Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1859)
- Issue
- 5 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Indisches Volksblatt Zur Relekjrun,, und Unterhaltung an/ jüdischem gebiet,' Herau-gegrdrn von Raddiner Vr. Ludwig Philippson in Magdeburg. lRo. 3. 1888.) Bon NH«r 3<üf*n,i fr(<fcfini »iifnti.4 tin« flummtt. $t»tl Ir* Zavrfljnn* 1 Sblc. Bt»r«fl|4lTifl ■?>/, Kar. euftbanlltmatn. Vctämin an» ge«iuna»tk*»d»i>vnta ntbmrn erätUuaatii an. [6. ^ahrg. 1. ©Börtfll.] Chassidische Sagen und Legenden vom t 33a ol schem. Ben LconMendelSburginStorolonstankinen (Rußland.) > II. Wir sind zwei Jahre spater in dem Städtchen Kilos, daö in Podolien liegt, wo der durch seine Abstammung auS einem alten Äabbincrgeschlechte. seine umfassenden talmubischen Kenntnisse und unbescholtene Frömmigkeit ausgezeichnete Rabbiner, Rabbi Verschon. seit Jahren seinen Rabbinerstk aufgescklaqen hatte. Die gewissenhafte Verwaltung feines Amtes, seine Klugheit und Unparteiliebfeit bei Schlichtung vorkommender RcchtSgutachtrn, machten ihn besonders als Schiedsrichter beliebt unv man pflegte sogar auS der Ferne bei Zwistigkeiten die Zuflucht! zu ihm zu nehmen; daher seine Wohlhabenheit, und daraus | entstandene Unabhängigkeit. WaS ihn aber vorzüglich! auSzeichneic, war, daß er. von kerngesundem, praktischem! Verstände, daher aller Mystik und Geheimlhuerei abhold, ein erklärter Feint aller derjenigen war, die schon damals anfingen daS Volk vom rechten Weg ver Religion abzuführen. und in ihm jene schwärmerische Sucht nach dem Ueberfinnlichen und Wunderbaren rege zu machen, die ihrer Habsucht und ihrem Ehrgeize einen so weiten Spielraum eröffnet. Rabbi Verschon balle in früher Jugend seine Eltern verloren und im Vermächtnisse von ihnen nichts erhalten, als eine kleine Schwester, die seiner Pflege und. Obhut von ihnen besonderanempfohlen wurde. In der Folge der Zeit nun entsättrtt stch diese- Kind zu einer schönen blühenden Jungfrau. deren frommes, treues Gemüth, liebathmendeS Wesen ihrer natürlichen Schönheit jenen Liebreiz verliehen, den der liebliche Duft dem Farbenschmelz der Rose ertheilt. Der siebenzehnre Frühling war über ihr jugendliches Haupt vorübergegangen und ein Jeder von ihnen hatte ihrer Schönheit neue Reize hinzugefügt. Der zärtliche Bruder fing an, um ihre Zukunft besorgt zu sein, und sah stch. nach einem jungen Manne um. der würdig wäre, ein solche» Kleinod von seiner Hand zu erhalten, um sie als Gattin heimzu^bren. Er beauftragte also »ach allem Herkommen diese» Landej einen ältlichen Mann, dem solche Geschäfte oblagen, kür seine Schwester einen Gatten ausfindig zu machen. In demselben Städtchen lebte seit lange ein alter Mann Namen- R. Cbaim, der sich mir dem Unterrichte der Jugend in Bibel unv Talmud beschäftigte. Die Schwäche seines zunebmtnden AltcrS - zwang ihn einen' Gebülfen zu suchen, bet bei seinem schwierigen Berufe Hülfe leiste. Seit zwei Jahren verrichtete bei ihm dieses Geschäft ein junget Mann, der. fleißig und still,, seinem Mühewalten emsig oblag. Genügsam in allem, nahm er verlieb mit der einfachsten Kost und prunklosesten Kleidung. Seiet Brotherr war ihm auch dieser seiner Tugenden halber 'höchst zugethan. obwohl §eine Kenntnisse, ivie eS schien, sich nicht von der glänzendsten Seite zeigten. Anfangs . war es dem Lehrer sehr auffallend. daß sein Gehülse so febr die Einsamkeit suche und oft wie träumend umhergehe, mit der Zeit jedoch ward er dieser Eigrnthümlichkeit gewöhnt und kehrte stch nicht mehr daran. Die UmgegeNd Vieft» Städtchens bot jedem Freunde der freien^Natur manches Plätzchen, wo eS fick in der, schönen JubreSzeit so gut geilte; besonders war in hohem Grade anftehend die südliche Seite dieses kleinen Orts, wö ein dichte- Gehölz vonjungen Dirken und anderem Laubholz ein Holland bedeckte. daS von einem kleinen Bache vielfach. durchsch!u»gen war. und den Spaziergang gern manchen schönen Anhaltspunkt bot. Diese- Gehölz wurde der Lieblingsort unseres Gehülfen. in dessen Dickicht er sich seinen melancholischen Träumereien ungestört hingeben konnte. Jede Sr»nde seiner freien Muße; er dort. Vielen mochte diese Neigung zur Einsamkeit höchst auffallend erscheinen, und wurde bald dieser Umstand das Gespräch des ganzen Städtchen-; allein da man ihm sonst nichtvorzuwerfen hatte, ließ man ihn bald ruhig gewähre». R. Gerschon saß in seinem Zimmer und studirte fleißig, da machte sich die Thür leise auf. und seine Schwester Mirjam trat geräuschlos ein, setzte stch auf t>o£ Soxha unfern beS Bruders, unh ihre Handarbeit hervorfangend, beschäftigte sie stch bald mit ihr. und vertiefte sich i*- träumerisches Nachsinnen. Mit einenz. Mal« unterbrach der Rabbi das Studiren. und betrachtete sitinend seine' Schwester, die zu sehr nnl ihren eigenen Gedanken beschäftigt war. als vaß ne eS bemerkte. Endlich rief der Rabbi: ..Mirjam!'^ .Sie blickte auf, ^je vom Traume erwacht, und die Hände in den Schoß niederlegeud. sah sie ihren Bruder mit fragenden Blicken.an. ..Ich muß Dich um etwas befragen". sagte der Rabbi