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Jüdisches Volksblatt · 1857-01-01 · 65 (1857) · p. Seite 259

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1856-1857)
Issue
65 (1857)
Date
1857-01-01
Page
Seite 259 (sequence 3)
Language
German
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llttng. daß ick Etwas zurücklezen-konnte, und >zui)em hatte ick hier im Ganzen doch mehr Aussicht aus Hoi «kommen, wie in meinem früheren Amt alS Aufwäster :es allen Itzig. » Und in der Th»it avanciue ick schon lack zwei Monaten zum Untere fizier. Da, im März tcS Zabrcü 1809, wurde eines Tages kas Reaimenk in ÜiezentSpaik zusammeugeblasen und so wurde eine Proclauntion verlesen, daß' unser Regiment bestimmt sei. naw Spanien transxortirl zu werden, um;um Wellington'sch^n EorpS zu stoßen. Wir folltntj unS in acht Lagen gemacht haben. Jeder Gemeine erhielt fünf. in. rsckfertig ift er Unteroffizier zehn SKillinge. um sich noch allerlei Pie sebedürfnisse anzuschaffen. Aber mir fiel eS sckwer au 'S Herz. Nach Spanien konnte ick nickt mitziehen Gla.nben Sie nickt, daß die dem iütiscken Volke so o t vorgeworfene Feigbeil den fikbenzebnjäbrigen Knaben vor der Fahrt und r-cm spanischen Kriege beben machsc. Ich bedachte, daß meine Mutter mit mir ihre hetzte Stütze verlieren würde — nach Spanien konnte, nach Spanien wollte ich nickt ziehen und mein Entschluß war rasch gefaßt. Mit den zwanzig Shillingen, die ich von tne ner Löhnung erspart, und mit den zehn Sbillingcn, die ick c ls Unteroffizier erhallen hatte, machte ich mich in der Nacht auf. In dem Anzuge eines Matrosen, den ich mir fchor vorher zu verschaffen gewußt batte, kam ich am Morzen nach Orsord, pilgertc durch Gloneestersbire und Monm »uthsbire dem Westen zu. meist bei Nackt, wahrend ick bei Tag mich in einsamen Dörfern ausbielt, betrat bei Ly will daS Fürstentbum Wales, durchzog das Hochgebirge v»n Caermartbcli biS Eacrnarron. kletterte bei Llanberls aber den Snowdon, überschritt bei Bangor die Menai-Slfai -Brücke, und kam endlich nack achttägigen KreuzundOaerzügen an der Nordwestsp^e von Anglesea, in Hoily>ead an. Auf einer Schaluppe, die Schieserplaitcn nach Dublin bringen sollte, mierbete ick mir einen Platz und «ach einunveinhalbiägigcr Secfabrr betrat ich dei» Pvwn von Irland. Hier atbmetc ich zum ersten Mal wieddr frei aus; vier dielt ick mick für sicher und ich war eS aus». Aber ich war auch wieder ganz verlassen und noch Vazr in viel größerer Gefahr, alS an jenem Tage, wo ich Yen i Helgoländer Kauffahrteischiff entsprang. Zudem war r» in Geld darauf gegangen, und alS ich auf der Bank im Pbönirpark, traurig, hungrig und elend lag, da faßte ick zum zweiten Mal an daS Goldstück, welckes mir meint Mutier eingenäbt batte. Allein ick tackte wieder: „nod mußt Du es nickt berauSilkhmen" — eS war reckt, all ob mir auS jeder Berührung desselben neue Kraft erwachs«» sollte. Ich ging, wieder in die Stadl zurück; ich ssh mir die Straßen, ich sah mir die Menschen, ick sah mir di« Häuser an — und wenn auch nickt so riesengroß und so iberauS volkreich wie London, so war ick doch schon niedrer! Stunden gelaufen, ohne Ziel und Ende zu sehen. .Aus'einmal siel mein Auge auf ein HauS. daS in jüviscien Le«, kern anzeigte, daß sich in demselben eine Ggrk >cke für Juden befinde. Ich trat ein, gab mick alS eme i Glaubensgenossen zu erkennen, und bat um unseres gemeinsckastlichen GotteS willen, daß sie mir etwaS » essen mir zu ick ibn. geben möchten. Der Besitzer der Garküche ließ essen geben und sprach mir freundlich zu. „Wohnen hier denn noch viele Juden?" fragte „Außer mir wohnt hier nur noch eine Juten ämilie. Mr. Samuel, der gro.