Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1856-1857)
- Issue
- 64 (1857)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches BolkMatt. Zur Letehrung und AntefhaNung aus jüdischem Zebiete. HerauSgegebeu von Rabbiner vr. Ludwig Philippsou in Magdeburg. sRo. «4. 18S7 j Boa htftr 3«ufd'nTi «n'dic »an«» 1 tblt. Üirrtrtjibr und 3firuij»i; int »ditmli* »int Kunmtr. $rti< (t<?adr» i« l‘/t Ä«r. flO« Vud'banMuutitn. Psüämrtk jKtittonen ntbmtn CrBtOnitatn an. [4. Jahrg. 2 Hälfte; 4. Quartal. Ro. 53—65.1 Der Banker in Lombardstreet in London. Bon Julius Rodenberg. 3* ging in eine' kleine Stadt in der Nähe von Bremen, und da ick gut lesen, gut schreiben und gut rechnen konnte, auch in der heiligen Schrift w »hl belesen war, so fand ich daselbst in dem Hause eines -emittelten jüdischen Kaufmanns ein Unterkommen als Lehrer seiner Kinder. Ich'blieb daselbst ein halbes Jahr, abec eS gefiel mir nicht. Meine Mutter schrieb mir zwar r«d t glücklich darüber, daß ich so bald eine Stelle gesunden^haire; allein mein Geist strebte weiter — so konnte ick iped, r ft»r «ich noch für die Meinigen etwas erübrigen. Ich gab also mein Lehramt nach einem halben Jahre wieder auf und pilgerte mit zehn Thalern. die ich zurückgelegt l atte, nach Bremerhaven. Die von Napoleon angeordnete Continenralsperre halte die Schiffahrt zwischen Englan > und der deutschen Küste fast ganz aufgehoben. Allein de» Schmug gelhandel florirte um so mehr und namentlich gingen zahlreiche Schaluppen heimlich nach Helgolands wo daö Depot der englischen Contrebande war. Mir einer solchen Schaluppe fuhr ich nach Helgoland. Da wär «in buntes Leben dazumal. Ganz Helgoland war wie ei le Stadt. Aut' dem Oberland sah eS aus. als ob immfr 'Warft und Messe wäre, und auf dem Unterlande ging es lebhaft zu. wie in den Londoner DockS. Schiffe wurden ein- und auSgeladen. Tonnen kollerten über den MeerkuS. Ballen lagen hoch -aufgestapelt unter den Wetterdächern, die den Strand bedeckten. In der englischen Comßndantur lag ein Detachement Rothröcke. die Fischerhäuöch:n waren voll von best Agenten Londoner, Hamburger ur d Bremer Kauffahrer, und zwischendurch wurde auf der Ivüne gebadet. Familien auS vielen deutschen Städten varen zur Cur anwesend, und im .grünen Wasser" auf dm Ober, land wurde wöchentlich mehrere Male Ball ge! »alten, zu dem der blinde RickmerS fiedelte und auf dem d e Herren von den englischen Kriegsschiffen mir den deutsche r Damen tanzten. Ich machte von Ungefähr die Bekarmts hast einer alten häßlichen Dame auS Berlin, die mich leb hatte, während ich ihre junge, hübsche Kammerzofe lieb' hatte. Die Beiden ließe« mir'S an Nichts fehlen; va» ich lebte ein paar Wochen leichtsinnig und glücklich in den Tag hinein. Unglücklicherweise überraschte mich , al er erneS TageS meine alte Freundin in einem zärtlicher Zusammensein mit meiner jungen Freundin — «nt da war daS Glück mit einem Mole zu Ende. Gejb batte ich > nicht und Aussicht auch nichts ich ging zum ersten besten! Kauffabrteisckjff, das se^elfertig nach England lag. und I verdang mich alS Sckif!-junge. Das Schiff lichtete die Linker, ack — und bald tauchte der letzte Fleck Erde un- - I ter. wo deutsch gesprochen wurde und ich fand mich allein J auf dem hohen, wilden;Meere unter einem rohen Volke.! dessen Sprache ick nicht verstand. Eben darum hatten j sie- Alle auf mich abgesehen und fie hatten eS -bald j heraus, daß ich ein Jude fei. Nun sagten fie, sie wollten > mich taufen. Sie zögen mich auö. fie bestrichen meinen! nackten Körper mit Thper und warfen mich in die Ecke j de- Schiffsraum-, wo di« Federn von den Hühnern und Gänsen lagen, die der äapitän pnd der Obncsteuermann! gegessen hatten. AlS ich nun so befiedert vastand, da ' gossen sie große Kübel 4it Seewaffer über mich loS. — Ach — da habe ich r^cht. recht schmerzlich an meine Mutter gedacht! — Nack fünf Tagen Seefahrt liefen wir in die Themse ein und am sechsten Morgen ankerten wir/ . in St. Katharine s Wharf, dem Tower gegenüber. Da- Erste, was ich that, war, daß ich desertirte. Ich lies, sobald ich über Tower-Hill hinaus war. als sei mir die ganze Mannschaft auf den Fersen — ich lief den ganzen i Tag. Straß' auf, Straß' ab — ich weiß nicht mehr, wo-! hin ich kam — aber ich weiß, daß ich zuletzt erschöpft, l fast ohnmächtig auf dem Treppenstein eines großen HauseS > niedersank. SS war Nstchl geworden und die Straßen-! lampen wurden schon angezündet. Hunderte liefen, fuhren, i ritten, an mir vorüber, aber Keiner hatte Acht auf mich. , Denn eS kommt mehr vor in London» daß ein hülftofeS j Wesen todmüde auf demTreppenstein einegroßen Hause-! uiederfinkt. Aber recht? recht traurig war ich — daist wahr — als ich bedachte, wieeinsam, wie unsäglich einsam ich in dieser Riesenstadt sei, in der mich Niemand liebte, Niemand kannte. Niemand verstand! Da hörte ich die Desperglocken von zwei Thürmen läuten, die wohllautend zusammenschlugert und deren Sprache ich verstand. „Gott vertraut! Gott vei traut!" riefen sie unablässig und ich sagte: „3a, ich will tölott vertraun!" Und dann suchte ich auS meinen Westentaschen und aumeinen Hosentaschen die deutschen Groite, die ich noch von Bremen her. und die englischen Peneestücke. die ich noch von England her bei mir hatte, zusammen. Ich trat in ein Alehouse und kaufte mir Brot und eine Kanne Bier, aß, trank, erquickte mich und ging, dann wieder auf die erleuchtete Straße hinauß, um mir hin.Nachtquartier zu suchen. Ich kam in ein sehr enge-? dumpfe-, Gäßchen und vor. dem schmutzigsten, erbärmlichsten Haufe desselben blieb ich stehen.