Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1859)
- Issue
- 37 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Bolksdlatt. Z°- j Belehrung und Unterhaltung auf jüdischem Zebiete. Herausgegeben von Rabbiner Vr. Ludwig Phüippson in Magdeburg. Mo. 37.1859.] Sen dieser geitschrttt erschein! wöchentlich eine Nummer. Preis des Iabr» gangs I Thlr. BierteljLhrig 7 >, Ngr. Alle Bochbandlungen. Psftäqler und Zetrungsexpeditionen nehmen Bestellungen an. [6. IsKrZ. 3. Quartal] Der geraubte Sohn. Ein Sittenbild der Gegenwart. Von vr. S. Formstecher, Rabbiner zu Lffenbach a. M. 1. Das Sprach;immer. Auf der nordöstlichen Seite einer bedeutenden HandelS- und Seestadt des weit ausgedehnten CzaarenreicheS, in welcher Russen, Griechen und Juden im Wettrennen nach Besitz und Reichtbum sich gegenseitig den Preis streitig zu mache:» streben, liegt entfernt vom geschäftlichen Treiben, im Dunkel alter Bäume, ein Kloster für griechische Mönche, in welchem daS bunte Leben mit seinem Wünschen und Ringen, mit seinen Licht« und Schattenseiten unter anderen Formen zwar, aber in ähnlichen Bildern wie in der bewegten Stadt sich darstellt. Dortbin. in jene Welt im Kleinen, lenkte an einem stürmischen Abend, an welchem der scheidende März noch einmal in feiner ganzen unfreundlichen Rauheit sich zeigte, tief im Mantel gehüllt, ein reicher griechischer Kaufmann'seine Schritte, dessen kräftiges Auftreten Murh und Entschlossenheit vcrrietb. Dem Pförtner, welcher auf sein Läuten an r-er Klosterglocke die schwere Thür halb öffnete, nannte er kurz seinen Namen, worauf ihm zugeflüstert wurde, daß Seine Hocbwürden ihn schon lange erwarte. Bekannt in ren verschiedenen Räumen und den sich kreuzenden Gängen deS ziemlich geräumigen . Klostertrat er unangemeldet m daS Sprachzimmer, wo er mir einem traulichen Händedruck von dem Vorgesetzten deS Klosters, welcher durch seinen Titel, HigumenoS, den strengsten Gehorsam von allen ehrwürdigen Brüdern fordern durfte, empfangen ward. - „Ich habe Euerer lange geharret", redete ihn der HigumenoS, den weißen Bart ^streichend, freundlich an. „welche Nachrichten bringt 3bt von eueren und unseten Freunden." ' „ES steht AlleS gut, hochwürdiger Vater", erwiederte ihm. sich gemächlich - niedersetzend. der Kaufmann, „und a!S ersten Beweis, daß die Heiligen unser Unternehmen unterstützen, erlaubet Zhr mir diesekleine Opfer auf dem Altar der Kirche niederzulegen." Bei diese» Worten legte er einen ziemlich großen Geldbeutel, gefüllt mit glänzenden Goldstücke», vor dem HigumenoS ehrerbietig nieder. Zufrieden lächelnd wog der hochwürdige Batet daS goldene Opfer auf seiner Hand, sprach salbungsvoll seinen Segen über dabegonnene Werk^ und fügte dann mit lauerndem Blicke die Frage hinzu: „Wer hat sich denn, mein Sobn. unserem frommen Unternehmen noch ferner, angeschlossen?" „Beveuttnve und reiche. Männer, hochwürdiger Vater. Zu unseren bereits früher genannten Freunden gesellte sich nun auch ckvch der KaufmannMKriona. der Banquier_ HomeroS und der Banquier Marmarino, treue Anhänger der heiligen Kirche und darum bittere Todfeinde deS: verhaßten Volke-, welchemit dem Fluche deS Herrn beladen . daS Joch dieses FlucheS nun abschütteln möchte, ja zum Aergerniß vieler Gläubigen bereitgroßen TheileS abgeschüttelt bat. Erscheinen sie da, diese ausgeschlossenen verwünschten Juden, auf unseren Märkten, auf unseren Börsen, bei unseren > Schiffen und aus unseren Straßen, kaufen und verkaufen, schließen Verträge ab und stellen Wechsel auS. als ob sie in ihrem vollen Rechte sich be« fänden; nicht als ob sie unsere Sklaven, sondern unsere Herren wären: glänzen in ihren Wohnungen mit den prachtvollsten Geräthschaften. erscheinen mit ibren reich geschmückten Frauen in unseren Theatern, auf unseren Bällen; sammeln Schätze und Güter und vergessen, daß der Herr sie verstoßen und verflucht hat zu verachteten Bettlern und verdammt hat zum Elende in der Zeit und in der Ewigkeit. Wird die Kirche sich behaupte^ können, wenn ihre Feinde sich im Glücke baden?" „Beruhigt Euch, mein Sohn", entgegnete dem leidenschaftlich erregten-Kaufmann der HigumenoS. „dieseweiße Haar hat schon manchen Triumph der Kirche über ihre Feinde erlebt, eS wird auch die Rache erblicken, welche wir für dieselbe zur Verherrlichung deS Herrn auSüben. Wenn wir die heiligen Ostern feiern, wird die Kirche ihre ganze Kraft entfalten. so unS daS gläubige Volk seinen ' kräftigen Arm leihet. Die Epistaten und deren Vorgesetzter, daS Haupt der Polizei, ein tteueS. Mitglied der heiligen Heerde, ist für unser ftommeS Werk gewonnen; dieser wird seinen Untergebenen solche Anweisungen ertheilen, daß durch sie daS gläubige Volk im Dienste der Kirche nichtgestört werde; zugleich sind einige SchiffScapitäne für unser ftommeS Werk begeistert, deren muthige Matrosen tüchtig da.« Messer zu führen verstehen; eS kann demnach unser wohldurchdachter Plan nicht scheitern." — . Der HigumenoS, obgleich schon von^fünf und siebenzig ""-f Jahren gebeugt, deirrftth im Laufe seiner Worte-durch feinen glühenden Blick, daß in seiner Brust daS Feuer deS Fanatismus nllch mit ungedämpfter Gluth loderte, und gleichsam ungeduldig börte er dem nicht minder ereiferten Kaufmann Kfidy zu, als dieser ihm die verschiedenen Plätze bezeichnete, von welchen er und seine