Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1859)
- Issue
- 42 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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> Jüdisches Volksblatt. Zur^ Belehrung und Unterhaltung aus jüüsschem Gebiete. HerauSgegeben von Rabbiner Pr. Ludwig Philipps»» in Magdeburg.: . _ /vi Bon dieser Zeitschrift erscheint wSchrnllich eine Rummet. Preis de« Jahr» rn cw «. a i » l lRo. 42n8a0.] **M*,,f t6- 3ahr9- 4- $uartal] Der ewige Jude in London.*) % London, 22. August. An einer Ecke der Themsebrücke stand seit zehn Jahren ein alter jüdischer Bettler, eine jammervolle, zerbrochene, welke Menschengestalt mit eisgrauen Locken und halberblindeten Bugen. Sein Anblick erregt, das tiefste Mitgefühl. Diele bedachten ihn mit einer kleinen Spende, Alke bedauerten ibn. )obn Mudley nannten »dn die Einen; ..der ewige Jude von London" hießen ihn bi, Andern, auf das merkwürdige Schicksal deS Unglücklichen anspielend. John Mudley. der ewige Jude von London, ist nicht mebr. Er ward dieser Tage zu Grabe getragen, und dem Sarge deS Bettlers folgten der See» und Land- Rabbiner von Großbritannien und fast alle die jüdischen Krösuse, welche die City aufzuweisen bat. Woher dieses stolze Grabgeleite deS Bettlers? Der Grund dazu ist in dem Schicksale zu finden, baS dem Manne den abenteuerlichen Namen: „Der ewige Jude'' zugezogen hat. Wir wollen eS in Kürze erzählen. John Mudley war ein Jude auS Smyrna und bieß eigentlich Abraham ben Padok. Bor 50 Jahren beiläufig lebte er daheim im Hause seiner Eltern, im Kreise von 6 blühenden Geschwistern. Er war in» üppigen Wohlstand deS Orients herangewachsen — da sollte mit einem Schlage alle- Glück seiner Jugend vernichtet. Alles ihm geraubt werden, waS die Freude seine- Lebens ausmachte. Der Pascha von Smyrna bekam nämlich eine üble Laune und um sich zu zerstreuen, verfügte er die Plünderung, Vertreibung, Ermordung der Juden. Die ihre- Herrn würdigen MoSIimS beeilten sich datz gottgefällige Werk nach Kräften zu vollführen. Der Jüngling fab seinen Vater viertbeilen. seine Mutter erdrosseln, seine Schwestern schänden, seine Brüder unter den entsetzlichsten Qualen sterben — wahnsinnig vor Schmerz.und Verzweiflung sprang er auS dem Fenster dezweiten Stockwerkes — bewußtlos blieb er liegen — und als er erwachte, befand er sich auf hoher See. am Bord eineenglischen Schiffes. Eine wackere englische Theerjacke hatte mit zwei gewaltigen Fauststößen in den Bauch einen Türken niedergeborl. der mit frommer Geschäftigkeit die Art über den Kopf dearmen Judenburschen schwang und keiner der MoSlimS wagte Widerstand zu leisten, alder biedere Sobn degewaltigen ') Aus den, „Fortschritt". Nr. 105. AlbionS sich seinen Schützling über die breite Schulter warf und ihn in ddn Hafen trug. Er überssanh eine schwere Krankheit glücklich. .Meder genesen, zerstreute ibn die Bekanntschaft mir fremden Städten, fremden Völkern; die Jugendkraft machte sich geltend und drängte die Erinnerung an die Schrecken der Heimath immer mehr in den Hintergeemd. Auf dem Schiffe fand er alle Theilaahme. welche edle Menschen so namenlosem Unglücke spenden können; er begann mit der Well sich zu versöhnen und Lebenslust kehrte wieder in sein -Herz ein. Da- Schiff lief ist die Themse ein und Padok kam nach London — in der Tasche einige Pfund Sterling, im Kopfe einige praktische Lehren, welche ibm ein hoch, finniger Gentleman gegeben hatte. Die guten Lehren lauteten: ,.W«r arbeitet, gebt in England nicht zu Grunde; gelingt'- mir dem Einen nicht, so versuch.' man da- Andere; nur wer sich selbst aufgiebt, ist verloren; Zeit ist Geld." Der alte Padok in Smyrna hatte mir Südfrüchten gehandelt; fein Sohn verstand bereitda- Geschäft ein wenig und er kaufte sich ein Körbchen voll Südfrüchte. Damit stellte er sich an die Themsebrücke hin. Die kleidsame Tracht de- Osten-, welche er noch immer beibehalten batte, die feinen» regelmäßigen Züge, gehoben durch den Ernst des Orientalen, geadelt durch den Au-druck tiefen Seelenleids, belebt durch das schwarze, brennende Auge, — machten den Jüngling zu einer sebr interessanten Erscheinung. Dafand denn auch eine stolze Lady. die in ihrer prächtigen Eauipage an dem Burschen vorüber fuhr. Nachlässig in die damastenen Polster zurückgekehnt. kam sie angefahren, .wie elektrisch berührt, erhob sie sich, alsie den Burschen erblickte. Mylady ließ anbälren, leerte daS Körbchen dearmen Jungen, füllte, sich daweiche Herz mit dem Feuer feiner schwarzen Augen und zahlte weit über den Preis. Padok freute sichdeS seltenen Glück,- —^eS sollte ihm aber bald nicht mehr selten sein. Mylady kam täg lich und blickte, immer mehr in die schwarzen Augen de- Jungen. alS ans die Maare. welche sie koch sp reichlich bezahlte. Auf solche Falle hatten allerdings die weifen Lehren de- Gentleman nich Bedacht genommen, aber Padok hatte etwas Aehnlichein den Mährchen feinephantasiereichen Vaterlandes schon gehört. Er segnete im Stillen die „schöne Prinzessin" und blickte fie immer inniger an. je öfter fie kam. und jsie kam immer öfter, je inniger er sie mit seinen magischen Augen anblickte, je besser ibm die