Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1856-1857)
- Issue
- 60 (1857)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Bolksblatt. A»' 7- Letehrung und Unterhaltung aus jüdischem Zediete. Herau-gegebe» »o, Rabbiner 0r. Ludwig Philipps»» in Magdeburg. r rai^ aa 1QSW 1 *on N*f«r 3<Ufd»nfl *rr<b«UU »W*«tlldi *lne Warn«**. Pr*,» t»« J-idr« Uv* Xo9 4 I *4n^# * Tdlr. »i*^l*l|ibri|j T/, «41. KB* »uckdandlu»«*». Po»ämi*r *• ■* und 3<<(un^«*|:re>iliPnfn nebmfn CrdeDunotn art. [4* Jahra. 4. Quartal. S. Halste Ro. 33-63.4 Der Baalschem und -er Großinquisitor. Sine chasfidische Sage, von Leon Mendelsb gradnottuSk (Rußland.') urg in Chowo« ES war im Jahre 1850 in den letz ten Tagen deS März, alS.ich mich auf einer Reife nach e nem, in Wolhynien gelegenen Städtchen befand, wo meine Frau, ihren daselbst ansässigen Bruder besuchend, schwer erkrankt war. — Mit sorgenvoller Seele wandte ich all; mir zu Ge« bote stehenden Mittel an. meine Reise zu beschleunigen, allein der Himmel schien meine Geduld auf eine horte Probe setzen zu wollen. Denn trotzdem ich mit vier Pferden und einem fast ledigen Wagen reiäe, vermochte ich doch kaum in drei Stunden eine Meile WegeS zurückzulegen. — Diese Angabe könnte meiner Lesern fast unglaublich scheinen, allein sie müßten in tiefer Gegend, um.diese ZahreSzeit.einst gereist sein, so würden sie dieS gar'nicht so auffallend finden; denn kaum hatten hier die ersten Strahlen der KrühlingSsonne den Schnee geschmolzen, und ein warmer Regen die EiSrindel der Erde ge- *) Seit einem Jahrzehnt in diesigem Lande. so zu sagen auf dem clainschen Boden deS khafndiSmuo. wo fein Wiege gesian den und fein Begründer gewandelt, lebend, bin ich auf manche' Sage und Legende gestoßen, die nur einer geschick en Bearbeitung bedürfen, um vielen andern soliden, die auf dem Gebiete de« Iudcnlbume entstanden, würdig an die Seite geteilt werden za können. — Dem Ebassidi-mu» bei uns huldigt nicht etwa eine Secre. die Hunderte zäblt. nein. Hunderttausende baben zu seiner Fabne geschworen, und man kann mit Recht bebcuvten. daß die Majorität der bierlälldiscden Israeliten Ehasfidcn find. — Durch | seinen hundertjäbrigen Bestand aber ist dieses EhasfidtSmuS j mit dem Iudcnthumc so eng verwachsen, daß jer so zu sagen : einen großen Bestanbtbetl desselben ausmacht. — jDer GeschichtS»! forschung wie der Religionephilosophie bietet er manche wichtige.! in da- Wesen de- ZudentbumS tief einschneidend» Momente dar. — Aber auch jedem Gebildeten und dem Romantiker würde er durch seine reichhaltige Sagenwelt viel Interessantes bieten, wen» geschickte und aafgeklärt« Männer eS der Mühe wefith hielten, aus dieser reichen Fundgrube eine Ausbeute zu-wachen und sie im Gewände moderner Dichtung dem Lesepublikum vorzule^ea. — Dieses Feld, in Deutschland so vielfältig urbar asmachl. liegt bei uns ganz brach und.wartet erst der genialen Blearbeitung. um eine reiche Ernte zu liefern. — Ich habe nun nach meinen schwachen Kräften versucht, einer solchen Sage! eine Form zu geben, und lege sie diesem Briefe bei. — 1 Die Tendenz ihres geschätzten LolkSblatteS.! wie es sie an seiner Stirn trägt, ist: auf jüdischem Gebiete Unterhaltendes und BelebreudrS zu geben. Ich glaube, diese Sage tenspricht diesem dovvelten Zwecke, indem sie zur.Eharakterifiruug d»S EhasfidtSmuS viele frappante Züge liefert. > Der Perfasser. brochen. so pflegt d^r fette Lehmboden sich in. Morast zu verwandeln. s« daß die Pferde in den tiefen Schlamm einstnken. Wir seht» dann recht oft achtspännige Kutschen stecken bleiben, die ^icht weiter können, bis mau sie mit vieler Roth herauSchindet. und mit vielen Ochsen schwerfällig weiter befördert. — v Jetzt zwar ist da» hier ganz anders, jetzt rollt der Reifende, trotz Wind und Werter, auf einer schönen Kunststraße. die hier angelegt worden, dahin; zuv Zeit meine» Ereignisses aber war. zu meinem größten Leidwesen^ die Chaussee noch nicht vorhanden, und ich sah mich in die traurige Lage versetzt, nicht weit vom Ziele meine» Sehnen» und Strebenzu sein, und stundenlang schmachten zu müssen. — Der Morgen wat kalt und nebelig, uud so weit da» Auge schweifte, sah e» nicht» als nackte sumpfige Auger. hie und da. gleichsam um da» kraurvge Einerlei zu mrterbrlechen. einen entlaubten Baum, der feine nackten Zweige und Aeste gespensteranig in die kalte. Luft weithinauSstreckte. ' ~ t —' Düster war e» tn meinem Innern, wie in der Außenwelt. — unh chie ich so'in meinen Pelzmantel eingehüllt, in schwermüthige Gedanken versunken dafaß, weckte mich eine tiefe Baßstimm^ au» .meinety träumerischen Nachnnnen: „Gut Morgefi," mein lieber Freund." sprach sie. Ich. den Mvrgengrssß erwiedernd. blickte auf. und nicht weit vor mir aus dkmschmalen Fußpfade neben der Heerstraße stand eine hohe, bleiche, hagere und. ärmlich geklei. dele Person, uiit elftem bi» auf die Brust herabtvallenden Barte, und blickte!mich mit ihren durchdringenden sor,« schenden Augen -an,! als ob sie gewahren wollte, ob ich der Mann wäre, an> den sie ihr Gesuch mit Hoffnung auf Erfolg anbringen sännte. Ich griff in die Tasche, wähnend, daß e» —s eine hier nicht seltene Erscheinung — ein Armer sei. der mich um Almosen angehen wollte. „Nicht da» ist e». um wa» ich Sie bitten wollte." sprach der Arme, indem tt< seine von dichten Branen beschütteten Augen zu mir erhob, und mich schwermüthig ansab, „ich wollte Sie bitten, «ir ein Plätzchen auf Ihrem Wagen emzuriumen, und mich eine kleine Strecke mit Ihnen fahren zu lassen. Wie Sie sehen, bin ich nicht jung mehr und die Fußreise auf diesem halsbrechenden Wege, bei feuchtem, kaltem Wetter, hat den Rest meine? schwachen Kräfte gänzlich «rsHöpst; ick finke schier vor Mattigkeit nieder.* — Ich konnte nicht umhin, eine solche bescheidene Bitte zu gewähren, und wies dem Manne einen Sitz mir gegenüber an. den et sogleich mich segnend, einnahm. — Nunfand ich Muße, meinen Mann zu bettachten. —