Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1859)
- Issue
- 40 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Bolksblatt. Zur Lelehrung und Anterhaltung Herau-gegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson auf jüdischem ZeKiete. in Magdeburg. sNo. 4V. 185S j von diestr Zeilfchrift erscheint wöchentlich eine Ruaw,rr. Prei« de« Jahrr„ « , . A , gang« l Thlr vierteljährig , Ngr. »lle Buchhandlungen, Postämter . 10. 31170. 4. QpUHn&l I und Zeitungsexpeditionen nehmen VeSrllnagen L-. L C5U4MS5* Der geraubte Tohn. Ein Sittenbild der Gegenwart. Bon Dr. S. Formstecher, Rabbiner zu Lffenbach a. M. (Fortsetzung au« Nr. 37. 38.)__ V. Die Errettung. Bereithoch stand die Sonne am HimmelSbogen, als sie durch die runden Fensterscheiben ihre Strahlen in die stille Zelle sandte, um den erst spät cingeschlafenen Or. BasilideS auS dem liefen Schlummer ru wecken und ihn an seinen Entschluß zu erinnern. Schnell befand er sich außerhalb den dumpfen Klostermauern und eilte in einer Kleidung, in welcher Niemand in ihm einen Mönch ahnte, vorsichtig aust verschiedenen Umwegen in die Privatwohnung depreußischen ConsulS. Der bereitbejahrte, aber dennoch jugendlich rüstige Vertreter deS HofeS der Tolerauz und der Intelligenz nahm ihn mit einem Zutrauen einflößenden Wohlwollen auf und lieh ihm zu seinen wichtigen Mittheilungew,ein aufmerksame- Obr. Der junge Arzt schilderte mit hinreißender Beredsamkeit den bo-haft entworfenen und grauenhaft ausgefsthrten Mordplan gegen die Juden, dankte ihm im Namen dieser brklagenSwertheU Opfer deS Fanatismus für feinen ihnen gewährten rettenden Schutz und bat ihn aleinen Gesandten der Vorsehung um die Rettung deunschuldig zuin Tode ver- 4irtheilten jüdischen Dorfangers. Erschüttert durch die lebendige Darstellung de- DoctorS und schaudernd wegen der schwarzen Tiefe, in welche die aufgestachelte Leidenschaft den Menschengeist zu stürzen vermag, versprach der Conful feinen ganzen Einfluß geltend zu machen, um die Bosheit zu entlarven und die Unschuld zu reiten. Allein zugleich beleuchtete er auch die großen Schwierigkeiten, welche der Ausführung diese- Entschlüssesich entgegenstellten. Er erinnerte den Doctor an die Bestechlichkeit vieler Beamten, daß diese wahrscheinlich durch da- Gold der griechischen Kaufleute schon zu verblendet seien, um in dieser Angelegenheit Wahrheit von Lüge unterscheiden zu wollen, oder zu können; er erinnerte ferner, daß da- Kloster nicht unter weltlicher Gerichtsbarkeit sich befinde, daß eine Anklage gegen dasselbe vor den Stuhl d,S Patriarchen gebracht werden müßte, daß aber diese oberste Klosterbehörde Alleaufbieten würde, um jeden Skandal in seinem Bereiche zu unterdrücken, daß bei einer eingeleiteten Untersuchung sicher vor Allem der eingesperrte Knabe unsichtbar gemacht werde, daß gegen ihn, den Doctor selbst, als gegen einen abtrünnigen Sohn der / Kirche, solche Anklagen geltend gemacht werden würden, welche, ihn zum lebenslänglichen Kerker verdammen würden, uich daß endlich kejn, Mittel gescheut werden würde, um die Schubmacherfrau. diese einzige zeugend, Person, zum ewigen Schweigen zu bringen. „Ich verkenne die zu bewältigenden Schwierigkeiten nicht", erwiederte hierauf Dr. BasilideS, .-.auch nicht die Gefahren, welche bei diesen Enthüllungen sowohl dem Knaben als jener Frau drohen, aber dürfen wir wegen dieser Befürchtungen -einen unschuldigen Menschen alS Verbrecher hinrichten lassen? Dürfen wir deshalb eine ganze ReligionSgenoffenschast der Verfolgung und—dem scheinbar gerechten Haffe ihrer Feinde für die ganze Zukunft Preis geben? Den Gefahren, welche mir drohen, werde ich zü entgehen wissen. Ich werde ohnedies, sobald meine Aufgabe, die Rettung deS unschuldigen Juden, gelöst sein wird, weder im Kloster noch überhaupt in Rußland bleiben. Sie, mein Herr, sind von der Vorsehung berufen, hiex als Retter der Unschuld zu. wirken und bei dem Heiligsten beschwöre ich Sie diesen hohen Beruf nicht abzulehnen." Auch der Confstl fühlte von dem Gedanken sich begeistert. bäß eS ihm heiliger Beruf fei, hier als rettender und schützender Bote der Vorsehung einzugreifen; er erklärte dem Doctor seine 'gänzliche Bereitwilligkeit zur Ausführung d^S entworfenen Rettung-plane-, bemerkte aber zugleich, wie die einzuschlagenden Wege mit der höchsten Vorsicht zu betreten seien, wenn sie zum erwünschten Ziele führen soviel,. , Umsichtig beleuchteten deshalb t»fr" beiden Männer von allen Seite» den Plan für ihre Unternehmungen, entwarfen und bestimmten Ersatzmittel für den Fall, wenn irtzend ein Versuch mißlingen sollte und schieden nach langer Deratbung, indem sie sich bieder die Hände reichten unh durch einen Blick zum Himmel auS» drückten: „Gott wird unser Werk gelingen lassen." Der Eonsul zog sich in sein Eabinet zurück und. zum Staunen seist,- Geheimschreiber-, schrieb er an demselben Tage eigenhändig mehrere Stunden lang emsig und sinnend. Endlich war her. lange Bericht vollendet und mit der Aufschrift an. die Königl. Preußische Gesandtschaft in St. Petersburg wurde; da- Paquet zur Post befördert. -Die Vorsehung waltete., dagute Werk sollte gelingen. Der preußische Gesandte hatte noch an demselben Tage, an welchem er jene Zuschrift erhielt, eine Audienz bei dem ersten Minister am russischen Hofe, und schon am folgenden Tage war der Kaiser über datraurige Ereigntß in seiner entfernten Seestadt, über dm ruchlosen Zusammen»