Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1860)
- Issue
- 24 (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 95 (sequence 3)
- Language
- German
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95 sterben müsse, gelangt war, ordnete er seine Angelegenheiten. Dann gedachte er in dankbarer Erinnerung seiner GeburtSstadt und gründete eine Stiftung, deren Zinsen fortan an seinem Sterbetage an zehn arme christliche Kinder der Schule, der er seine erste Bildung zu danken hatte, vertheilt werden sollen. Er nahm in Gedankm Abschied von den theuern Gräbern seiner Eltem, indem er de- Dörfchen- Sajesdee gedachte und die Zinsen einer zweiten Stiftung ebenfalls an feinem Todestage an zehn arme jüdische Glaubensgenossen zu vertheilen bestimmte. Endlich wandte sich die letzte Aufmerksamkeit de- Scheidenden der Stadt zu, welcher er treu dienend Ehren und Wohlstand zu danken harre. Er begründete eine Bürgerstiftung mit 10,000 fl., deren Zinsen zu gleichen Theilen verarmten christlichen und jüdischen Bürgern Prags bestimmt sind. Vielleicht umwehten den Sterbenden die geisterhaften Klänge der heiligen Psalmen, die er in seiner Jugend zur Ehre Gottes mitsang im Tempel zu Wien, oder fiel ihm sein Wirken für die Veredlung dereligiösen Gottesdiensteim Prager Tempel ein, er vermachte ihm 1000 fl. und 600 fl. zur Dertheilung an Arme an seinem Grabe. Und nun harrte er mit der sanften Ruhe, die ihm im Leben stets eigen war, ohne Klage seiner Erlösung entgegen. Nur einmal sagte er zu feinem jüngsten Bruder Wilhelm, der an sein Tode-bett eilte: „Erst neun und dreißig Jahre alt und schon sterben!" Als man ihm feinen Sohn von Wien her kommen ließ, und ihn der.Sterbende erblickte, zog ein Lächeln über sein bleiches, märtyrhaft versunkenes Antlitz, ewar der letzte Gruß und Segen des Vaterfür sein Kind'. Am 20. November 1869 Abends 10 Uhr war er eine Leiche. Benjamin Salomon Spitzer, SchiffScapitän. (Biographische Lkizze auS: Uetb-Ll, Ehrentempel verdienter »ngariiwer Zsraelilen, Heft NI., von Jgna; Reich. Pesth 18ti0.) Benjamin S. Spitzer wurde 1774 zu Altofen von ^wohlhabenden und feingebildeten Eltem geboren- Sein Vater Götze! — aus Prag gebürtig — ließ seinen Kindern eine -"ihren Fähigkeiten und Neigungen angemessme Erziehung angedeihen. Sein Sohn Leopold, geweckter Natur, wurde frühzeitig zum Talmudstudium aagehalren, während dessen schöngeistiger Bruder Abraham eine vorwiegend „deutsche" Erziehung genoß. Erster wurde später-RabbinatSassessor seiner Vaterstadt, Letzterer der Lehrer des genialen Skäly, Hofrathes und Protomedicus von Ungarn. Nur unser Benjamin wollte — was er wol später bitterlich bereuete — den Büchern durchaus keinen Geschmack abgewinnen, wollte durchaus nichtlernen! Unter Denen, die in Folge des gnadenreichen Josefinischen Tolecanzedirtes vom 29. Octoder 1781 derzeit au- ^der Nachdargemeinde Altofen nach Pesth übersiedelten, befand sich auH die ehrenwerthe Persönlichkeit Götzel Spitzer, der nun (1788) in der bereit- 120 jüdische Familien zählenden Gemeinde daselbst balL-Um Vorsteher gewählt wurde. Der treuherzige Vater, der Meinung: „in der Stadt" seinen Benjamin irgend einen i Zweige de- Wissens