Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1856-1857)
- Issue
- 2 (1856)
- Date
- 1856-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Bolksvlatt. Zur Belehrung und Unterhaltung auf jüdischem ZeKiele. HerauSgegebeu »o« .__ Rabbiner vr.l Ludwig Philippsou in Magdeburg. r ' lSko. S. 1856 ] CerTWtftr fttiifAtifl «rschtlnt »ückratNä» thst Su»*tr. UrtU ff* Zahrgaug« 1 *Vt. Vttrjeljidrig l1/, N*t. »ll« eudtbaablungtu. Poß»««rr uat g<il«ii>s«akrrditione» «basta BefttSuagta an. [4.Jiirg.l.ffi««rtiL] Zwei Brüder. Musikalische Skizze von Elisa Polko. (Schluß., i | Zehn Jahre waren vergangen, feit! das vorliegende Blatt in die niedere Stube der armen Sarah Aog, da verbreitete sich plötzlich baS Gerücht, daß ein ausgezeichneter, junger Elaviervirtuo», Schüler d,s berühmten G., nach F. zu kommen und daselbst ein Concert zu geben beabsichtige. Musikalische und andere Zeitungen hatten den Namen Giacomo S. schon durch ganz Deutschland getragen; über seine ausgezeichnete Technik herrschte nur eine Stimme, und noch neuerdings ward daß Interesse für den jungen Künstler in hohem Grade gesteigert. Man erfuhr nLmlich, daß er in einem Concert, das er in Krakau gegeben. das Herz einer sehr reichen Russin gewonnen und 'diese ibm bereitvermählt sei. Man bestellte im DorauS BilletS; daS Eoncert versprach überfüllt zu wirden. Eine» AbendS fuhr ein eleganter Reisewagen vor am Hotel B.. dem vornehmsten Gasthause der Stadt, ein kleiner Herr stieg au-, und .hob langsam eine schlanke, in Pelz gehüllte Dame heraus. Die Zimmer waren schon im Voraus bestellt, also gehetzt und erleuchtet für den Ähnlichst erwarteten Herrn Giacomo E. m^t seiner Gemahlin. Kaum im Salon eingetreten warf Giacomo einen Blick auf seine Uhr und sagte unruhig zu seiner Frau: ,Zth habe in Betreff deS ConcenS noch einen wichtigen Besuch zu machen. liebe Irma, mach' Dich auf eine, vielleicht auch zwei einsame Stunden gefaßt. 3ch werde Dir aber vorder noch einige Bücher auSpacken." Er that eS. Die blonde Dame stand eben vor dem großen Spiegel, ordnete ihre Locken und strich die Spitzen und Falten des schweren, schwarzen AtlaSkleideS zurecht. Mit dem Ausdruck übelster Laune wendete sie ihr feines, kalte» Gesicht ihrem Manne zu: „Ums, mon eher! ich glaubte, wir würden noch in die Oper fahren. eS ist ja eben erst sechS Uhr?" — „Nein, gieb diesen Gedanken a^lf; ich habe Wichtigere» zu thuu. Morgen werden wir ja mitten im Strudel der Gesellschaft sein; füge Dich heute in diese kurze Einsamkeit." Madame schmollte; Monsteur wickelte sich in seinen Mantel, denn e» war Winter^ und verließ zu Fuß da» Hotel. Durch viele' kleine Sträßen ging er. und immer rascher wurde sein Schritt; er kam endlich in die ärmste der Gaffen: sie war fast dunkel, aber da» Hau», da» er suchte, fand er doch, und kletterte elfte alte Stiege hinauf und pochte an eine Thür. Eine schwache Stimme ries ihn herein und Jakob stand seiner Mutter Sarth ge«. grnüber. Die schlechte Laterne, die auf der Straße brannte, warf ihren schwachen Schein grade in'S Zimmer, und er sah die alte Jüdin, wie sie mit dem Rücken an die Mauer gelehnt, fast wie ei« Steinbild da saß. „Wer ist da?^ fragte sie, aber ohneDch zü regen, auch öffnete sie di« Augen nicht; die arme Frau war blind geworden von vielen Thränen. „Jakob istH, Mutter," antwortete der Sohn, und küßte ihre mageren Hände mit der vollen, rührenden Pittät, die den Juden im Verhältniß zu seinen Eltern charakterifirt. „Komm' her, daß ich Dich segne." sagte sie weich, aber ohne Frgude mit einer seltsamen Ruhe. Al» er sich ihr ganz genähert, richtete sie sich auf, ftihr mit der Hand prüfend überfein, Gesicht und seine" Kleidung und küßte ihn auf die Stirn; aber alle» die» so ohne Erregung und Hast, <il» habe ste ihn erst vor einer Stunde grliebkost. „Du bist noch arm, gute Mutter," sagte Jakob nach einer Pause, in der er sich tm Zimmer umgesehn und Alle», Alles noch gefunden, wie er edamals vor zwölf Jahren verlassen: da» Bett der Knaben, die alten Kleider, die ste getragen, die kleine Bank am Ofen, die beiden Stühle und den großen, alten Tisch. „Ich bin jetzt rkich," sprach er weiter, „und Du sollst e» mit mir sein." Seine sonst so scharfe, harte Stimme klayg weich und über sein unschöne- Gesicht flog eine fast milde Freundlichkeit, al» rt so zu ihr redete. Sarah lächelte müde und lehnte sich zurück. „WaS nennt mein Jakob reich?" murmelte sie, „ich kenne nur elften Retchrhum, und den kannst Du mir doch nicht wiedergeben; Du, weißt, welch' einen vergrabenen Schatz'ich meine." — „Ich weiß eS. gute Mutter, David.ist todt, er konnte nicht» ertragen; ich habe e» gekonnt, «eil ich reich werden wollte. Du weißt, e» ist ein Erbkheil unsere» zertretenen Volke», dieser furchtbar eiserne Wille; wir haben einen Willen, der Alle», Alle» überwindet,'Alleerreicht; er hatte ihn nicht, er starb. Ich wollte Musik lernen, nicht weil ich sie liebte, nein, weil sie heut' zu Tage rascher reich macht, al» irgend eine andere Kunst, und ich lernte ste. Man hat mich geschlagen, getreten, gestoßen wie einen Hund, ich litt Hunger und t-ufend Qualen und Demüthigungm; ich ertrug Alle», weil ich wollte. Nun ist'- längst vorüber, mein ist Ehre und Retchthum, aber Du sollst auch wieder frvh werden, Mutter!" — „Laß mich, Kind, ich trage nach Nicht» mehr Verlangen; für mich giebt'S weder noch Freude» ich harre meine» Säbbath». Aber die Arbeitszeit währt länger, al» ich hoffe; ich bin so müdel^ — „Mutter, komm mit mir,