Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1859)
- Issue
- 4 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches BolkMatt. : Zur •Belefjnuiii unh Unterhattung auf jüdischem #efitcte.r Herausgegeben von * Rabbiner Dr. Ludwig Philippsou in Magdeburg, sNo. 4. 1859.] Bon tif(er Seltf&tift «r(d>«inl »A&entliA (tue Buaiaur. fitil de« Jjfcr- «an-s f nir. Bierteltihrij?'/* N»r. »De Buck-danklunzen. BvKL«rer unb 3eminfl,«ffPfbitioneB »edmen BefteQunstR au. [6. Iahrg. 1. ©aortal.] f Der Ghetto und die Juden in Rom. i (Nach dem Französischen des B. M. Aus der DidaSkalia.) \ Nicht obne liefe Bewegung bin ich zum ersten Male im Jahre 1836 in da- Quartier der Juden, irr veu > Ghetto gedrungen, habe langsamen Schrittes diese Art . von Äloafc durchwandert. wo man einst jeden Abend die > Nachkommen Abrahams einschloß,'wie man eS mit einer > Banke vagabundirender Zigeuner hätte rbun können, wie man rS heute noch mit den schamlosesten Bettlern von > Rom macht. Die Juden stnv 'nicht mebr dieser Demüi rhigung unterworfen, dieser absoluten Absperrung von der übrigen Stadt während der Nacht; man bat sie in gleicher Weise von der Kleidung entbunden, die man sie früher zu tragen zwang und welche sie auf den ersten Blick alS Angehörige einer verhaßten Rate erkennen ließ. Dies ist schon viel; aber sie sind noch sehr harten Bedingungen unterworfen. Wir werden einige kennen lehren, bemerken jedoch, daß sie Pius'IX. sehr rühmen, seine edlen Absichten, sein Wohlwollen in ihrer Hinsicht; leider aber ist der Papst selbst in Rom nicht immer Herr, und seine weltliche und geistliche Autorität sinder daselbst eben so viele Widersprecher. und vielleicht mehr alS überall sonst. Cardinal Antonelli war der wirkliche Papst. PiuS!X. war nur der Schauen, und ich glaube, baß eS immer so »st. Die Straßen deS Ghetto sind eng, krumm und ganz so schmuzig wie die der ärmsten Quartiere RomS. Die Hauser sind größtentbeilS altes Gemäuer. daS in Trümmer fällt. Darüber hot 'man sich nicht sehr zu verwundern: alle Häuser, welche nicht den Juden gehören, (und eS ist nur eine sehr kleine Zahl ihr Eigentbum) sind dem us gagg'aga unterworfen. Dieses us gaggiaga bestimmt für immer, seit 1824, die Höhe der Miethzinse, die weder steige» noch fallen können. Man hat dabei ebenso an die Juden wie an die katbolischen Eigenthümer gedacht. Da die Juden sebr zahlreich sind und nur auS Duldung außerhalb deS Gbeuo wohnen können, würde man sie beliebig übernommen haben, wenn man den. Preis der Miethen erhöben könnte. Aber sie müssen alle Wohnungen des QuartierS nehmen und sind gegenüber den Eigentbümern in Gesammrheik für die jährliche Rente verantwortlich, welche jedem Besitzer sein unbewegliches Eigenthum «inträgt. Man begreift, daß die Eigenthümer weder Reparaturen noch Perbesserungen machen, und sich sehr wenig über die Unterhaltung ihrer Häuser kümmern, die fast gänzlich einfallen könnten, ohne guszuhören, ihnen dieselbe Revenue z« tragen. Die Juden ihrerseits hüten fick wohl, sich Kosten für Immobilien'zu macken, die ihnen nicht geboren,.j einmal weil sie diese provisorischen, Wohnungen., riese Zelte, wo sie im Gril seufzen, bald zu verlassen hoffen, kann, weil sie eifrig bemüht sind, sich ein kleines Vermögen zu erwerben, dasie dann an jedem anderen Orte; alS in der ewigen Stadt genieße». Im Grunde glaube ich, daß die Juden in Rom im Allgemeinen arm sinh, und daß die. welche fich^tl" bereichern beginnen, so lange alS möglich ihren Wohlstand auS Klugheit oder aus Gewohnheit verbergen. W-r wollten die Wohnung der ärmsten sehen. Dies ist nickt sehr schwierig. Es genügt, in eine Är4 von Kellerü cmzutreren, vrrerr^Thür gegen die Straße fast ivlmer ganz weil offen steht. Hier treiben sie alle Anen^ von Industrien', die keinen Namen haben und die sic erfunden haben, um ihre und »brer Familie Bedürfnisse zu bestreiten. Hier bereiten und nehmen sie ihre Mahlzeiten ein, hier wobnew sie mir ihren Kindern und Hübnern. Sie bringen da den ganzen Tag aus einem kalten und feuchten Pflaster zu; sie schlafen sogar hier in einer Art Derschlag, in dem eS eben so viel Fächer übereinander giebt als Glieder der Familie. Diese KeÄrr find oft von den Wassern der Tiber eingenommen, wenn der Fluß Übertritt. Dann nimmt man die Gastfreundschaft eineS Bruders over Verwandten in Anspruch, der das Glück bat. ein wenig besser logirk zufern; man er«, halt sie natürlich immer, aber .man muß in-jene traurige-, Wohnung zurückkebren, bevor sie wieder hergehellt und - ausgetrocknrt ist. Man glaubte, daß die Cholera. alS sie Rom zsim ersten Mal heimsuchte, eine große Zähl ihrer Lpser in dem Ghetto finden, daß diese« Quartier einer der heißesten Herde der Ansteckung sein würde. ES war nickt so. Die Juden wurden verbältnißmäßig verschont. waS man wahrscheinlich ihrer Mäßigkeit zuschreiben muß. welche weit über die der Römer geht. WaS die Malaria betrifft, so scheint sie in dem Ghetto nickt heftiger zu würben als anderSwo. Esiftl wahrscheinlich auch dies« eremplariscke Mäßigkeit, und vielleicht auch die große Anhäufung der Bevölkerung auf diesem Punkte (man schätzt die Zahl der Juden in dem Kirchenstaat auf 8060. von den«n 4000 in Rock»), welche sie vor den Verheerungen deS FieberS bewahrt. Aber'wenn die Juden diesen Geißeln entgangen sind, so darf man daraus nicht de» Schluß ziehen, daß ihr Quartier im Allgemeinen gesund sei, daß ihr Aufenthalt in kiesen Kellern ihrer Gesundheit nicht schabe; denn sie haben,