Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1854-1855)
- Issue
- 34 (1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches VolksSlatt. 3« Belehrung und Anlerhattung auf jüdischem HeKiele. Herausgegebe» »ob Rabbiner Dr. Ludwig Philippsou in Magdeburg.- [Wo. 34. 1835 ] 6n Hefe» geiU^rifi erMttist ■Mwmttt* mt Bgawt. f teil tel Aetzt- Wr. Birrti ' G«Ngl 1 tb; fr. Birrtrljibna 7‘/> A«t. Alle Bu+boiHsnir». un» 3<iiu»|*rjrpr»it!Bjif* netz»»» BeftrBuaen «a. Voßi«i»t [2^«brg. 3,<t&iartftl] DaS Gehöfte. Einige Scenen aus meinem Leben. 23ob Ludwig Schragge. 4. Und doch, theurer ^Leser, muß ich Dich noch einmal« nach dem ralhen Häu-chen einladen — eitze Krrudenscene mit mir alldorr zu feiern. 1 Wie? frägst Du, kaNn man nach solchem Verluste, nach solcher Trauer noch Freudenscenen erleben? ... Ja, man kann e-, mein Leser ... mast muß es kön« nen, und — kmn e». Sieh, da» Menschenherz ist sehr dehnbar, ist mit einer außerordentlichen Heilkraft ausgerüstet. Laß e» Dir gesagt sein von eioun erfahrenen Greise: Kummer und Schmerz beugen tief, tief, aber erdrücken nicht; sie lassen tausend Quellen der Freude und de» Genusses verfiegen, aber auch der Bern de» Web» verschließt sich, und e» lebt fich weiter. E» giebt keinen schmerzverzogenen Mund, der nicht einmal svieder von heiterm Lächeln erblühe. O mein Go»r. es sind jetzt vierzig Jahre verflossen seit dem Tode meiner Lina —- und was ih nicht in dieser langen Zeit noch an mir vorübergegangen! . . . Laß Dir nur Etwa» davon zeichnen. Ich batte zwei Söhue und «ine Tochter j diese zwischen jenen beiden. Ich verheirathere mich nicht wieder, sondern lebte allein der Erziehung meiner Kinder und meinem Geschäft. Ich ward vielfach belohnt dafür,! denn die Kinder gaben mir meine Liebe in vollem Maße wieder, und ihr Wachsen und Gedeihen schafften mir ^tausendfältigen Genuß. Die göttliche Vorsehung hat wohll Alle» gerecht abgewogen; fie har un» mit der Belohnung »er Elter» nicht an die Kinder allein gewiesen, sondern mehr noch an die Beftiedigung unsre- Herzen». Wer über llndank klagt, hat eben mehr Forderung gestellt, al» er An« spruch hat. Mein ältester Sohn zeigte frühzeitig viel Lust zum theologischen Fache. Ein kleiner Knabe noch, that er eine schwarze Schürze um die Schultern, stellte stch auf zwei Stühle und hielt Reden an ein unflchrbare» Auditoriu», da» ihm freilich weder Zeichen de» Beifall», noch de» Mißfallen» gab» aber die Kindesseele ken«t ja nur da» reine Feuer der Begeisterung. Die Bibel war sein Ließ« ling»b»ch, da» ihm bald s» zahllose Frage» bot, daß er »ach Erklärung haschte, «ab die Eommentore »an ftlbst zn studiren sich sehme. Ich ließ ih« freien Lanf, gab lh» gescheidte Lehrer, und borgte nur dafür, daß er andere Studien, andere Wissenschaften auch kennen lerne, »« sich einen freim Blick zu bewahren. Sparer brachte ich ihn zu einem tüchtigen Rabbit ließ ihn aber zugleich da» Gymnasium besuchen, freilich kostete die» de« Jüngling doppelte Anstrengungen^ da ich ihn aber nie anfeuerre, sondern eher zurückhieft, da gierige Seele wünschte. ich ihm nur bot, was seine be« so liegt darin kein Vorwurf für »ich. E» war damals >noch eia große» Wagniß, einen jungen Menschen jüdischlk Theologie studiren zu lassen; denn diese lag damals i» arger Wirrnis; Niemand wußte mehr was daraus zu mache»; der Eine perlangte elasfi« -.sche Bildung. Beredtsamkeit, der Andre tiefe talmudische Kenntnisse. Die Gemeinden'aber wollten ein» lange Zeit gar keine Geistlichen, stnd glaubten ohne sie fenig zn werden. Jene glänzende Reihe schöpferischer Geister war noch nicht erschienen, welche verstanden habe», die jüdische Theologie auf dem Grund« der alten vermittelst der clast fischen Bildung al» eine Wissenschaft neu aufzubanen, und mehr noch, welche verstanden haben, neue religiöse Bedürfnisse in der Masse der Juden zu wecken, indem ste diesen zugleich genügten . . . Doch wohin vekirre ich mich.... Oft genug schüttelten die Leute lächelnd die weisen Köpfe» wenn fie mich nach dem iLebensberufr frugen, zu welchem sich «ein Baruch bestimmt habe, und. ich ihn nannte — indeß ich tröstete mich, dgß ich ihm im Nothsalle mit einigen ersparten Thalrra zu Hülfe kommen konnte. Mein Sohn besuchte! auch die Universität, und promovirte. Al» er feine Ätudien vollendet hatte, reiste er zum Besuche entfernter Verwandten von mütterliche Seite. Hier war e», wo er zufällig um eine Traurede angegangen ward, und wo die Zuhörer fo ergriffen wurden, daß fie ihn dringend um einige Predigten an den bevorstehenden Kesten baten, und w» endlich, nachdem er einige Male die Kanzel bestiege», die Gemeinde ihn nicht wieder fortlleß, sondern mir. den schmeichelhaftester» Ausdrücken ihn zn» Substftuten ihre» alten Rabbiuen and zum Rettgion»- lrhrer wählte. Lange schwankten wir, ob der noch so junge Mann die schwierlgie Stelle —- bleibt ja der erste Enthusiasmus de» Volke»! nie lange dauernd — annehmen falle. Allein alle Bedenken mußte» zuletzt vor der Stimme de» Berufe» »eiche»; e< gall »in« große Thätigkoit in «ine» »eite» Gpichsiu» zu beginne»; eine Gelegenhett. in einer so ziemlich bedeutenden Gemeinde so bald z» einflußreicher Gsellnng zn gelang«,, bot stch fo schnell nicht wieder. Mein Sohn trat sei» Amt an. Wa» derselbe gewirkt, was er seiner Gemeänd«, m»