ße^laufmana und Banker, auf der Sackville-Straße. daS zehi te Gebäude von Ltinsterbouse, rechts," sagte der Winh. ..Aber sonst kommen noch sehr viele jubifdve Kautleuke <ji S London und Liverpool hierher, die bei mir speisen." AlS ick gegessen und i reinem guten. Wirrbe herzlick gedankt hatte -7denn cußcr dem Dank batte ick ibm nichts zu geben — mache ich mick nach der Sackville- Straße auf. um-das Huts-teS M. Samuel p» suchen. Ich fand es sogleich, denn es war groß, vornehm und zeichnete sich vor allen ankern Hausern auS. Mit beklommenem Herzen stieg ich d e breiten Treppen hinauf und trat in daS HauS; es waren eigentlich zwei Häuser: in den» einen war daS Bankgeschäft und in dem andren war der prachtvolle Laden mir?en großen GlaSsenstcrn. Ick kam in daS Comptoir des' ersten Hauses rmd fragte nack Mr. Samuel. Ein jungei Mensch — ungefähr so alr, wie ich selber damals w« r — stieg von Sessel herunter und kam zu nu:' an dw Thür. Der Mensch hatte ein für mich unangenebrneS.Gesicht: stolz, hochmütbig ^inv boShaft. Er fab mich grimmig an und fragte, mir barschem Tone! WaS wollt Ihr-? .Wer seid Ihr? Ich bin Mr. Ralp» Samuel. Wollt Ihr mick sprechen, oder wollt Ihr kioinen Later sprechen?" Da ich mir nicht denken konnie, daß sein Later noch roher seit? könnte, alS dieser junge Mensch, so sagte ick, ick wollte seinen Later sprechet. ..Dann müßt Ihr hinüber geben in den Laden. Dann habt Ibr hier nichts zu schaffen!" rief er und scklug hie Thür hinter mir zu, als ich ging. Darauf begab i b mick, die Mütze ln der Hand, in den Laden. Die Lichte brannten schon, und der Widerschein auS den Krystallx locken und den Spiegelscheiben blendete meine Augen. '.AIS ich schüchtern nack Mr. Samuri fragte, ward ich zu tinem alten Herrn geführt, der reckt ehrwürdig auSi'ah uuv auf meine Begrüßung daS Samnnkäppchen über seinem grauen iHaar ein wenig lüstete. ' •} „Womit kann ich Euch' dienen?" fragte er. „Ick bin ein deutscher Jude", erwiederte ick, „den sein Schicksal hierher, rach Dublin geführt har, ich bin rath» und mittellos uitd ich wofür Euch bitten, mir einen kleinem Dienst in Eurem Hanfe anzuvertrauen." Mr. Samuel sah mich an. „Ich kenne Euch ja gar nickt", sagte er, „wie kann ick Euch in mein HavS aufnehmen? Eine kleine Unterstützung will ich Euch gern geben..." Dabei griff tt in feine Tasche, ick aber batte mich schon. Thräncn!in den Augen. abgewa.ndt zum Geben. 'Auf einmal sagt^ Mr. Samuel: ..Wenn Ihr wirklich ein Jude leid,- so könnt Ihr mir einen Gefallen lhun. Wollt- Ihr?" c Ich kehrte;nich ckieder l um und sagte: Gewiß bin ick ein Jude und einen Gefallen will ich- Euch gern thun." „Heut Abend ist mein«- seligen Vaters IabreSzeit", sagte Mr. Samuel, „und -^a möchte ich gern „Minjen^') machen, aber mir feblt der zehnte Mann. Wollt Ibr der zebnte Manu fein?*«' ] „Mit Vergnügen will .^ch der zehnte Mann sein," er- *) Minjcn ist die vom Gesetz, für das solenne Gebet vorgrsckrlebene Versammlung vsn mindesten- 40 Personen männlichen Geschlecht», deren keine unter t3 Iabren alt sein darf.

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