Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1859)
- Issue
- 22 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Indisches Bolksblatt. 3nt Retehrung und Anlerhattung aus jüdischem ßebiete. Herau-gegeben von Rabbiner De. Ludwig Philippson^in Magdeburg. Mo. 22. 1859 ] Von tief« Zeitschrift erschein »öcheatlich eine 9(nmmer. Preis itt 3,itr« gaogs 1 Thlr. BiertrljS-rig 7 V* Rgr. Alle Buchhaadl»ngeu, Postämter und Aeiru»g«rxpedtttoi»t» nehme» Bestellnogtv an. s6. JsKrg. Z. chuartal-l Der Doppelmensch. Eine psychologische Skizze. ..Wollen Sie mir nicht sagen", redete mich jüngst eine Tame in einer Abendgesellschaft an, „waS man eigentlich unter Seelenwanderung zu verstehen bat?" ES ist meine Gewohnheit, auf eine unerwartete Krage nicht alsbald zu antworten, sondern, mich erst in eine ge« hörige Positur zu bringen, während dessen ich mir im Nu die Erwiederung, die ich zu machen habe, überlege, und svstcmatisch zurechrstelle. Die Folge hiervon hatte ich diesmal zu tragen. Denn ebe ich den Mund öffnete, um der Dame meine Belehrung zu Theil werden zu lassen, fuhr ein Anwesender, dessen Anwesenheit nicht Zimmer alle Regeln der Höflichkeit beobachtete, dazwischen, und redete die Fragerin also an: ,.Ab, geebrte Frau, darüber kann ich Ihnen genügenden Aufschluß geben, denn ick habe viel darüber gelesen. Die Seelenwanderung ist eine Lebrmeinung, die ibren Ursprung bei den alten Indern gehabt. Sic glaubten, baß der Mensch immer von Neuem wieder geboren werbe zu neuem Leben auf Erden, d. h. wie sie meinten, zu immer neuem Elend, so daß er rastlos durch den ewigen Wechsel von Geburt und Tod getrieben werde, um niemal- Ruhe zu finden. Der große Reformator der indischen Religion, Buddha, trieb dieso weit, daß er den Menschen und die übrigen Wesen gerade hunderttausend Millionen Eri« stenzen durchleben läßt, gewiß ein artige- Sümmchen, Er begab sich nach der Stadt der Malla Kuzinagara am Flusse Gandaki an den Höhen des Himalaja, um in der Rabe derselben in der Einsamkeit sich in die tiefste Meditation zu versenken, vermittelst welcher er sich aller der Leben-verhältniffe bewußt werden wollte, in denen er schon einmal gelebt. Und in der That glaubte er sich klar zu erinnern, wie viele und welche Wohnorte er früher bewohnt, in welchen Zeiträumen er gelebt und gestorben. und in welchen er wiedergeboren ward. Dort, sagte er sich, war ich, an jenem Orte, ich trug diesen Namen, ich war von diesem Stamm, von jener Familie, von dieser Kaste, ich lebte so und so viele Jahre, ich empfand diese- Glück und jene- Unglück. Nach meinem Tode ward ich dort und dort wiedergeboren, ich erlebte diese Schicksale, endlich bin ich hier wieder an- Licht gekommen. — Es ist gewiß schade, und Sie bedauern egewiß Alle mit mir. daß enur einem Buddha gegeben ist, sich so da- Gewebe der Wiedergeburten zu entwirren: denn wahätte wohl Jeder von unfür interessante Geschichten zu erzählest, wenn er nur in da- Echatzkästlein von rinigen hunderttausend vergangenen Leben hineinzugreifen bitte, um nach Belieben daraus zu wählen. Nach Europa soll diese .Lehre, der griechische Philosoph Pythagoras gebracht haben, aber er fand noch mehr und Anderes als seine indischen Lehrer. Er meinte nämlich, daß die Men/chen nicht bloS als Menschen schon gelebt hätten, sondern zur Abwechselung manchmal auch alS Thtere wiedergeboren würden. Hat nämlich eist Mensch während seine- Lebenbesondern Eigenschaften ode» Lastern gehuldigt. so gerathe seine Seele nach dem Tcwe in den Leib einesolchen ThiereS. welchem jene Eigenschaften oder Laster besonderzu eigen sind. Auch PyrhagoraS brachte ti glücklich herauf waS er in den vvrangHangenen Jahrtausenden schon gewesen sei, und wenn $ sich in einem der Helden detrojanischen Kriege-, deffeit Name Homer verherrlicht hat, wieder erkannte, und siä» dessen rühmte, so vertraute er doch auch seinen nächsten Freunden in einer schwachen Stunde an, daß er auch einmal ein Hahn gewesen. Nun, PvchagoraS muß am besten gewußt haben, warum diefo gekommen, und ob er etwa alS Philosoph ebenso streitsüchtig gewesen, wie als Hahn. Jndeß hat es auch in neuerer Zeit Kauze gegeben, welche dergleichen Meinungen begten. Marrvat erzählt vock einem Steuermann. der sich eingebildet, daß die Wck-»rch einem Zeiträume von so und so viel tausend und hundert Jabrm immer wieder von Neuem beginne und-sich dann alle Ereignisse bis auf die geringste That ^nd dakleinste Wort wiederholen —.wodurch: allerdings die Weltregierung eine ganz bequeme Arbeit wird. Doch in der That, ich erinnere mich hierbei eine- Vorgangaumeinem eigenen Leben, und wenn eS der Gesellschaft nicht unangenehm ist. will ich Ihnen denselben erzählen." Der redselige Mann, da-sich kein Widerspruch erhob, räusperte sich "und wollte eben seine Erzählung beginnest. alS die Dame sich ab-rmalan mich wandte und sagte: „Wollen Eie nicht zuvor, lieber Donor, mir klar machen, wodurch wohl die Menschen zu einer so sonderbaren Meinung gekotnmen? hernach mag Herr N. unfeine Geschichte erzählen, und er soll gewiß aufmerksame Zuhörer finden." „Ich werde mich", verehrte Frau,' .^erwiderte ich. so kurz und bestimmt au-sprrcben, wie eS über einen solchen Gegenstand geschehen kann. ES ist dem Menschen unmöglich, so lange er der natürlichen Richtung seine- Geistefolg», sein Dasein zwischen den engen Grenzen diese- Lebenbeschränkt zu denken. Im Bestde- Selbstbewußtst!»-,