Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1855-1856)
- Issue
- 1 (1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/4908862-5999341-6000712--0587-4909301- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Jüdisches BolksMatt. Belehrung! und Unterhaltung aus jüdischem HeKiele. Hrrau-gtgrbta von!- vr. Ludwig Philippsou iu Magdeburg.! Rabbiner Zur sRo. 1. 1855.1 Bon biesrr Ae gang* 1 Ldlr. unft rfdirift erschein« wickenUtch rtn Kummr. frei* e s Aadr- BieNeljidriß 1'/, N»r. >ll« Butbandlungen, Bo-i«ter geitnng«ekn»»inoArn nehmen Brfte0nngrn an. >3.Zahrß . Lttsiibi/h- Rach dem Versöhmmgstage i. DaS letzte ll-n's« rein „der Ewige ist Gott!" war verNuugen, der einmalige Stoß in dakchvfar verhallt. Dieser erhabene Moment, m welchem mit der letzten Kraft de» TageS' bie versammelte Gemeinde d >n Schatten der Rächt ihr Bekenntniß zrttlift, und dam t daerhabene Werk diesewirklich hohen Festevollbracht ist, war vorüber. Alleverließ den Tempel und eilt«, von Weib und Kindern begleitet, mit emfigen Fragen «ach dem Wohlsein jede» Einzelnen beschäftigt, nach Hruse. Hier war Allebereit, erfrischende- Wasser, stärkender Kaffee, der gedeckte Tisch, eine Flasche Wein — ein seltener Gast — auf ihm, brennende Kerzen. Voll Seelenhelterkeit da- Rothwendige gethan, und dann Umarmung und Kuß. und dann für de- Leibe- Stärkung gesorgt.! Die Unterhaltung brach bei Tische nicht <\fc; da wurkt Dies und Jeneerzählt, waö den Tag über vorgefallen, wie e- Dem 'ober Jener <au» der Gemeinde »ganzen, waS dem mit Gebet eifrig beschäftigten Vater, der nichtein einzige- Mal seinen Sitz im Tempel verlassen hatte, natürlich! entgangen war; auch über den Vortrag der Borbeier, über Predigt und Todtenfeier de- Weiteren au-gelaffen — j nur schaute der ernste Blick de- Vaters sofort auk, wenn srgend eine Nein« Bo-heil in den Bemerkungen zum Vorschein kommen wollte, und da blieb fie dinn schnell, wo sie herau-kom- ^jsen wollte. 1 Dawar nun Alleauch vorüber, und! der Vater hatte eS sich in der Ecke de- Gopba'S ganz -equem gemocht, auch die Pfeife zur Hand genommen —i als der älteste Sohn — ein Knabe von ^unffehn Jahren, ernst in seinem Wesen, zu ihm trat.! „Vater." sprach er, „gestatte mir eine Frage, die mich viel beschäftigte, und die ich gern von Dir beantwortet bätte." — „Wenn ich'- vermag, sehr gern; sprich, ujein Sohn!" lautete die Antwort. — „In den Gebeten der heiligen! Feste, die wir soeben zurückgelegt, kehrt der Spruch mehrere Male wieder: rviran m nx prar: «pur> nbcn fidien. Die Worte find großgedruckt, also an» ganz besonderetnzuprägen. Ihr Sinn ist: Buße, Gebet und Wohl hätigkeit führen daböse Berhängniß vorüber. Ist dienun eine allge. mein angenommene Lehre unserer Religio«, oder nur der Au-spruch irgend eine- Einzelnen, für d,n eben nur die Autorität diese- Schriftstellerspricht?" „Und waruvrfragst Du so?" entgegnen der Vater. — „Weil mir dieser Spruch nicht ganz einlellchtet, weil viele Zweifel an seiner Richtigkeit in mir aufsteigen." „Wir wollen diese später hören, »ein Sohn. Zunächst Deine erste Frage. Wenn wir die Allgemeinheit einer Lehre erkunden wollen, so habm wto darnach zu fragen, ofc fie echt biblischen Ursprungist. Und die» ist offenbar. Du brauchst nur über dff Reue Kajin'- im 1 Mos. 4, 13 ff. zu lesen, ich erinnere Dich an da- Buch Jonah, wo aus di« Reue der Einwohner von Nineveh der Untergang der Stadt unterbleibt, an so viele Au-sprüche der Propheten, von Mofcheh an, wo auf die Umkehr, die Rückkehr zu Gott, die Zerknirschung bnd Demüthi-ung de« sündigen Israel und allen Frevlern dabeste, segen-reichste Looverheißen wird, um Dir keinen Zweifel zu kaffen, daß hinsichtlich der Buße der Dir auffällige Au-jpruch vollständig biblisch ist. Aber auch hinsichtlich des Gebetewird Dir dieeinleuchten, wenn ich Dich an die sofortige Erhbrung de- Gebete» so vieler frommen Männer in .per Schrift erinnere, -. B. Eltesar's, da- Diener-. AÜrgk Ham"-, Mofcheh'-, Schrmuel'», ENjah'S, Eb1-rljah»»,i an die vielen Au-sprüche der Psalmisten, daß Gott das > Gebet de» G«e«hten und Bedrängten erhört, z. B. 84, 7.: ) „Dieser Drängte rief, und der Ewig« h-rre, und half ihm au- A' seinen Leiden." WaS endlich dt» Wohltbätigkeit betrifft, so kennst Du den Spruch (5 Wof 15, 10), wo auf unsre wohlthatigen Werke der des««» dere Segen Gotte» „in all' Deinem Werk und in alle« Schaffen Deiner Hand" verheißen wird, wie in anderen da- Entgegengesetzte auf die Unbarmherzigkeit; gedenke nur de» herrlichen Kapitel» 58 audem Jeschajich, welcheheute al- Haphtora verlesen worden; gedenke nur de» Vsalmverse- (41. 2.) „Heil dem, der de- Elende« fürsorgt, am Tage de- Unglückrettet ihn der Ewige?' — Der Au-spruch, der Dir ausgefallen, mein Sohn, ist also ganz biblisch, unmittelbar auder Grundlage unsrer Religion erwachsen', und daher von vorn herein schon von größter Wichtigkeit und Entschiedenheit für unsre Urberzeugung." '! „Dieist mir sehr lieb so bestimmt etfo-ren zu ha,! ben, ich bjn nun doch schon gewiß, mich mit einem bt« deutenden und gesicherten Gegenstände, uttd nicht mit dem Einfall eine- Einzelnen brfihäfttgt zu haben." „Gewiß, mein Sohn. Run aber Deine Zweifel, vielleicht kann ich sie Dir heben." „Theurer Vater! ES drängte sich mir immerfort der Gedanke auf: wie? Buße, Gebet, Wohilhitttgkeit sind lauter einzelne Thaten und Werke de» Menschen, die gsnß in seiner Willkür liegen.— die noch dazu, wenlgstendie beide» ersten, ganz in seinem Innern Vorgehen —