Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1854-1855)
- Issue
- 42 (1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Volksblatt. Zur Belehrung und Änlerhastnng aus jüdischem Heöiele. lRo. 42.1855.] -eranSge-eben »o» r Rabbiner Är>n ktei'er Zkirs^ itan 1 Jblr. unt r. Ludwig PhUippson in Magdeburg. nfi <ri*»int wnLkutliib eine Xunfpi«. Prei» tt* Aat>r- Krirljäbrifl “'/> Xar. Alle *ud<b.m»litnfl<u. l‘cftimler (iiiiiiA^rrrrbinoiKn |t<bm<n »•»fttUunu«» an. I IS. Zahrg.4.Wv«rtnl.) Milka. Eine Parabel von Dr. Wahl. Die Menschenkinder fitze» ta Finsternis und TodrSschaNea, in Elend und Visen geschmiedet. (Psalm 107.10.) In einer großen und schönen Stadt wurde einst aus einem freien Platze ein Markt gehalten, wo nur Vögel zum Verkaufe auSgeboren wurden. Die seltensten Vögel mit prachtvollem Gefieder und herrlichem Gesänge waren in Körben ausgestellt. Eine ungeheure Menschenmenge wogte auf und ab, deren dumpfes Gemurmel, verbunden mit dem Piepen und.Zwitschern der befiederten Geschöpfe, ein solche- Getöse verursachte, daß eeinem toll im Kopfe wurde. Da war denn unter andern auch ein gar seltsam gekleideter Mann aufernem Lande, der die prächtigsten Vögel auf dem ganzen Markte besaß. Belm ersten Anblick hätte man den Mann selbst si»r einen Vogel halten mögen. Er hatte ein spitze- Gefichtchen mit kleinen stechenden Augen und eine spitze, beinahe wagerecht stehende Nase) auf dem Kopfe trug er eine graubehaarte, kegelförmige Mütze mit einem Federbusche und einen Mantel, der von lauter bunten Federn zusammengesetzt war, die. im Eon», nenschein gar wundersam funkelten und blitzten. Seine Füße konnte man gar nicht sehen; die wstren unter der Masse von Käfigen ganz versteckt. Da war snun ein Drängen und Treiben von Herren und Damen find Bedienten; denn Jeder wollte zuerst heranrreten, weil ihm dieser oder jener Vogel im Auge stach. Am schlimmsten war ein Mägdlein dran. ,daschon eine Stunde mij einem Körbchen am Arme dem Gedränge traurig zusah; aber zu schüchtern war, um fich, wie die Andern, mi^ Gewalt Platz zu machen. Ewar dieaber eine gar liebliche Erscheinung. Audem feinen, wie au- Morgenst^ahlen geformten Antlitz glänzten zwei Aeuglein von dlunklem Azurblau, und kastanienbraune Locken fielen übe!r den blendend weißen, geschweiften Nacken herab. Die Stirne zierte ein mit Edelsteinen besetzte- Diadem. Ein weiße-, schwebende- Atla-kleidchen mit schwarzem Mieder uNd ein blauer Shawl darüber war der Anzug deschönen Kinde-. Unter dem großen Gedränge hatte der stechende Blick de- Derkäuferdennoch da- Mädchen bemerkt, und weil er glaubte, daß ein dem Anschein nach so reiche- Mädchen so befahl er sie herankam, ihm einen theuern Vogel abkaufen würde, der Menge, ihr Platz zu machen; aber alging sie an all' den singenden, schillernden ^ind gleißenden / Bökeln vo'tüber, leicht wie ein Reh über Kisten" und Kasten springend und griff nach einem unscheinbaren in einer Ecke stehenden Käfig, in welchem ein ganz gemeiner Vogel herumhüpfte, der beinahe noch häßlicher war, aleia Sperling. „Wawollt Ihr für den Vogel?" redete ste den Mann schüchtern an, indem sie den Käfig zu ihm aufdob. . "7 „Für dahäßliche Ding da? Ei. ei, schöne- Kind, ich dachte. Du würdest Dir dort einvon jenen Goldvögelchen kaufen.", „Ich will Eure bunten Fasanen nicht. Sagt schnell, wa- Ihr für da-, da haben wollt/' „Dall^ädchen ist toll," sagte er lachend zu den Umstehenden. .Jen dummen Vogel will sie kaufen. Ntrn ich um keinen Schuß Pulver auder Luft schießen würde. Den schenke ich Dir. schöne- Fräulein!" „Ich will nichtvon Euch geschenkt haben," rief da- Mäbchen trotzig, warf ihm eine Goldmünze zu. und, .den Kopf stolz in, die Höbe haltend, schritt sie. den unansehn/ lichen Vogelbauer unter dem Arme, durch die ihm kopfschüttelnd nachblickende Volk-m»nge dahin. Und ewar auch wirklich ganz sonderbar anzusehn/ wie dareichgekleidete Mädchen mit dem schmutzigen Käfig dahinschwebte. Dazu liffbt ihr noch die unartigen Knaben nach und verspotteten sie, so daß dem lieben Kinde die Hellen Thränen in die Augen traten. Aber fi.e sah fich nicht weit.er um und rilte immer weiter, biste an. eine breite, hohe, Mit Säulen geschmückte Vorhalle eine- Plaste» gelangte, wo ste die hoben Marmorstufen hinaufstwg und in einen prachtvollen Saal trat, der ringmit seivenen-Ottomanen geschmückt war. Die purpurnen Seidenvorhänge, an Len hohen Fenstern herunter gelaffen. erzeugten ein zauberische- Helldunkel.. Eine Frauengestalt ruhte in liegender Stellung auf einer der Ottomanen. Beim Hereintreten de- Mädchenrichtete sie fich auf und schalt Milka^wegen ihrelangen "Au-bleiben-. Alfie aber nun gar den häß» lichen Käfig an ihrem Arme sah. da war de- Scheltenkein Ende, so dass die Kleine in ein laute- Weinen au-- brach. „Wie kannst Du «yr einen .fr schmutzigen Bogel in den Prunksaak bringen. Der' würde stch neben unserm hrafilianischen Goldvogel'schön auSnehmen —" fr rief die stolze Dame «nd wurde feuerroth vor Aerger. Da abek stellte Milka frrest^ Korb auf den Boden, wischte fich mir einem seidnen Tüchlein die Thränen und. stellte fich mit verschränkten Armen, waS ganz sonderbar au-sah und mit entschlossener Miene vot ihre Schwester.