Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1859)
- Issue
- 20 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Volksblatt. Lelehrung und Anterhalluug auf jüdischem Gebiete. HerauSgegebe» von Rabbiner Br. Ludwig Philippson in Magdeburg. lRo. 20. 1859 ] Ben tiefer Zeitschrift erscheint wöchentlich eine Nnonner. Prti« de« gdbrgang« l Thlr vierteljährig 7>,Rgr. Alle Lnchhandloagen, vostächter und Zeit»ng«erpeditionen nehmen Bestellungen an. [6. IsKrg. 2. Quarta!.] Der'Zustand der Israeliten in Europa vor und nach der Emankipation.') Der Prinz Pückler Muskau sagt in seinen Tuttifrutti: „Wenn ick mit einem gebildeten Juden spreche, so babe ick immer daS Verlangen, ihn um Verzeihung zu bitten wegen aller der grausamen Ungerechtigkeiten. vie meine Vorsabren ihren Vätern zugesügt haben."! In der That giebt es kein Volk, selbst nickt die Neger, das so viel moralisch und physisch gelitten bat. dessen Tugenden mebr verkannt und dessen Fehler mekr übertrieben und gegen dasselbe ausgebeutet worden wären, als die Juden.! Die Verfolgung der Juden in Europa datirt eigentlich von den Krcuzzügen der. Schon vor dieser Zeit batten; sich die Gotbenkönige Zabrbunrerte bindurck bemüht. ibre Bekehrung durck beschränkende Maßregeln zu versuchen. > Diese Maßregeln wurden inö Werk gesetzt, verändert, wieder dcrvorgcbolt, je nach den Ansichten des regierenden Monarchen. Aber nur erst seit den Krcuzzügen bis zum Auftreten Huß'S und Lutber'S wurde die Vertreibung rer Juden zum System gebildet und durck die Geistlichkeit, in diesen Zeiten der Unwissenheit, als Werk der Frömmigkeit gepredigt. Die Juden batten zu dem Siege der Mauren über die Spanier beigetragen. Unter der arabischen Herrschaft bekleideten sie sebr bobe Aemter am Hose der Kalifen. Mehrere Juden ivaren Minister. Sie zeichneten stck vor Allem in deit mathematischen, philosophischen, pbiloi logischen und mericinischen Wissenschaften auS. Sie übersetzten Aristoteles inö Arabische und Hebräische, und die Bibel in die Landessprache. Nach der Vertreibung der Mauren durch die Christen begannen die Verfolgungen gegen die Juden in erweitertem Maße. Man mordete ifm Millionen. Aber eS gelang nicht, sie auSzurotten. Da das Schwert und das Feuet nicht ausreichten, suchte man sie bis;un> Verluste aller Menschenwürde zu erniedrigen. Von dieser Zeit her datiren die Gdettis. Die Juden waren buchstäblich außerhalb deS Gesetzes, bin Edelmann, der aus Mitleid *) Der „Nord" enthält eine Reihe sehr gediegener Änilet Uber Emancipation der Juden in Rußland. Dir beten hier die übersichtliche Betrachtung dervor, welche der vierte dieser Artikel in Nr. 107 de- „Nord" (vom I". April c.) unter obiger liebet« sckrift bringt. Die Redaction. einen Auden beschützte, batte da- Recht, im Fall baß dieser Jude getödtet wurde, dafür einen feinem Gegner zugebörenben Juden zu lobten. Will man noch andere Beispiele? ES fehlt auch nicht an Beiveisdocumenlen. In den Archiven von Nürnberg befindet sich ein Urlheilspruck, der eine Idee von der Art und Weife geben kann, wie -man zu dieser Zeit die Justiz gegen die Juden übte. Ein Christ wart einen Stein gegen einen Juden in der Absicht, ibn zu töbten.. Er verfehlt« ihn und der Stein, aus die Straße rollend. zerbrach einen Korb voll Tods» geschirr. einer Händlerin gehörend. Der Jude warb verurrhcilt die Tvpte zu bezahlen, die der geschleuderte Stein, der sein Leben bedrohte, zerbrochen. Zu Frankfurt versprach rer Kaiser Karl VI. den Juden für Erlegung von 12,000 Golbgulden, ste während acht Jahre hindurch nicht zu belästigen. Diese- Dokument trägt das Siegel und die Unterschrift des Kaisers. Jeder anständige Handel, jede Industrie, jedes Handwerk waren ihnen untersagt. Sie durften kein Eigentbum besitzen, nock anderSwo als in schmutzigen, ungesunden Straßen, die des Abends durch ein Eisengitter geschlossen wurden, wobnen. Sie konnten vor Gericht nicht als Zeugen gelten; sie durften sich aus ihrem Wohnort nur mit besonderer Erlanbiiiß dt! Jisguisinon oder der Polizei entfernen. Sie waren gezwungen, eine besondere Kleidung zu tragen, die sie kür die Beschimpfungen de- Erstenbesten kennzeichnete. Rur der Wucher war ihnen gestattet zum kärglichen Unterhalt. Durch diese Mittel reservirte man sich einen Vorwand, um sie zu ergreifen und ste bei Gelegenheit wieder au-lösen zu lassen, was all«- Zehn, einige Mqle alle fünf Jabre geschah. Bon Zeit zu Zeit machte man ein, Razzia auf die Judenkinder, um sie mit- Gewalt zu taufen. Die Juden, obne Venheidigung, obne Beschützer unterwarfen sich Allem. Von ihrer ftüdesten Kindbeit an sagte man ihnen, und die Wirklichkeit unterstützte übrigendiese Wahrheit, daß sie nur zum Lewen geboren seien, daß die Erde für sie mitj©ontfn und Gestrüppe nage und daß sie diese Uebel sils Buße für die Sünden des Götzendiensteihrer Dürer zu leiden hätten. Jeder Jude war zu jedem Augenblicke bereit, ein,- schmäligen Tode» zu sterben. Ihre Gebräuche, ihre Studien, ihre Anstrengungen. batten nur noch ein Ziel: Zu sterben für den Ruhm JebovaS. und ihr ganze- Leben war nur eine Vorbereitung auf den Tod. Von dieser Zeit | schreiben sich der talmudische Mvsti« ciSmuS und Chassidismus her. Die bedrückten Juden betrachteten die Christen als ibre geborenen Verfolger; ihre.