oder der Kunst leichter zuführm zu tömunj—. täuschte sich gar bitterlich. Die Stube hatte für diesen etwa» grauenerregende-, abschreckendes. Dafür! vermochte kein Wetter ihn abzuhalten, dem Exerciren der Soldaten stundenlang zuzusehen. Kein Wunder nun, daß er selbst das Schreiben und Lesen nur äußerst dürftig. erlernte. Hiezu kamen noch die allmählig sich traurig gestaltenden Vermögen-Verhältnisse unsers Vorstehers, der es nun nicht länger aufzuschieben meinte: seinen Benjamin für den Sianb eine-Kleinwaaren-Haustrers zu bestimmen. Dieser letzte Hoffnungsanker des schwergeprüften Vaters stellte sich ebenfalls nur zu bald als äußerst verfehlt heraus. Sein Sohn liebte das Freie in einem ganz andern Sinne. Mit dem dürftigen Krame unter dem Arme wandelte der schwärmerische Jüngling tagelang an dem Donaustrande, der ihn mit! räthselhaftem Zauber zu fesseln schien — und kehrte Abends beinahe ohne jeden Erfolg zu dem betrübten Vater heim.i Die Vorwürfe, dsb-ihm dieser hierüber machte, wirkten so schmerzlich auf ihn ein, baßer sich vornahm, künftighin-^fleißiger zu hausiren" — und doch konnte er es durchaus nicht^üder sich gewinnen. Jemandem seine Waare anzlu bieten! 1789 übergab der - 1-jährige Jüngling seinem alten Vater den übernommenen Waarenkram und ging arm und verlassen nach Prag. Baw darauf wandert« er nach Dresden, Leipzig, durchzog Deutschland nach allen Richtungen hin, und konnte, sich selbst! ein Rathfel, nirgends Ruhe finden, bis er bei Hamburg das Meer erblickend, inne hielt — in welchem kläglichen und bejammemswerthen Zustand«? leuchtet wohl auder alleinigen Tharsache,hervor ■ daß er die erste Nacht daselbst durchaus keine Herberge zu finden vermochte!.. „Trotze meiner Norh — schrieb er 1801 an seinen Bruder Leopold zu Altofen — fühle ich mich dennoch fast glücklich. . Denn ich lerne hier aus dem rauschenden Wunderbuche des Meeres. Es kommt mir vor, wenn ich so ins Meer hireinblicke,' als spräche dasselbe mit mir . . . und eS freu t mich, daß ich diese Sprache so gut verstehe; denn glaube Imir, lieber Bruder: auch dieses ist eine heilige Spra^«, in der sich Gott offenbart.. Durch unsägliche Noty getrieben, trat er zu Hamburg als gemeiner Matrose, in den Seedienst eines. Kauffahrtei- Schiffes, dessen Capiran duld an „dem hübschen Burschen" fein besonderes Wohlgefallt n hatte. Durch . Fleiß und Auswrrlichkeit brachte er es in kurzer Zeit zu einer so hohen S>ufe in der Nautik, daß er allmählig von Grad zu Grad sich empormng — und ihm endlich die Leitung und das Irommando eine- Schiffes gänzlich übertragen wurden. Ohne Unterlaß jahrelang zur See, umsegelte er zweiWaldie ganze Erde — bis er sich in der Heimath seines gewesenen CapitänS, in New- 'Orleans, ansiedelte. Hier auf Verwendung seines, ihm I in Liebe und Freundschaf zugethanen frühem CapitänS,! selber zu diesem Range defiröerk, leitete ec selbstständig einen! nicht unbedeutenden Handt l ein, den et allmählig dis an die! Nordtzüste von Afrika, das atlantische Meer, und spater > sogar bis/ ins Innere der BardareSken: Algier, Fez und I Marokko mit solchem Erfilge auSdehnte, daß er nach einer 1 nahebei 10jährigen' Abw«! mheit (1808) als ÄHiüionar r-'