und freut sich de« Hasse«, de« Neide«, der Schadenfreude und allev-Bitterkeitttz, und wie könnt' er dann glücklich sein? Die Biene verntzag auch au« den Giftpflanzen Honig zu ziehen, aber der Mensch wandelt die duftigsten, gefchmücktesten Blürhen in Schierling. Da ruft er dann den Gott über den Wolken an:; warum glebst Du nicht? — da er doch längst gegeben hat, .«der Du weißt e« nur nicht. Deine Augen sind blöde für dH« Rechte. Wie sollte e« auch ander« /«in? Wäre da« wahre Glück an die goldenen Stufen de« Throne«, an da« Schwert de« Sieger«, an die Schätze de« Neichen, an da« Wissen de« Gelehrten gebunden -7wie ungerecht! wie wäre der Kampf noch mehr nach all'.dem in der Menschenwelt aagefacht, daß Einer den Andern verschlänge! So aber bestehet da« Glück in dem, wa« jedem Menschen gegeben, wa« jedem zuerlheilt ist, ein Jeder ist dessen befähigt — wer darf sich nun beklagen? So nun' uüter dem Strohdach« da« Glück

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