Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1856-1857)
- Issue
- 46 (1857)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Volksblatt. Zur ketehrung unk) UnlerhaNung aus jüdischem Hebiele. Heran-gegeben vov I Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Magdeburg. INo. 4«. 1857J Bon tiefer 9eiifdirfft erscheint »-chentllch eine Nummer, drei« de» Aadr- «aiij,» 1 Tdlr. BierleliLdrig T/, N^r. «De Buchbantlunge!,, Poftümter und geitun-oexvetitioneo uebme» BeSellungea an. - ■— l — [4. <Zahr§. 4. Quartal.] Briefe aus nnd nach der Heimalh. n. Früb traten wir auf, um die altberühmtc Stadl zu besichtigen. Sie erwarten keine Deschreibupg. denn tbcil» ist Frankfurt zu bekannt. tbeil» dielten wir unö zu wenige Zeit auf. um ein genaues Unheil zu gewannen; ich gebe idnen nur kleine Bilder, wie sie an unS vchubergegangen. Die Zeil ist eine breite, prächtige, interessante Straße, aber nicht zu lebhaft. Das Erste, was uitsre ganze Aufmerksamkeit auf sich zog, war die Bildsäule Goetbe'S. die seine Vaterstadt zwar spat, aber desto prächtiger ibrem großen Sohne errichtete. Sie ist imposach bock kolossal, ein berrljcher Bronzeguß. Meine Frau bemerkte bald, daß Friedrich der Große und^ Goethe daS-Schicksal baben. stets im Alter dargestellr zu werden, und so wie der Krückstock zum Symbol des großen Königs, ist der lange HauSrock zu dem degroßen Dichters geworden. wabrrnd beide doch ibre bewunderungswürdigen Thtaten und Werke in der Dluthe deS ManneSalterS vollbrachten. Man bat dier den vielersahrenen. besonnenen Denkerlvor sich, welcher in breiten, wodlangelezten Perioden nach abseitiger Betrachtung und Erwägung strebt, nicht aber den flammenden GcniuS, der auf bundert Wegen eine n!eue Fackel ent. zündete; man erkennt den ruhigen, unerschütterlichen Mann, den eine sturmbewegte Zeit nicht vermochte von seinem Standpunkt zu verdrängen, aber nicht de» kübnen Jüngling, welcher siegreich seiner Zeit voraneilte, der Zukunst die Babn brach; wii bewundern die berrsiche Stirn, die prächtigen Augen, aber Kinn und Wamst« verrathen da» weichliche Alter. Vortrefflich sind die Basreliefs an dem schön proportionirten Piedeftal. Es machte der weiblichen Begleitung viel Freude, mir nicht zu großem Aufwand von Scharfsinn die Gruppen auS den Dichtungen Goethe'S zu erkennen und zu erklären. — Der Goiethrstatue gegenüber ist bereit» ausgerichtet, wenn auch noch nicht vom Bretterzaun entkleidet, da» Denkmal an die Jubelfeier der Erfindung der Buchdruckerkunst im Jahre 1840. Die drei Männer, denen die ewig denkwürdige Erfindung ihre Ausführung verdankte, treten in schwarzem Erzgvß nach dreien Seiten hin. aber doch in Verbindung mit einander, frei dem beschauenden Publikum entgegen. Diese schwierige Aufgabe der Gruvpirung ist vortrefflich gelöst; es liegt etwa- Freies, LevendigeS in dem Charakter der drei Figuren. welche mit dem weltumgestaltendtn Erfolge ibrer Erfindung und Ausdauer sehr gut übeveinstimmt. Nur scheint da» Piedeftal etwas zu enge, «irb aber vielleicht durch die noch fehlende Ausschmückung! gehoben. AIS zu einem vollständigen Gegensätze eilten wir von, da zu der berüchtigte«' Judengaffe. Bevor wir zu ihr gelangten. kamen wir an der neuen Synagoge vorüber, deren Vollendung nabe ist. Bemerkenöwerth ist. daß die neueren Synagozenbautcn ein Problem zu lösen baben, für welchesich bis jetzt noch nicht- Genügendes gefunden hat. Die. Portale der neuen Svnaghgezz. sowie deren ganze Frontseite treten auf die Straße hinaus, während sie trüber in ummauerten abgelegenen Höfen standen. Wie soll sich nutr die Svnagoge in' der Oeffentlichkeit pri''entirrn? Welches charakteristische Merkmal soll sie annehmen. um dieibr inwvbnende Eigentbumlichkeit in Holz und Stein architektonisch au-zupeägen? Die etlichen neuen Synagogen, die ich gcsebcn, greisen sehr in'S Ungewisse binauS, waS freilich da. wo d e Tradition Nichtbietet, rn einer an schöpferischem GeniuS doch armen Zeit wie die unfrige, nicht zu verwundern ist. ES kommt hinzu, daß kiese Svnagvgen verhältnißmaß g doch nur7"kleine Bauwerke sind, für welche da- Jmpofan e um so schwieriger zu finden. DaS Portal und die Fronte der Dresdener sind zu bunt an .Formen, und in ul rem byzantinischen Style zu sremdärtig; die der Magdiburger sehen einer Ritterburg zu ähnlich rund die der neuen Frankfurter äbnrln der Kirche: am »nangenehmsten fällt die Leipziger Synagoge auf, die in'ihrem Innern! viele- Schöne und. Majestätische hat. sie sieh« von außen fast wie ein Ge« fängniß auö. Bei dem Neubau in Frankfurt, den wir jedoch noch nicht betreten dursten. fiel eS unS apf. daß daS Schiff hinter der großartigen Fronte in zu kleinem Derbältniß steht. — Die Judengasse! schrumpft offenbar immer mehr ein; man hat zwar noch genug Specimen von Häusern, welche unS Grauen vor den Wohlthalen.und Herrlichkeiten de» Mittelalter» einflößien, aber man siebt, daß schon vlese Abgebrochen und durch Neubauten ersetzt sind. Die übrig gebliebdnen sind i» der That gräßliche Epelunken de» Schmutze», der Finsternis und de» Modergerüche». Webe Unfern Vätern, dahinein verbannt gewesen zu sein — aber dreimal Wech denen, welche sic in diese furchtbaren Höhlen hineinbannten! — Ueberhaupt stellt un» Frankfoü in seiner Zufammensetztmg au» der aften und neuen j^lt so rech^ lebhaft Mittelalter und neuere-Zeit gufatntnat. Diese enge» Gaffen mit bochaufgethürmten Häusern, welche tauch einen handbreiten Streifen de» Himmel», sehen lassen Und Lust und Licht jeden Zugang versperren, konnten tat einer Zelt ent-