Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1860)
- Issue
- 1 (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 ✓ er Alles vergißt, er gehr, traumend umher und scheint oft taub für alle Belehrung zu fein. Kaum bat er ein Buch in die Hand genommen, so wirft er es weg." Zerstreutheit ist freilich ein gefährlicher Fehler, wenn er anstatt; er desteht darin, daß vielerlei Erregungen im Grmüth aygefacht sind, und nun tritt bald die, Halo jene ifl's Bewußtsein. Wenn aber ein fortwährender Wechsel mit den Reizen der Seele vocgeht, ohne daß ein chcsonderer'EindruckHalt! Neue gehen zu lassen." Mein liebes Mutterherz, was Witz und Spaß berrifft, so vergiß nicht, daß er die erste Gabe des Verstandes ist. Mil dem ersten Witze hat das Kind auch den ersten geistigen Funken aus sich geschlagen. Der Witz ist ja weiter nichts, als eine Combination gleichartiger Dinge. Freilich. da im Kinde höhere Begriffe die Zusammenstellung von Gedanken und Dingen nicht regeln, so kommt manches Lächerliche heraus. Aber hier ist vom gebietet, so ist Unentschlossenheit, Abschweifen von einem ^-Lächerlichen zum ErhLdenen auch nur ein Schritt. Witzige Gegenstände zum andern, Leichtsinn. ja Eharäkterlosigkeit die unausbleibliche Folge. Die heutige Kinderwelt bietet Erempel genug. Ader ehe du, lieber Vater, dein Kind verurtheilst, erforsche di« Ursachen. Har ma» das Kind mit Spielzeug überbaust, hat man ihm bald dieses, bald , jenes vocgelegr, hat man es vielleicht recht viel auf einmal lernen lassen, hat man es recht m.r?trailict mir Anhören von Dingen, die eS nicht verstanden har, dann wundreioich nicht, dein Kinb ist ein armes Opfer der Erziehung. Heiden kannst du e« nur dann, wenn du ihm alles Hecumstarrern.mit dem Geiste unmöglich machst. Gib ihm Aufgaoen, die anhaltende Aufmerksamkeit verlangen, dulde kein Nippen auS Büchern, fondem gib ihm solche, die seinen Geist so fesseln, wie eS bei dem Schriftsteller Johann 'Daniel Falk der Fall war, der als Knabe in rauhen Herbst - und Winterabenden nicht selten so lange unter einer Laterne feines Hauses 'Trin Vater verbot ihm alle Lecrürei las, diS ihm die Finger erstarrten und er kein Blatt mehr umw.nden tonnte. Momentane Zerstreutheiten kommen bei jedem Kinde ^or. Die junge Seele ist für Reize außerordentlich empfänglich und jeder neu« Eindruck zieht daher seine Aufmerksamkeit auf sich. In solchen vereinzelten Fällen, wo nun viele stark erregende Eindrücke an'S Kind kommen, da ist die Zerstreutheit kein Fehler, fondem sogar eine Tugend. Dah Kind würde stumpfsinnig sein, wenn es nicht bisweilen zerstreut wäre. Was aber das Träumen andelangr, fo Kat eS damit folgende Bewandrniß: Es kann dasselbe oft ein Zeichen fein von zwei goldenen Fäden, die das Kind leiten. Stille Einkehr bei sich selbst, oder ein reiches Gefühl für die Außenwelt, für andere Menschen rc. ES gibt Kinder, oeren Anlagen fo kräftig sind, -daß ein Gegenstand sie wohl tagelang beschäftigt und alles Andere für sie todr ist. Dann ist ihr Träumen hoffnungsvoll. Es gibt auch Kinder, die über eine Freude, die sie Andern machen wollen. Alles vergessen, die ein Andenken an rheure Lieben vollständig