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Jüdisches Volksblatt · 1860-01-01 · 3 (1860) · p. Seite 12

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1860)
Issue
3 (1860)
Date
1860-01-01
Page
Seite 12 (sequence 4)
Language
German
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1 12 Der Hauptfactor in Ser ersten Erziehung de- Kindeist die Mutter. Wie erfüllen aber die meisten derselben diese ihre edle Aufgabe — .. Weil entfernt da- Fallen derS.chrvnken zu bedauern, 'die sich in früheren Zeiten zwischen den Anforderungen de-Leben- und den altherkömmlichen Sitten und Vorschriften.bildeten, oder gar da- Zurückdrängen in den alten Schmutz der Jubengassen herbeizuwünfchen, wird doch jeder Vernünftige mit unbedauern, wie namenklsth unsere Glaubensgenossen, sich nicht mehr damit begnügen, gleichen Schritt mit der Zeitrichtung zu halten, sondern sich unadläsug bemühen, immer allen Andern um einvor züstin, wahrend man dareligiöse Element, wie im ganzen Familienleben, so namentlich auch in der Erziehung der Kinder, alS unnützen, nicht mehr zeitgemäßen Ballast üder Bord zu werfen sich bestrebt. ES ist dies gewissermaßen „modern" und geböct zum bau loa. Nachdem die Mädchen aus den Töchterpenstonaten entlassen sind, in welchen sie mit wenigen Ausnahmen einzig und allein für das „Erscheinen'"' zugestutzt werden, so gehl von Stund an ihr und ihrer eitlen Mütter Streben vornehmlich dahin, Effect zu machen und zu erobern. Zu dem Ende muß ihre „Erziehung" hm und wieder noch vollendet werden. Pianospielen und Singen, Tanzen und Malen, Unterhaltung führen. Putzen und Coquemrrn sind unvermeidliche Kennmisse und Ferrigveiten. Unnütz, lächerlich, ja bei Dielen sogar entehrend ist Allewas auf- Judenthum, auf's Religiöse Bezug hat. Eine solche an Genuß und Vergnügen gewöhnte Tochter, die schon seil ihrem zwölften Jahre die „Dame" gespielt, alle Moden mit durchgemacht. von allen Freudenbechern. genascht, Th«, «lansauis und Balle besucht und die Huldigungen der Männerwelt .empfangen har, wird dereinst Alle-, nur keine jüdische Mutter sein. Ist sie aber so glücklich, «inen ihr ebenbürtigen Ehe, gemahl zu finden, so werden wohl die Kinder nicht als ein Geschenk de« Himmelbehandelt werden. Sind aber die Väter heul zu Tage besser i! — Der Sohn soll nun bald confirmirt rrxa ^a werden, und der zärtliche Vater findet Gewissensstrupel, ob er sich einige Wochen selbst zum Heuchler machen, seine Ansichten so weit verleugnen soll, die — Tfillin — anzulegen, damit der Sohn diesen veralteten Gebrauch doch wenigstens auch kennen und üben lerne. Ein Andrer kommt dagegen durchaus nicht in Verlegenheit und erklärt dem christlichen Lehrer seine- SohnAdaß Letzterer am Saddakh nur schreiben solle, da in feinem Hause ja doch auch , und die Papiere fallen der Sonntag aleigentlicher Feiertag begangen würde. 1 E« mögen jetzt einige Jahre her sein, alich gerade um diese Zeit auf einige Tage nach X. mußte. Auf der Straße begegnete mir rin guter Bekannter, dm ich auf Einladung nach Hause begleitete. Schon nach dm ersten zwanzig Schritten erklärte er mir, daß die Zeiten von Tag zu Tag schlechter und' theurer würden, nnd er die Au-gabm kaum Der gute Mann hatte früher Äeburtsorte gelebt, war als d für wohlhabend bekannt. mehr zu erschwingen vermöge, geehrt und'vergnügt in seinem «in tüchtiger Geschäftsmann arr Ich konnte daher nicht umhin, ihm mein Befremden darüber