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Jüdisches Volksblatt · 1858-01-01 · 4 (1858) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1858)
Issue
4 (1858)
Date
1858-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdisches Bvlksblatt. Zur Neteüruilg und Änlerhattung nus jüdischem ^eüiele. Herausgrgebea von Rabbine r Dr. Ludwig Philippsou in Magdeburg. fNo. 4. 1858.] Bon dieser geiii guugl 1 Xblt. 1 und fcriH »riBeioi «dideatliid ein« Sliimmer. Brei» de» Xibr* Bierleljädri^?'/, W.ir. »Ue -Buck-danrlun>,en. PoS-iuiec zeiluagtekeerieionen nedniru BeüeUunu/n [5. Iahrz. 1. Cnurtal.] I n e z. Eine wahre Geschichte. (Nack dem Englischen der Miß Aguilar.) Juda Azavedo war der einzige S^ohn einereichen in Portugal gewohnt hatte, war Zrugje de» schrecklichen Verfahrender Inquisition gegen einige seiner Verwandten und Freunde gewesen, die heimliche Bekenner de- Judenthumwaren, wie er selbst; er war daher nach Holland entstehen, wohin er kein unbedeutendes Vermögen mitbrachte. Dieseschwoll durch erfolgreiche Handelsgeschäfte zu Reichthum an; und als nach seinem Tode sein So!bn mit Weib und Kinv_ nach England übersiedelte und sich in der Hauprstadr niederließ, wurden sic. sowohl ihrer Herkunft und Erziehung halben nicht minder, als ibreS lteichthomS wegn< unter die angesehensten Familien der stolzen und aristokratischen Portugiesen gerechnet. Aber die Lage dkr Juden in Englanh vor etwa achtzig oder neunzig Jabren war eine andere, alS ihre heutige Stellung. Reichthum, ja sogar geistige und sittliche Würde, waren damals nickt der Ccklüff l zu Geselligkeit und freundschaftlichem Verkehr. Eingewurzelte Dourtheile, die in den Herzen der Engländer r och vorherrschend ich stark in den Juda Azaveto waren ein Gegenstand der Verwunderung für seine Bekannten, ^wie de- SckmerzeS für seinen Vater. Alleiniger Erbe eine« unermeßlichen ReichthumS, von keinen Geschäftes in Anspruch genommen, mit ungewühn. lichen GeisteSsähigkeiven begabt, stattlich von Gestalt und, wenn er wollte, sreuiibUch und von höchst einnehmendem jüdischen Kaufmanns in London. Sein Großvater, der -ÄLesen,'verbitterte er^sich sein ganzes Wesen durch einen' wesentliches Gur. den andern Lansind, und Stolz und Selbstgefühl, gl Juden, hielten, beide Theile fern von von keiner Seite ein Entgegenkommen stattfinden konnte, und jeder blieb vollkommen unbekannt mit dem andern, nicht nur in' Betreff ihres Glaubens. ,fqndenr auch ihreeigentlichen Charakters. Dieses, obgleich sicherlich ein sociales Uebel,- war für die Juden in mancher Hinsicht doch ein ES zog sie enger, fester zusammen; von deSkindern als Fremdlinge angesehen, betrachteten sich die Anhänger ihres verfolgten Glaubens untereinander alS Brüder. Reich oder arm. war einerlei. Daß sie Juden unv Portugiesen waren, bildete ihr gmmnfamefl Band, und die Freude oder da- Leid einer Familie war die Freude oder da- Leib aller. An Range-unterschied wu^de dabei wenig gedacht. Herzlosigkeit und jener falsche Stolz, der arme Verwandle oder Freunde nicht keinen will, waren ihnen fremd. Fehler hatten sie natürlich auch; aber wohlwollendem, edelgesinntere Menschen in ihrejm eigenen Kreise, als die spanischen und portugiesischen Juden vor etwa hundert Jahren waren, sah man niemaw. Eine stete Unruhe und übergroße Empfindsamkeit in krankhaften Schmerz über Mangel an Schönheit in ^seinen , Zügen. Sein Gesicht, war nämlich durchaus reizlos und | unangenehm, häßlich hoürden wir sogar sagen, wenn unS daS Wort nicht zu sehr mißfiele. Doch gab eS Zeiten, wo GeisteSfülle und ^mehr noch HerzenSwarme eine« so sanften und milden AuSvruck'uber seine fast ungestalren Züge verbreiteten, daß min ihre wirkliche Unschönbeit darüber vergaß. Dielenigen. welche ihn kannten, bemerk ren nie eine Berschisdenheie zwischen ibm und Ankernd außer in den böheron Eigenschaften seine- Geistes und Herzens; aber Azavedo selbst glaubte immer, daß. wohin er auch ginge, er ei» Gegenstand des Spotte- und der Abneigung sein ulüßve.' Er zog sich aus aller Gesellschaft zurück, besonders auSI der der Frauen, welche, davon war er überzeugt, über I feinen bloßen Anblick erschrecken müßten. Bitten unt^ Vorstesiungen blieben frucktloS. Hätte er mehr Umgang gehabt, und wäre er mebr in hie Welt gekommen, sa würbe sich dieses krankhafte Gcfübl mit der Zeit wobl verloren haben; aber in seinem sehr inander, so daß ' beschränkten Kreitz vortrauter Freunde war dieses unmög- ” ‘ * ' lick, und daS Uebel chlußle naturgemäß mit jedem Jahre größer werden. * Den Israeliten dor.neunzig Jabreu war die Mre einer Vergnügungsreise unbegreiflich; sie waren zu glücklich. zu dankbar dem! Lande, daihnen Ruhe und Fsieden gab. um an ein anderes zu denken. Daß Juda Azavedo ein' unruhig^- 'Verlangen haben sollte. England zu verlassen und Zerstreuung in ftemden Landern zu suchen, stand im Siftklayg mit seinen andern außerge» «öhnlichen Eigenthür^lichkeiden; daß aber sein Bater. der weise, ruhige, zufriedene alte Mann, dessenganze Hoffnung und Liebe auf diesen Sohn gebaut war, seine Zu, stimmung dazu geben sollte, war noch außergewöhnlicher^ und Diele suchten eS ihm wohlmeinend zu widenathen. Aber Azavedo liebte ifeinen Sohn zu sehr, um alten Ge« wohaheiten und Boeurtheilen jhtcn hindernden Einfluß auf die einzige Bitte zu gestatten, die Juda fich je erlaubt hatte; er gab i^hm seinen Segen und u»umschränkte Freiheit in Beziehung auf Gell^und der jsinge Mann reiste unverzüglich ab.

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