Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1860-01-01 · 4 (1860) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1860)
Issue
4 (1860)
Date
1860-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/4908862-5999354-6026338--1543-4910078
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Jüdisches Bolkslilatt. Zur Reiehrung und AnterhaNung auf jüdischem ZeKiete. Herausgegeben von - Rabbiner vr. Ludwig Philippsou in Magdeburg. lNo. 4. 1860.^ Von dieser Zeirschnst erschein, wöchentlich eine Stnmmer. Preis dek Jahrgang« t Thlr. V.erlcll-Hns 7 U Ngr. Alle Butdandlungeii, Pöstämicr und Ze,m»g«erved,tione» nehmen Bestellungen an. ' [7. |ahrg. 1. Quartal.] Die Mortarageschichte auf dem Pariser Theater oder die Kartenschlagen». AuS dem I^ieo ä'Israel von S. Honel. Das düstere Trauerspiel von Bologna auf die Bühne zu bringen, es in seiner ganzen Häßlichkeit und all' seiner erschreckenden Wahrheit darzulegen; dasselbe vor dem intelligentesten Auditorium in all' seinen horribelen Einzelnheiten aufzurollen, in welchen man einer Mutter, im Namen einer Religion voller Liebe und Barmherzigkeit ihr Kind raubt, das sie unter ihrem Herzen getragen und geboren hat, das sie mit aller mütterlichen Liebe gepflegt und dessen erstes Lächeln sie belauscht hat; mit einem Worte, ein solches Werk zu schreiben, dasselbe darzustellen und leidenschaftlich vor dem Angesichte von Paris kn Gegenwart unsres erhabenen Herrschers zu applaudkren, ein Drama, dessen Lösung noch dazu auf so eigenthümliche Weise mit dem beklagenSwerthen Vorfall, an den eS erinnert, contrastirt, das \ ist sicherlich ein edler Gedanke, der nur in einem edlen Herzen entstehen und nur durch eine edle Begabung ausgeführt werden konnte. Wenn sich die Dankbarkeit aller Israeliten bis zum Throne des Kaisers erheben muß, der durch seine Gegenwart den Glanz der Vorstellung erhöht und mehr als einmal durch ein Zeichen des Beifalls seinen Schmerz über eine Handlung ausdrückte, gegen welche er nur im Stande war zu protestiren, so schulden wir nicht minder unsere Anerkennung demjenigen,, den die Pariser Presse als den Verfasser der „Kartenschlagerin" bezeichnet, dem Herrn Victor S^jour, dem verdienten Dramaturgen, der e» verstanden, in einem so wichtigen Augenblicke das Interesse und die Sympathien, die man in einer uns schon ziemlich entrückten Zeit für die unglückliche Familie Mortara auf eine so allgemeine und ganz besondere Weife empfand, wieder zu erwecken und zu beleben. Möge der Donner des Beifall«, mit welchem das edelmüthige Volk von Paris die unerwartete Lösung dieses dewundernswerthm Drama'S ausgenommen hat, in Balde dieselbe Wirkung haben als wie die Töne der heiligen Trompete auf die Mauern von Jericho hervorgebracht, und die Mauern des KatechumenatS zerschmettern, in dem man den jungen Märtyrer Edgar Mortäca seinem Gotte und seinen tiefbekümmerten Eltem vorenthält. Möge das Beispiel dieser beiden Mütter, die eine das Ju-. denthum, die andere das Ehcistenthum darstellend, die vor einer kleinen Weile von unbeugsamem Hasse gegm einander beseelt waren und sich einen Augenblick darauf die Freundeshand reichen, überall befolgt werden und den Anhängern' aller ReligionSparieim Gefühle der Duldung und Brüderlichkeit, di« aus jeder Zeile von Herrn Sejour's Werke athmen, einflößen! In einem kleinen Dorfe unweit Genuas, lebte in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts eine jüdische Familie, bestehend aus Gideon, Gemea feiner Frau, und Noemie ihrer zweijährigen Tochter. Gideon befaßte sich mit dem Handel und infolge sseinec Fähigkeiten und seiner Redlichkeit hatte er sich e^n ziemlich ansehnliches Vermögen zu erwerben verstanden,I dem bald ein«- reiche Erbschaft folgte, die er in Genua in Empfang zu nehmen aufgefordert wurde. Bevor die beiden Gatten nach dieser Stadt abreisiten, vertrauten sie ihr Kind der Sorgfalt stiner Amme, Martha, der Frau eines Seemanns an, da sie fürchteten, dasselbe den Anstrengungen der Reife auszufetzen. Kaum hatten sich die Eltern entferntals die kleine Noemie emstlich erkrankte und die Aerzte alle Hoffnung aufgaben, sie zu retten. Voller Herzensangst, fast sinnlos vor Schmerzglaubt Marcha, die Amme) die eine Italienerin und Christin ist, indem sie den geliebten Körper des armen kleinen Geschöpfes verlor, feine Seele retten zu können, und nachdem sie der kleinen Noemie eine Reliquie umgehangen, tauft sie dieselbe. Die Kranke wird wie durch Zauberei wieder gesund Um das Heil, dieser neuen Christin zu sichem und sie den »erhängnißvollen Einflüssen ihrer einem verdammten Stamme angehörenden Eltern zu entziehen, vertraut sie Marths den Nonnen des AnnunziadenordenS an, und nachdem sie! geschworey^-oiemüls den Ort, wo sich das Kind befindet, zu entdecken, begiebt sie sich an die" Wiege zurück, um dje Rückkehr Gemea's zu erwarten. Die heftigste Unruhe, die grausamsten Beängstigungen quälen sie; sie ist allein, ihr eigner Sohn hat sich soeben eingeschifft. Gemea kommt an, sie sucht! die Wieg« mit den Augen, sie läuft darauf,zu: die Wiec e ist leer.! Auf die vielen und dringenden Fragen, die sie r Hut, um zu erfahren, wo ihr Kind ist, bleibt Marcha unber>eglich, wie an ihrem Sitz -genagelt und fetzt das Schweigen des Todes entgegen. .Der armen Mutter, einer Beute der schrecklichsten Verzweiflung,^ gelingt es endlich, diese wen gen Worte ihr zu entreißen: Noemie ist nicht roht! Mirtha, ihrerseits, von Erregung und Schmerz über den A rblick dieser armen sinnvenvirrken Mutter zuckt zusammen md fällt leblos zu Boden: die Milch steigt ihr zu Kopf, l ie stirbt,' < Siebzehn Jahre vergehen. Noemie, die nach ihrer Taufe einer Gräfin: iomelllat Übergeben worden ist, ist die niedliche und anmutl ige Paula, die Braut Ottavio's, ihres Milchbrudrrs, geworden. Gemea, erfüllt von den letzten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.