Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1858)
- Issue
- 25 (1858)
- Date
- 1858-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4908862-5999346-6000849--1126-4909739- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Jüdisches BolWlatt. —'! Zur _ Belehrung unD HinterQaCtung auf jüdischem ffebiele- Herausgegebeu vo« Rabbiner Dr. Ludwig Philippsou in Magdeburg. 4AKO "i ®ön amf* [9to. 25.1858.] Ni rrfdKtat eint «uaan. Prei» di» z«b» ret«. t5’Iahrg. 2. ffimuM] Wie sich das Blatt werdet. Eine Novellen« au» dem Lebe^l. Don L. S. 1. Die geplagte Famil re. ..Kennen Sie schon Herrn Henoch?" „Ich habe viel von diesem Ehrenmanne gehört, aber während meines vierzehntägigett Aufent!»altS Hierselbst noch nicht Gelegenheit gehabt, ihm vorgest llt zu werden. Bitte, erzählen Sie mir von ihm." ..ES ist einer der würdigsten Männer unserer Stadt und unserer Gemeinde. Jedermann ad itrt ihn hoch, sucht seinen Rath, nimmt in jeder Noth und DedrLrrgniß seine Zuflucht zu ihm. In der Thar ist seine Besonnenheit. seine Mäßigung, sein Ehr- und Pflichtgefühl eben so groß, wie seine Freundlichkeit, fein Edelmuth. Schon seine Erscheinung flößt Vertraue» und Sicherheit ein; der -Leidenschaftliche wird vor seinem Anblick beruhigt, und der Zaghafte faßt Muth. Er in «ner von den rmmer treten, zu bringen \ agenden körnten lassen; zu | jemandes Ge« ’ Murb dieser unsere Stadt zu bringen, als vor einiwagte er eS Wenigen, die, wenn sie in das Kranken dem Kranken wie dessen Umgebung Hüls scheinen; wenn sie in die Mitte der Leibt men. die Thräne der Webmutb milder flie denen Jeder Vertrauen faßt, obgleich ilc S heimniß zu wissen verlangen. Er besitzt Mann, denn, als 1813 ein Haufe Franzosei besetzen und plündern wollte, wußte er s> nachdrücklich durch die fingirte Nachricht von dem Anmarsi i der Preußen Furcht und Schrecken unter die Menscher daß sie über HalS und Kopf davon flohen; gtn Jahren unsere Synagoge abbraniue. mit noch Einigen, in da» trennende Gibaude einzu- , dringen und die Thorarollen zu retten; alfl die Cholera zum ersten Male das Weichbild unseres Städtchenbetrat, und eine wahre Panik von den unglücklichen Kranken alle Hülfe zu verscheuchen drohte, suchte ^er Tag und , Nacht die Wohnungen der Betroffenen auf^ stand ihnen unermüdlich bei und brachte es durch sein Beispiel dahin, daß auch Andere dem Ungelhüm muthig inS Angesicht 1 blickten. Dabei ist er > die Anspruchslosigkeit selbst, fein Fleiß ist rastloS. sein« Ansprüche und Bedürfnisse sehr gering. Und doch bei alledem werden Sie bemerkt haben, daß Jeder von ihm mit einem gewissen Bedauern spricht". ..Allerdings »st mir dies aufgefallen, uüd mitten in der Begeisterung, mit welcher meine Bekannten von ihm sprachen, und die der Ihrigen in «chtS nachstand, blickte mir auS ihrem Auge wie ein Mitkeid entgegen und ihre Rede schloß wie mit einem Achselzucken. Wollen Sie mir nicht erklären, waS dies zu bedeuten hat?" ..DtS ist bald gesagt, mein Freund, der Mann hat eben nur Unglück. Äei allem Ringen und Schaffen hat es ihm nicht glücken wolldn. Was er angefangen, und eS geschah sicherlich mit reifer Ueberlegung, und begann eS auch unter den güflstigsten Umständen, /chlug zuletzt doch in daS Gegentheil um. Und waS Anderen sehr oft zu einem glücklichen Ziele hilft, die männliche Ausdauer. die nicht heute ernten will, wo sie gestern gesäet, die nicht fahren laßt, was nicht gleich vollen Gewinn abwirst, sondern eine Sache nicht aufgiebt, bevor sie nicht von allen Seilen versucht worden, und diese Ausdauer besitzt Herr Henoch ln großem Maße, sie hat ihn meist zu noch größerem Verluste geführt. So hat er sich stetehrenvoll, aber mühsam durchgekampft; man spricht Manches von den schweren Sorgen, welche hinter der hohen, ruhige« Stirn seines lieben AnlitzeS wohnen, und daß selbst hinter dem einfachen Schein, den sein friedliche- und gemüthlickeS HauS bewahrt, Mangel und Entbehrung nicht selten sich verbergen. Bewundern Sie daher um so mehr mit^mir den stet» freundlichen Gleichmuth, mit welchem Herr Henvck-in der Milte seiner Freunde erscheint, deren Gefälligkeit er nur höchst selten in Anspruch nimm, unddie bemüthige Zuversicht, mit welcher cr> zu seinem Gott ausblickt^ der ihm an den Gütern und Freuden diese- Lebenso Vieles versagt hat." ..Nun, er besitzt doch Familie, und ist in ihr glücklich?" ,,Ja. er besitzt eine Familie, und waS für «ine? Alles. waS wir rsn' patriarchalischen Tugenden lesen, findet sich hier vereinigt. Welche Liebe zwischen dem Gatten und her Gattin, welche Ehrfurcht der Kinder vor den Eltern, welche Anhänglichkeit unter allen Gliedern der Verwandtschaft! , Wie lebt Jeder nur in dem Anderen und flir den Anderen! In diesem Hause hat noch die alte jüdische Frömmigkeit, verklärt von dem Geiste und der Bildung unserer Zeit, ihren Sitz aufgeschlagen. Ferw von jener peinlichen Strenge der Observanz, welche ihren Grund entweder in einer abergläubischen Furcht vor einem zürnenden und strafenden Gotte, oder in einer willkürlichen Zähigwl hat. die sich auder Beobachtung der Ceremonien eia Verdienst macht, wehet hier die echt israelitische Wethe, ohne Prunk und Anmaßung, den Odem de» Frieden« über alle Zeiten und Vorgänge