auSzufpcechen. Ec schüttelte best Kopf und meinte, daverstände ich nicht. Seine Au-gabm seien gleich Null, aber die Kinder müßten ordentlich erzögen werden und die Familie überhaupt dem Stande gemäß leben. Ich schwieg, weil ich die Verhältnisse nicht genauer kannte. Wir gelangten in feine Behausung. Ich äußerte den Wunsch, die Kinder zu sehen, und mein Freund hatte die Güte, mich in die im hintem Tdeile der Wohnung gelegene, durch ein Gitter adgesperrte Kinder - und Mägdestube zu führen. Erschrocken prallte ich auf der Thürschwelle zurück. Zwei hübsche Bübchen, ganz ä la D>ode gekleidet, tummelten sich im Zimmer mit noch einem Mädchen herum. Letztere-.im lururiösesten Aufwand«, für eine Pcachrpuppen-Au-steUung jeden Augenblick fertig. Der größere der Knaben kannte mich noch vom Lande her und rief erfreut: Herrje! — Herr K. ist auch hier. Der Gegenstand meines Schreckens befand sich aber in der Ecke des Zimmers: es war ein — Christdaum, wie er wohl in keiner christlichen Kinderstube vollendeter sein kann. Die Sache klärte sich ganz einfach auf. Der Vater wollte sich nicht um die Kinder kümmern und schützte Geschäfte vor. Die Mukrer hatte mtt ihrer Toilette, mit Visite und andern Sachen so viel zu thun, daß ihr keine Zeit für die Kinder blieb, die demnach ganz der Leitung christlicher Dienstboten überlassen waren. Wie diese ihre Pflicht aber so vollkommen erfüllten, haben wir eben gesehen. Auch in dem Hause eineandern Freunde-, den ich später besuchte, hörte ich nichts, alvon den schönen Sachen, die den Kmdern vom Christrindlein bescheerl wurden. Wasoll man aber zu Eltern sagen, welche dir zartesten und reinsten Heczen-blükhen, die freie Entwickelung de-Geisteihrer Kinder, so mit Gcwalk zu Grunde richtend — Darum nochmals, ihr Eltern, wenn euch da- Wohl eurer Kinder wahrhaft am Herzen liegt, suchet sie nicht der angeerbten Religion ihrer Väter mit Gewalt zu entfremden. Gebet ihnen neben der schlüpfrigen Tagesliteratur, Sue'schen Romanen oder dem Koran, den wir neulich französisch in den Händen eines zwölfjährigen Mädchenfanden, die Bibel in die Hand. Denn es könnte kommen, daß euch die Haare über eure Erziehung zu Berge stehen, wo Hilfe nickt mehr möglick. Leder und strebet nicht dlos nach dem vergänglichen Mammon, nach Vergnügen und Genuß. Egibt ein höhere-, bleibendere- Gut, daeuch nie entrissen weroea kann, und daauch euren Kindern zur schönsten Zierde werden wird, eist die Tugend, der Glaube und die Freude mit Gort. Da- Familienglück auf solchem Grund erbaut, ewird bestehen, wenn auch die Curie sinken, die Geschäfte stocken - Die israelitische Bibelanstalt. Die Spenden zur Herstellung und Verbreitung hebräischer und hebräisch - deutscher Bibeln haben die Höhe von 3373 Thlr. 16 Ngr. 3 Pf. erreicht. Allgemeine Zeitung de« IudentbumS. No. 2. 1860. Leitende Artikel: Der Breslauer Kreistag. — Tie israelitische Bibel-Anstalt. — Literarischer Wochenbericht. Zeitungsnachrichten: Deutschland: Aus Baden, aus der Pfalz, Cassel, München. Preußen: Posen, au« Hinterpommern, au« Pommern, Berlin, Stettin, au« dem Posenschen. Oesterreichifcher jtaiserstaat: Prag, Prag. Frankreich: Pari«. Zu beziehen durch jedes Postamt und jede Buchbandluug. Jährlich 3 Thaler, vierteljährlich % Thaler. Verlag von B Verantwortlicher Redacteur: K. Nabe, umgartnct'« Kmdbanvlun^ in Leipzig. Druck ton Altofing in Leipzig.

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