Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1854-1855)
- Issue
- 45 (1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Bolksvlatt Zur 'Belehrung und Unterhaltung auf jüdischem Hekiete. Herausgegeben von iRo. 45.1855.] Rabbiner Dr. Ludwig Philippsou in Magdeburg. Bon tutfrr Britf&nfi trf&rfnt a&JwntliA rin« Nummer, »ittl kr« Iadr- -angt 1 ldir. ttirr!rli&l>r(g V/% N»r. 90« Buchd^nklun^r»!. ypftAatrt uni 3<iiung*tfP«lmonfn nehmru £cft«Duitgca an. [2.<3(il)rg. 4.ffioortaL] Wormser Tagen. Von Dr. 8. Lewvsohn in Worms. ( O *1 U g. ) 11. (Dir Rokeach.) Rabbi Elasar b. Jehuda^), Rabbiner zu WormS, war sowohl aI0 Kabbalist, wie auch alS bedeutender Talmudgelehrter weit berühmt und sein Ruf drang bis nach Saragossa im fernen Königreiche Aragonien, wo zur Zeit Rabbi MoseS Nachmani (oder NachmanideS — b. Rachman) Rabbiner und >Borsteher einer Gelehrtenschule war. In dieser Schule war der Geist scharfsinniger DiScussionen vorherrsHend, weniger beliebt war dainstchgehende Forschen, damvsilsche Studium -der Kabbala, invem der Lehrer selbst derselben noch nicht völlig mächtig gewesen war. Mangel an kabbalistischen Werken und nicht minder an einem tüchtigen Lebrer in dieser tiefen Wissenschaft, ließ eine merklich« Lücke in diesem Studium-zweig bei Nachmani zurück; diewußte Elasar und er sehnte sich nach der Zusammenkunft mit Nachmani, um ihm dienothwendigen' Ergänzungen in jenem Studium beizubringen; diese Sehnsucht ward um so mächtiger, als Elasar erfuhr, daß dit Schüler dem Nachmani viele Fragen vorlegten, die nuri auf dem Wege der Kabbala erledigt, aber eben deshalb vom Letzter« nicht beantwonet werden konnten. ES war jedoch noch ein zweiter, triftigerer Grund, der die Rftse nach Saragossa nöthig machte. ES lebte dorr ein hoher Staatsbeamte, von tw>n die Juden viel zu leides hatten; waje Fanati-muS und Menschenhaß an Pkenschrnqual ersinnen konnten, vereinigte jene- Ungeheuer in sich, und dieseum'chävlich zu machen, wünschte gar sehr d« fromme Elasar. der auch die Erlaübniß hierzu durch geisterhafte- Zuflüstern ein,- Wesen-, daeiner höher» Region entstammt, erlangt zu haben glaubt,. (ES sei idm nämlich gestattet worden, vermittelst mvstischer Zahlen und Namen, rrc« O'w'ipn, jenen unholven *3 zu tödten.) Äöie beide gedachte Zwecke dem Rokeach gelangen, wollen joir nun hören. Am Rüsttage zum Passahs,ste (U** 2“^), in aller Frühe, verfertigte Elasar die Osterkuchen (r"LS), ^packte sie ein, verabschiedete sich von Familie- und Gemeinde, indem er eine dringende und schnelle Abreise vorgab,\ und fuhr auf ') Geb. 1158, geft. 1238; er schrieb 30 Weck«; das Hauptwerk rrpn, so betitelt, «eil der Zahleuwerth di ses Wortemit der Auzabl der Buchstaben den Zahleuwerth von -rar*?« 318 beträgt. i einer Wolke, die er durch ein kabbalistische- Machtwort sich entboten hatte, durch, die Lüfte, über Land und Wasser, über Berg Und Thal, über Städte und Wälder hin nach Saragossa, und mit den letzten Strahlen der umergehenden Sonne war die seltsame Fahrt geendigt. ' (Sr kehrte, wie zu jenen Zeiten allgemein üblich, in- Hekdesch ein. nahm sich drei Mazoth für den Gebrauch deheutigen Abend-, die übrigen verband er sorgfältig, aus daß er gewiß sei, daß sie. dieselben seien, dle er selbst bereitet« und von welchen er allein während de- Festegenießen wollte, denn er hatte bei deren Zubereitung die strengsten Vorschriften der Kabbala auftha- Sorgfältigste beobachtet. — Er begab sich nach der Synagoge, und da der Rabbiner Mose- Nachmani bereitanwesend und überdies der erste Besucher der Snnqgoge war. so entging nicht seinem Aufmerksamkeit der stattliche, ebrsurcktgebieteyde Greis, und er lnd ihn ein, al- Gast das Paffahfest bei ihm zu verleben. Elasar stellte eine Bedingung, daß Mosebei den Borstehern bewirke, ihn, den Fremden, am Festtage predigen zu'lassen. Mosehätte vielleicht Mancheeinzü» wenden gehabt, doch die Gemeinde fand sich inzwischen schon zahlreich zum Gotte-dienste ein, und Mosebrach mit einem kurzen: „3a!" die, Unterredung mit dem unbekannten Greise ab. Nach dem Gotte-dienste begleitete Elasar seinen freundlichen Wirtb nach Hause, und hier erst erkundigte sich Rose--nu-fhhrlicher nach Namen und Heimath de- Fremden; dieser aber diente mit der kurzen Antwort: „ich heiße Elasar und bin ein Lamdan (Gelehrter) au- Mkdinoth AschkenaS (Deutschland)." Der Wirth wollte gern dürch weitere- Forschen einen Einblick in die Gelebrsamkeit dieseverschlossenen, wortkargen Mannesich verschaffen, doch die zahlreichen Schüler fanden sich zum Seder (Hau-gotte-vienst am Paffahabend) ein, und man ^begab-sich zu Tisch. Elasar nahm am Ende desselben Platz, holte seine drei Mazoth hervor sind gab den Seder für sich allein. Diese etwasonderliche Manier fiel alle» Anwesenden auf. und ihr Befremden' stieg auf- Höchst«, alsie mit ihrem Lehrer Mosein den scharfsinnigste» Disput über mehrere Stellen der Hagadah sich verloren, wobei aber der geheimnißvolle Fremde kein Sterbenswörtchen mitsprach.- und da- Unheil bildet« sich nun. zwar nicht laut, aber doch allgemein: Dieser wunderliche Fremde ist sicherlich ein Am ha-arez (Unwissender) und treibe ein arge- Spiel. Buch unserm Mosethat eleid, so leichtfertig jene- „Ja!" gesprochen zu haben, an dessen Erfiillung er nunmehr nicht im Geringsten mehr dachte. Rach Tisch verabschiedete sich der Grei- und wiederholte feine Bitte;