Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1859)
- Issue
- 13 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 51 (sequence 3)
- Language
- German
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Vorwurf zu machen. Was ging dew Hause ab? Prahlte nicht in Bolu-farbe sein Name über dem Thürgestmfe jedem Eintretenven entgegen, daß er sich vor dem Einschlafen die Augen reiben mußte, um die grellen Zeichen lo-zuwerden? lind wie sinnig unterbrach diese rothe Firma ein Loch, durch welchedie Weltkugel, wenn auch nur in westlicher Hemisphäre, bescheiden berau-lugte. all wollte sie sagen: Was soll ich Amerikanerin hier in dieser Stadt, die sie mit Recht „latzraode" nennen, in der die Cathedralc all achte- Wunder der Welt sich erhebt, deren Bibliotheken mehr Bücher und Handschriften aufweisen. als unsere reichsten Kaufleute Piaster, nach deren Fre-ken und Oelgemälden Fremde aualler Welt heran« ziehen, indeß die wenigsten Europäer den Niagarafall nur dem Namen nach kennen? Aber wenn auch die Kugelhälfte so gefühlvoll ratsonnirie, die Gaste, welche im Hause tobten und lärmten, theilten diese- Gefühl nicht. Spanische Soldaten und Farchini (Lastträger), Detturini und Lobnbediente saßen in der rauchgeschwärzten Stube, Karlen spielend.SWein' trinkend und Säbel klirrend, indessen hi» und da zerstreut abtrünnige Priesterinnen der Vesta durch grelle- Lachen Streitende ermunterten und durch lose Worte Ruhige reizten. Trieben die Mänaden eeinmal zu toll, nun dann schlug der Bacchus von Wirth zwischen sie, nicht mir einem Tbyrsu-stab. aber mit einem Gebrüll von Redensarten, all bellte der Eerberufluchtsinnende Schatten an. Doch unkümmert da- Erdgeschoß nicht, in welchem hundert verworrene Stimmen auch am Abend de- 5. Mai unter dem Dirigenten Nardini ein infernaliscke- Coneert aufsührttn, obwohl skbon die 24. Stunde verflossen war. Wir steigen auf wurmstichigen Stufen einer schmalen Wendeltreppe in die obere Etage de- Hause-. wählen von den beiden unserem Blick ausstoßenden Thüren diejenige rechter Hand und treten in eine niedrige Stube mit weißgetünchten Wänden und Gypsestrick. Eine Bettspunde mit Laub angefüllt , und zwei Stühle vor einem Tisch mit drei langen und einem kurzen Fuße bUdeten dal ganze Ameublement. Durch die runden, bleiumfaßten Scheibcken de! einzigen kleinen Fensterkonnte auch am hellen Mittag nur so viel Licht sich hereinstehlen, all die große Giebelwanb degegenüber belegenen Gebäude-' nicht aufgefangen hatte. In dem Bette — Ihr hättet enicht sehen können, da ein der Stube finster war und darum erzähle ich e- Euch — lagen zwei Männer, ein ehrwürdiger Greil und ein Jüngling in blühender Zugendkrast. Manaffe und David Torre hießen die beiden Schisser. Sie waren au- Amsterdam mit vielen kostbaren Juwelen nach Italien gekommen und auf der Rückreise in ihr Vaterland begriffen. Die damalige Unsicherheit de- Reisenließ sie in ärmlicher Kleidung auftreten, Unduldsamkeit und Glauben-haß verschloß ihnen die Thore mancher Städte und wo sie, wie in Mailand, auf eine Nacht einkehren durften, mußten sie sich mit dürftigem Strohlager in elenden Spelunken begnügen. Wer hätte ebeiden Reisenden angesehen, daß sie in den verwitterten Ränzchen schwere Walzen spanischer Dublonen mit sich schleppten? Statt de- Spott- und Schimpfe-, mit dem sie als Iuden sich niederlegte« und aufstanden, würden sie dann bald mit dem Dolche des Banditen Bekanntschaft gemacht haben. Don Mailind augedachte« sie leichter zu reisen. Denn hier wohnte eia alter Geschäft-fteund au- Rotterdam. van Straattn. bei dem sie den Erlös auden Juwelen gegen Wechsel auf gute Firmen ihrer Vaterstadt etnwechseln wollten. Wie ruhig beide von der Anstrengung de- Tageschliefen — und damitte« in einer Räuberhöhle! Sie hatten die Thür der Stube nicht verschlossen, damit -er spitzbübischeWirthoderSetne-gleichen hieraus keinen Verdacht. schöpfte, als gälte es ihnen, Vermögen vor Efttwendung zu sichern. Und sie 'hatten richtig calculirt. Niemand kümmerte sich* weiter um die „maleditti Giudei“. Aber neben ihnen lauerte da- Verderben. In dem -leinen Zimmer neben dem ihrigen schlief zur Hellen Tage-zeit, als fie ankamrn, ein stanzösifcher Fechtmeister, Raom Menu, den Rausch der vorigen Nacht au-. Die Scheidewand zwischen beiden Zimmern war so dünn, daß der Franzose bet seinem Erwachen deutlich den Klang gezählten und gerollten Goldehören konnte. Ebenso verstand ex die Unterredung, der Fremden in holländischer Sprache, die er bet der langwierigen Belagerung von Mastrtcht und Ronunter Dauban erlernt hatte. Er war mit feinem Plan im Reinen, als er um die erste Stunde Nacktaufstand, aufeinem Hemde in. der Gegend der Brust einen Fetzen Leinewatjd schnitt, leise auf den Zehen auseiner Stube schlich, die Thür der Nachbarflube behutsam öffnete und ebenso schloß, nachdem er da- Stückchen Leinewand dort in die Stube geworfen hatte, dann kehrte er zu feinem Lager zurück und wartete ‘gefoannt der Din^e. die folgen sollten. Schon um die vierte Stunde Morgenweckteder Alte seinen Sohn: „Steh auf, David, wir wollen beten, dann an di- Arbeit gehen, am Kühen Tage van Straaten besuchen und. dann Mailand verlassen." „Aber, lieber Vater, wie unnütz Du eilest", entgegnete der Sohn mit jener liebenswürdigen Verdrießlichkeit, die der gestörte Schlaf im Kampfe mid; dem Plagegeist „Wecken" erzeugt und die halbgeöffnete« Augen mit der Hand gegen davoreilige Tageslicht schützend, „habe ich doch so süß geschlafen und getväuvtt." „Ich nicht, mein Sohn. Zwar waren die Bande de- Schlafes um meine Augen und de- Schlummerum meine Wimpern gewunden, aber meine Einbildungskraft wurde durch bös« Träume und schreckliche Vorstellungen geängstigt. Doch laß unbeten, und meine Furcht wird vergehen." Nach verrichtete« Morgengebete begab sich der alte Torre an die Treppe, lauschte einige Zeit und als er nirgend» ein Geräusch vernommen hatte.^glng er in seine Stube zurück. „Alles schläft noch, David, wir wolle» daübrige Geld rollen, um desto schneller bei dem allen van Straaten fertig zu. yierdea. Er kennt mich und denkt an keine Nachzählung." . „Gut. meick Datei, aber wir werden doch heute Nacht keinen Nachbar erhalte« haben?" und dabei trommelte er wie am Tage vorher, an der mit Tapete überspannten hohlen Scheidewand, als wollte er den schlaftrunkensten Insassen de- Nebengemach- -au- Morpheus Armen wirbeln. Allestill, Njcht» rührt« sich.