Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1859)
- Issue
- 28 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Bolksvlatt ZZesehrung und Anterhaltung aus jüdischem HeKietd. HerauSge-i-bm ven^ '1*! Rabbiner Dr. Ludwig PhUippson in Magdeburg.! Mo. 28. 1859.] von dieser Zeitschrift erschein» wöchentlich eine Nummer. Preis gang- 1 Thlr. vierteljährig , Ngr. Alle Buchhandlungen, und ZritungSexpeditionea nehme» Bestellungen du.! [6. IrrKrg. 3. Quartal] R a b b a h. Eine Erzählung aus dem vierlen Jahrhundert. (Aortseyung au» Rr. 26. 27.) ..Du bist ein Mann. Rabbah, der nicht allein in die Tiefen deS göttlichen Gesetzeeingedrungen. sondern auch dawirkliche Leben nach allen seinen Seiten kennt und begriffen bat. Dahat eben Dich so groß gemacht, daß Du nicht einseitig den Buchstaben de- Wiffenfestzuhalten gestrebt, sondern mit gewaltigem Scharfsinn den Geist und den Zweck de- Gesetze- und seiner Ueberlieferung zu erforschen und es mit dem Leben in Uebereinstimmung zu bringen verstandest. Darum nannte man Dich den Oker Harim (Bergeversetzer), während Dein Genosse R. Joseph der „Sinai" nur mit dem überlieferten Buchstaben verraut ist." „Nun. Mar.Ukban. Du weißt, daß nicht Alle darin einen Vorzug finden. Du erinnerst Dich, daß al- R. Huna verstorben, und zwischen mir und R. Joseph die Wahl zum Oberhaupte der Mettbla schwankte, unsere Lcbrer in Tiberiaö dem Sinai (Mann de- Wissen-) den Vorzug gaben vor dem „Bergeversetzer" (Mann de- Scharfsinn-). Doch genug dessen wamich betrifft, sondern komme lieber zu der Sache, die »nir die Ehre Deines Besucheverschaffte." „Doch hat diese hiermit allerdings zu schaffen. Wozu sind die Gesetzlehrer da?^, WaS ist deren eigentliche Bestimmung? Da- Wortver heiligen Schrift steht fest, i Niemand kann es änd-rn. Aber das Leben der Men- ] schen und der Völker ist ein mächtiger Strom, der fort j und fort ein neue- Betr sich sucht, und zwischen Höhen > und Niederungen sich hindurch drängt, um seinen Lauf j nach Vorwärts zu nehmen. Die Verhältnisse ändern sich zu allen Zeiten; der Wcchselfälle und besonderen Zustände sind unzählige. Da beißt eS. das Gesetz guSlegen nach den Forderungen de- Lebens, damit beide ln Einklang bleiben. da- Leben sich nicht aufbäumt gegen da- Gesetz und es niederreißt und forrschwemmk, sondern vielmehr der Gedanke de- Gesetzeimmer wieder in neuen Formen beö Lebenverwirklicht werde, so daß da- Leben in dßr That dem Gesetze gehorcht, während diesejenem nachzugeben scheint. Dieist die große Kunst der Auslegung, die schon mit unsere« Lehrer Moscheh begann, und welche auch da- Wesen der Ueberlieferung auSmacht." „Mit Nichten, Mar-Ukban, ist daS Alleso sicher und wabr, .wie Du eda aussprichst, dann würde es die Schlauheit bald über die Treue, der Schein über die Wahrheit binau-z,bracht haben. Da- Gesetz ist kein Stück Wach-, davon jeder Hand zurecht geknetet werden könnte. Nein, da- Gesetz muß überall, wo eseinen wesentlichen Inhalt beitrifft, dem Leben unerbittlich entgegentreten; eS muß unverzagt selbst da- Leben brechen, die Gegenwart in Fesseln > schlagen, wenn es gilt eine lange Zukunft zu rettest, und im Voraus die Nachwelt für das Gesetz zu bilveii utiv zu erhalten.- Du verkennst in der That meine Ueber^zeugung und mein Streben, wenn Du eS anderverstehst., Denke zurück. waS ich und meine Vorgänger hier gefunden, und waS wohl daraus geworden wäre, wenn wir in Deinem Sinne gehandelt hätten. Wir habe» dem Volke nicht nachgegeben, als eS wider die S^ere des Habbarh'S murrte, als eS die Schranken d!^^^1srgesetze i durchbrochen hatte, als eS die Gebote der WDMheit hnheachtet lief.. Hätten wir^ damals das, waS Du Leb!en nennst, frei schalten unv walten lassen, wohin ^väre daS Volk gerathen? Sicher, eS wäre vom geizen Gesetze -nichts mehr übrig als der Buchstabe, der wibzr unö Zeugniß ablegte. Wir haben Erschwerungen statt Erleichterungen gebracht, wir haben einen Zaun gebaut um das Gesetz, damit die Thiere deS FelveS nicht Hereinbrechen »nv die göttliche Saat zertreten, bevor sie Früchte gebracht.'^ v „Du hast Recht. Rabbah. wie immer; aber es liegt an der Schwäche meines Ausdruck-, daß Du mich nicht verstehen könnt, st, und da mußt Du einem ungelehrten Fürsten schon Nachsicht schenken. Ich meine in der That nichi jene Gesetze der Heiligung, welche haS Reine vom Unreinen trennen und die' Söhne Israels auSsondern in der Mitte der Nationen. , Ich habe vielmehr die weltlichen Verhältnisse im Sinne, und daß diese wechseln und sich ändern, baß diese aus» für unganz andere geworden denn früher, wirst! Da zuqeben. Ebemalwohnten wir in unserem Lanve, beschäftigt mit dem Landbau. unbekümmert um die Völker ring-um, nur unserem Gesetze gehorchend, und dennoch haben auch dort schon unsere Weisen Verordnungen nach den Bedürfnissen de- Lebenim Widerspruch mit dem geschriebenen Gesetze erlassen, wie z. B. die Verordnung vom Bru-bul. Jetzt sind wir zerstreut durch die Länder^ nur Wenige von unkönnen der Bearbeitung de- Bodki'S obliegen; wir müssen in Handel und Wandel treten mit den Völkern; diese verlangen, daß wir uns im Verkehr nach ihren Gesetzen und Sitten richten, und ihre Gewohnheiten vorau-setzen. Wollen wir unhierin hartnäckig ihnen entgegenstemmen, so müssen wir van Markt und Bazar fern bleiben^ un-