Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1856-1857)
- Issue
- 45 (1857)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches BolWlatt. Zur LetehriMg und Anlerhattung auf jüdischem ^ekiele. Herau-gegeben von , Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Magdeburg. ' lNo. 43. 1857 ] Sen tif*r dtitf&rift erfdwinl »eck-r»Uich «int ftnpmer. *tfi« ttt Zabr- «Jn«i 11 Zbir. SirrttllAbrig 71/. **». *0< Bu*bjtiMnnirn, y(Mn»r | nnb Seituhilffrcbttimtii »rhmen Beftrflnng<n «n. l4.I«hrz.4. QßimrUL] Briefe aus und nach der Heimath. (Lckllisi drcrttcn ^ritft«.) Oö wurden über diesen Gegenstand noch mehrfache Reden gewechselt. als mein BrudcL der Student, anhob: ..Dieser Streit erinnert mich an einen andern Eonstict. dem insonders die Jugend in seb» peinlicher Weife de« gegne». Beim Religionsunterrichte! von der Kanzel herab, in der ganzen religiösen Anschauung überhaupt wird ungelehrt. über die Dinge dieser Will, über die irdischen, weltlichen Güter und Bestrebungen mit einer gewissen Verachtung hinwcgzuschaucn. ja aleS Realistische alS eitel und nichtig anzuseben, unser Augel zu einer böberen Welt binaufzuheben. welche die eigentliche de- Mensche«, aus die ihn. seine Bestimmung binsüyre. sein soll. SS ist wahr, daß da- Judcnrhum in sczner mosaischen Grundlage hiervon nichtweiß, vielmebr den Menschen aus« fordert, seine Gottesfurcht und Na^istenliebe im Thun und Schaffen dieser Welt zu beibätigeir. Jndeß schon der Wind, der auS dem „Prediger SalomoniS" (Äobelrt) wehr, ist ein anderer, und wenn >aS Ebristentbum diesen Bruch des Lebens und der religiösen Idee zu Stande gebracht hat, so stehen wir Juden! er Neuzeit unwillkürlich zu sehr unter dem Einfluß dieser Anschauung, als daß sie sich nicht auch bei uns kingebürgwt hätte. Kommt die Jugend nun iu's Gvmnanum. so tritt ibr eine ganz andere Richtung entgegen; hier ist Alle» auf daelasflsche Alterldum gewendet, alle GeisteSlbatigkeit wird auf diesebezogen, und waS nicht mit diesem — höchstens die Mathematik ausgenommen — inj unmittelbarem Zusammenhänge siebt, wird achselzuckend bei Seite geschoben. DaS Elastische wird aus der Universität zum Wissenschaftlichen erweitert, und überall festqehalten, daß die Wissenschaft um ihrer selbst willen, nicht einmal um ihrer Resultate willen, ergriffen, durchforscht und gefördert werden soll. Tritt nun der Jüngling ton der Universität in - Leben ein. so wälzt sich ihm «irze ganz andere Forderung auf da- Herz und die Schulter^. ES heißt: Laß' nun alle diese Ideen fahren, und schaffe Dir vor allen Dingen Brot und Stellung, erwirb, damit Du genießen könnest. ES fehlt wenig, daß man nicht Alle-, waS keinen Erwerb bringt,' als bloßen Plunder erklärt, wenigstenals sehr überflüssige Bagage auf dem Wagen de- Leben-. Die Wissenschaft wird nur insoweit geachtet, alS .sie dem praktischen Leben Vortheile und Schol-e bietet. Wenn ich sagte, verschaffe Dir Brot, so versteht man darunter reichliche- Brot, Eomfort, LuruS. Wem soll nun die Jugend folgen? soll sie sich dem materialistischen Geiste der Zeit, der seine Wogen onschwellend iim sie drängt, hingcben? Oder soll-sie sich fester an dans ganzen Inhalt ihre- bisherigen Lebenanschließen und hareine Pricsterthum der Wissenschaft oder der Religion sich bewahren? Und wenn cS schon eine bockst-schwierige Ausgabe ist. Religion und Wissenschaft mit einander zu versöhnen, wie soll eS ihr gelingen, auch mit dem materiellen Leben ferrigzu werden?... Was ich hier von dein Jünger; der Wissenschaft sage, gilt nickt weniger auch von den Männern des.gewerblichen LebenS. Wer weiß nicht, daß eS in unsrer Zeit bei der großen Steigerung der Brdl^fnisse und bei der ungeheuren Concureenz von Capitis, Kenntniß und Thaligkeit immerwährende Anstrengung, beständige Aufmerksamkeit und Sorge erfordert, nicht alltin um empor zu kommen, sondern auch um sich oben zu'erhalten. Und doch ergeht immer wieder der Ruf an sie^ Vergiß Deine-! höheren .Selbst nicht, bilde Deinen Geist aus. entwickele ^Detne religiösen Gefühle und Erkenatniß und erhebe Dich zu Deinem Gott. . Ich muß gestehen, daß mich dieser Ton« filct oft schwindlig macht, daß ich enicht zugeben will und mag: es solle das^Letzter« blo-, Phrase sein, ja daß eS mich schaudert vor dem Gedanken. dast^die. kivilisirte Welt, daß der Mensch der Zukunft ganz und gar in hagemein materialistische Leben versinken werde.- „Der Conflict, dcy Du ungeschildert, lieber Bruder-, erwicderte ick. „muß von un- Allen anerkannt werden, und selbst diejenigen, welche die Lobredner der Neuzeit sein möchten, werden zugeben müssen, daß sie diesen Widerstreit. anstatt zu lösen, erst recht erhöht hat und schärfer bervorttcren ließ. Bor Kurzem fiel mir eine amerikanische Schrift in die Hände, welche ein ganz unerwartete- Geständniß enthielt. Kennen Sie Barnum, meine Herren?- — „O. wer sollte Barnuaz nicht kennenden Humbug», den G^dmacker, der die Lmiuikaner mit tausendfachen Späßen unterhielt, ihnen aber'dafür da- Geld auS der Tasche locktcl-'rief man von allen Seiten mir zu. .Nun. dieser Barnum hat sein Leben selbst beschrieben und am Schlüsse sagt er in einem Rückblick, wie ich mich erinnere, ungefähr Folgende-: „Der große Fehler in unserer amerikanischen Civilisotion tss eine rücksichtslose und starkarbeitend« Richtung zpm ^Praktischen", eine keineswegs ewpfehlen-werthe Richtung, weil sie den wahren Lebenszweck audem Auge verliert und sich in ihre»