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Jüdisches Volksblatt · 1858-01-01 · 45 (1858) · p. Seite 180

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1858)
Issue
45 (1858)
Date
1858-01-01
Page
Seite 180 (sequence 4)
Language
German
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Ueberhaupt aber muß die Familie sich viel in romanhaften Ideen bewegt haben, der alle Bater nickt ausgenommen. Henriette war zwölf Jahr alt. aber für ihr Alter ftbr groß und entwickelt, da führte sich ein fremder ältlicker Jude portugiesischer Abkunft in Vas HauS ein. Das Mägdlein fand Wodlgeiallen vor. seinen Äugen, und er warb um sie. Er wollte einen .Aufschub von drei Jabren für die Vollziehung der Ebe bewilligen, aber die Zusage der Eltern.verlangte er schon jetzt. Zur Unter» Nützung seiner Werbung v.rsicherte er. daß er unermeßlich reich sei. und daß seine Mobren mit seinen Schätzen und Papageien bald nackkommen würden. Und man war in der Tbat gläubig genug, um so ansockuot Mobren. Papageien uno Schätze dem Werber wenigstens keine adscklagtiche An,wen zu geben. Aber die Mobren. Papageien und Schätze kamen nickt, ibr angeblicher Eigentbümer i.dock verschwand und mit ibm eine silberne Dose tcS Vaters. Ist auch von diesem Versuche eines lüsternen Abenteurers lediglich aus die Schönheit und aus die körperliche Frühreife Henriettens ru schließen, so feben wir dock nur ein balbeS Jahr spater einen Freier aunreren. welchen schwerlich diese Eigenschaften allein zu seiner Werbung bestimmten. Sie zählte erst zwölf und ein bälbe- Jahr. - als Marcus Herz, schon damals vielbeschäftigter praktischer Arzt, geachteter Schriftsteller, und vor allem vielgenannt alS einer der geistreichsten Männer Berlins. um sie anbielr. Die Voraussetzung, daß diesem Mann die Eigenschaften. iti Gemütbcs unk tcS Geistes seiner künftigen Gattin gleichgültig gewesen seien, wäre durchaus unberechtigt. Die ersten gaben sich odne Zweitel schon jetzt in dem Kmke aus eine wohlrbuente. die anderen. welche er schwerlich sckon ausgebilder vorfand, doch auf eine vielversprechende Weise kund. Er erhielt daS Zawort der Eltern. Befremden dürfte uns freilich die so trübe unh eigenwillige Verfügung dieser Letzteren über das LebenSgefchick ihrer Tochter. wären damals bei eer großen Mcbrzabl der Juven hinsichtlich der Ebebüntniffe andere Rücksichten als die auf die äußeren Verhältnisse maßgebend gewesen. Höchstens trat bei den Besseren. wie wahrscheinlich auch vier, die Rücksicht auf die geistigeu unv sttttlicken Eigenschaften des Freiers binzu. Aber anck gegen sie ließ sich in diesem Falle kein Einwand erbeben, ja die ersten waren ausgezeichnet. r Führte man die kindliche Braut hier dennoch nickt in die Arme kdS Bräutigams, ebne daß der Vater vorder eine Frag^.an sie richtete, welche eine ferne Aehnlichkeit mir einer Frage nach ibrer Zustimmung hatte, so dürfest wir darin mehr nur eine Sache der Form finden. Wußten doch Ne Eltern sich keine Gründe anzugeben, welche die Einwilligung ibrer Tockrer irgend zweifelhaft machen konnten. Denn selbst der Umstand, daß der Bräutigam mebr alS das Doppelte der Iabre der Braut zählte, schien ibnen bei der so großen Jugend dieser um so weniger ein Mißverbältniß zu begründen, als bei einem jüngeren Manne kaum eine selbstständige Lebensstellung voräu.Szufttzen gewesen wäre. DaS patriarchalische Derhaltniß in den Familien machte nächstdem einen Widerspruch der Töchter gegen den Willen der Ellern, auch da, wo es sich um ihre höchsten Interessen handelte, zu etwas beinahe Unerhörtem. Henriette war sehr erstaunt, als die Mutter sic anS der Nähschule nabm. nachdem sie diese nur etwa ein balbeS Jadr besucht hatte, unv ihr erklärte, daß sie nun bei einer alten Großtante, einer HauSgenossin, naben lernen solle, deren Unterricht doch früher schon einmal wezei^der großen Nachsicht der Alten gegen das Nichtchen beseitigt worden war. Doch bald löste sich das Rätbsel. Die Tanre sollte dem Kinde eröffnen, was die Mutter bei dessen großen Fugend ihm selbft zu sagen wohl innerlich eine Scheu lrug.^ Bald vertraute denn auch die Alte der kaum zur Jungfrau Grblühenven. daß sie Gattin werden solle. Doch sübren wir diese selbst berichtend über einen so entscheidenden Augenblick ihre- Lebens ein, da wir hier durch früher erwähnte Aufzeichnungen dazu in den Stand gesetzt sind. „Und wer ist der Mann, den man mir bestimmt bat?"'fragte ich hastig. Sie nannte mir Marcus Herz, einen angesehenen, praktischen Arzt. Ich barre ihn einigemale bei meinem Barer gesellen. wo er sich jedoch mehr beobachtend als mittbeilend gegen mich verhalten batte, und auch wohl an seinem Fenster, denn er wobme in unserer Nähe, und ich mußte vor seiner Wohnung vorübergeben, wenn ich mir Bucker auS der Leihbibliothek hoM; waS oft genug geschah. Ich weiß nur noch, daß ich -eine kindische Freude darüber empfand, Braut zu werden, ob eben darüber, dieses Mannes Braut zu werden, davon weiß ich nicht-. . Aut's Lebhafteste malte ich aus. wie ich nun von einem Bräutigam geführt spazieren gehen, wie ich schönere Kleider bekommen würde, und vor Allem, sobald ick verheiratheit sei, einen Friseur. Denn bis jetzt machte-mir die alte Tante daS Haar, und kieS mit Pomade, die nicht viel besser war als Talg, und nach ihrem Geschmack, der gar nicht der meine war. Auf einen Antbeil an den, kleinen feinen Gerichten, welche zuweilen eigens für meinen Vater bereiter wurden, rechnete ich nebenbei fortan mit Wahrscheinlichkeit, und auf eine Erhöhung meine- Taschengeldes, welches sich bis jetzt monatlich auf zwei Groschen belief, mit Sicherheit. Was wollte ich mehr?"— "" Schluß folgt.) Allgemeine Zeitung des Judenthums. No. 44. 1856. Leitende Artikel: Unsere Situation in,Preußen. — Tie Angelegellbeil in Bologna. — Literarischer Wochenbericht. Zeitungsnachrichten: Deutschland: Hamburg, von der Unterwefer, WormS, Emden.— Preußen: Berlin, aus Schlesien. — Oesterreichischer Kaiserstaat: Lemberg, Lemberg, Prag. — Rußland: Minsk. — Dänemark: Kopenhagen. Zu beziehen durch jedes Postamt und jede Buchhandlung. Jährlich 3 Thaler, vierteljährlich *4 Thaler. Verantwortlicher Redakteur: K. Rabe. Verlag vou BaumgLrlllcr'« vuchhaudliug ia Leipt'g. — Druck »ou Llexauder Wiede i» Seiviig.

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