Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1858)
- Issue
- 28 (1858)
- Date
- 1858-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Bolksblatt. i 2»r j Belehrung unö linier Gattung aus.jüdischem Hekiele. Herausgegebea vo, Rabbiner I)r. Ludwig Philippso« in Magdeburg. 4 OKO 1 •»» W«f*f 3«r(A*rti «»*♦*<■! «« »«««er. 9t«i« Jdfci* r» n , . - [9to. 28.1858 ] t5.I,tzr^ 3. Wie sich daS Blatt »eubet- <5tne Novellette au# dem Leben » Loa L. S. j (Schluß.» 5. D l e Lösung. Wir überlegten lange, aus welche W ite nun gegen Freund zu verfahren sei. Isidor wollte »ffen als Feind gegen ihn auftreten; sein Sinn stand darnach, ihn vor aller Welt zur Rechenschaft zu zieben. unbs gerechte Strafe über ihn zu bringen. Mann gegen Mann wollte er mit ihm ringen vor den Gerichtshöfen feint- Vaterlandes, daß den Schuldigen treffe, was ihm gebßbrt. Allein Herr Henoch wollte es anders^ Er verlangte, daß man diesen Weg als den letzten betrete, vielinehr zuvor versuche, dem Schuldigen seine Beute auf private« Wege zu entreißen. Er brachte dafür zn^ei Gründe vor; zuerst seien in den Dokumenten Isidors doch noch mancherlei Lücken, welche eine juridische Vnrurtheilung sehr fraglich, und es dem listigen Verbrecher Möglich machten, die Strafe von sich abzuwenden. Die Aussagen feines sterbenden Complicen seien um so weniger ein vollständiger Beweis, weil sie lediglich nach der Derl olmerschung Isidorniedergeschrieben worden. Selbst d e Aussagen aus Vittsbourg seien einseitig, ohne Mögltt keit des Widerspruchs seitens der Bezüchtigten aufg, nommen. Die Beweisführung zeige nach so fernen G genden, daß es der weitausfehendste Prozeß von der Wel l werden würbe. Andererseits würde die Sache ein ung heures Aufsehen erregen und zuletzt bet der Solidarität, die noch immer auf den Juden laste, auf ste Alle ein zveibeukiges Licht werfen. Bester wäre es daher, man »nterhandle zuerst mit dem Manne allein, um zu sehen, n as ihm auf Viesen» Wege abzunöthigen sei. Die Geschwister traten der Meinung I deS Vaters bei; Isidor ergab sich darein, und endlich ersah man mich, den Herrn Freund zu sondiren. Es fam daraus an, ihm im Bewußtsein seiner Schuld, alle S hrecken der Verfolgung und des über ihn hereinftürzen! en Lhatbestandes in die Seel« zu werfen. und ihn nur um einen hohen Preis ziehen zu lassen. Ich muß gefielen. daß ich nie. mals einen hoben Begriff von meinir viplomatifchen Kunst gehabt und mich daher sehr vern underte, daß man mich zü einer solchen Unterhandlung fähig hielt. Doch der Arzt ist zu sehr gewöhnt, vor den schlimmsten und bartnLFtgsten Feinde nicht zurückzuschrec en, sondern ihn kühn zu attaknen, welcheauch der Erfolg sei. als daß ich nicht mein Heil auch hierin hLtte versuchen sollen. Schon am anderen Morgen begab ich mich nach dem prächtigen Hause des Herrn Freund. wurde gemeldet und angenommen. Der Besitzer Veffelben befand sich in dem lururiösesten Comfort beim Frühstück; allein es kam mir vor. als ob er bleicher und düsterer ausfehe, als er gewöhnlich öffentlich gesehen wurde; fein Frühstück stand underüdrt da und sein Blick schien zerstreut. Der Empfang wvr sehr frostig. Ich bar um Berzeibung. wenn ich ihn störe, allein ich hätte ibm eine Sache von Wichtigkeit mitzutheilen, wozu ich mir Gehör von ihm erbitten müsse. Der Herr Freund sah mich sehr von oben berab an, ergab sich aber jedoch in Geduld. Ich hob an: „Es sind nun über 40 Jahre, daß ein polnischer Knabe in diese Siad» einwanderie und bei einem sehr geachteten Manne eine Zufluchtsstätte für seine verlorene Jugend fand. — „Was wollen Sie mit diesem Ammenmährchen," polterte Freund heraus. „Wie erdreisten Sie stch, Herr Armenbocror der Iudengemeinde. mir, de« königl. -Commerzicnrath Freund, dergleichen Dinge vorzutragen? Sind Sie von Ihrem sauberen Schwiegerpapa hergesandt.' um Guave für ihn z» bitten, da ich sein Schicksal in Händen habe, so müssen Sie Ihre Rede in anderer Weife beginnen." „Nein, Herr Commerzienrath, ich bin nicht gekommen, um Gnade von Ihnen zu erbitten, sondern Gnade Ihnen avzubieten, und wenn Sie sich des polnischen Knaben im Hause des Herr« Henoch nicht mehr eÄnuern. so erinnern Sie sich vielleicht der Stadt Pittsbou^cg und derolhen Henri —" Wie wenn Jemand von. einer Tarantel gestochen, so sprang Herr Freund bei Nennung dieser beiden. Namen auf. „Was ist das?" waren die einzigen Worte, tote seinen bleichen Lippen entfuhren, er stand da. wie wenn ein Schreckbild der Hölle vor ihn getreten. _ Ich sah ibm fest in dastiere Auge und verzerrte Angesicht. „Wie", keuchte er endlich hervor, „hat mich der elende Schurke 'endlich doch angeschwärzt und verkauft? Ist er denn unersättlich? Da» soll ihm nimmer ge. lingen!" Dies« ihm unwillkürlich entflohenen Worte eröffneten mir schnell dir Einsicht in eine Hölle, welche schon lauge zü den Füßen des-schurkischen Verbrecher» gähnte, eine Hölle, von der Niemand eine Ahnung, da sie mir dem Purpurmantel des Reichthums und Glückes zugedeckr