fesselt. Solch« Träumer sind auf dem Wege, die liebenswürdigsten Menschen zu werden. Aber wenn das Träumen zum trägen Hinbrüten wird, dann ist es entweder ein Einwiegen in süßliche Empfindeleien ober ein« gewisse Deaktcägheit. Beides ist ein gewaltiger Fehler und mpß um jeden Preis geheilt werden. Man lasse den Träumer recht oft Rechenschaft von feinem Thun adlegen, man feur« ihn an, man gebrauche die Mathematik als Medicia, lasse ihn tüchtig im stopfe rechnen, gebe ihm Rärhsel auf, und entfeme Bücher von ihm, die nutzlose Träumereien begünstigen. - Doch da hören wir noch eine Mutter: „Ach wenn nur mein Sohn," sagte sie, „Haltung und Anstand lemte! Nichts als dumme Witze hat er im Kopfe, und jedes neue Kleid scheint ihm fast eine Aufforstung zu sein, sich ausis zu Kinder sind sehr oft sinnreiche oder scharfsinnige Gelehrte geworden. Denn die Neigung zu vergleichen wird dann eine Neigung zu prüfen und schaffen. -Darum, Mutterherz, drücke über die Witze und Spaße deiner Kinder gern ein Auge zu. Daß Kinder ferner oft wenig auf ihr Aeußeres halten, ist wieder natürlich. Kinder beschäftigen sich ungern mir Formen und .vergessen daher auch über einem Genuß ganz und gar an's neue Kleid zu denken, welches sie in schönster Form nach Hause bringen sollen. Gott fei Dank! baß eS so ist. Kinder, die schon.früh sich mit Schniegeln und Bügeln, mit Zieren und Verzieren beschäftigen, werden mlr der Zeit seichte, anmaßende, dünkelhafte Menschen, die Andere wieder nur nach dem Kleide beurtheilen und deren ganzes Dasein ein wahres Puppenleden ist. Zschokke sagte: „Je mehr man an mir arbeitete, mich striegelte und bügelte, desto rauher und toller wurde ich." Das laß dir gesagt sein, theure Mutter; laß deinem Kinde keine wesentlichen Ungeschicklichkeiten zu, aber dann schreie nicht fort und fort: „Halt! Laß das! Komm her! Willst du!" Ein Kind, welches sich fort und fort in wiche AuscnfungSzeichen verwickelt sieht, wird Alles, nur kein fester, ledenSfri^.'l Eharakter >veroe'.. OaS sagen Psychologie und Erfahrung laut genug. Notizen des Tages. Durch k. k. Verordnungen sind einige der drückendsten Ausnahmegesetze für die österreichischen Juden aufgehoben worden, nämlich das Verbot, christliche Dienstboten zu halten, wo es noch in Kraft stand; die Einholung der kreisämtlichen Bewilligung bei Schließung einer Ehe; auch wurden alle Processe gegen die Besitzfähigkeit von Juden, welche Grundstücke erworben haben, einstweilen fuspendirt. Bei dem jüngsten Kreistage in Breslau hat ein adliger Rittergutsbesitzer die drei anwesenden jüdischen Rittergutsbesitzer schwer beleidigt, die Sache.ist der Staatsanwaltschaft übergeben. Allgemeine Zeitung de« ZudentbumS. No. 53. 1859. Zeitungsnachrichten: Deutschland: Aus Bayern, aus Baden. Preußen: Berlin, aus Schlesien, Breslau. Oesterreichischer «anerstaat: Gr. Becskerek, Wien, Wien, Wien, Gaya. Frankeich: Pari». Großbritannien: Eanlerburv. Italien: Rom. S3F* Zu beziehen durch jedes Postamt und jede Buchhandlung. Iabrlich 3 Thaler, vierteljährlich yt Thaler. Verantwortlicher Rrdacteur: K. RAH«. »trug «ca San» jiitBtt’« Ö»<W«antiuRg ix vtivüg. — Druck von Lrevsiug in veipjig.