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Jüdisches Volksblatt · 1855-01-01 · 31 (1855) · p. Seite 123

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1854-1855)
Issue
31 (1855)
Date
1855-01-01
Page
Seite 123 (sequence 3)
Language
German
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IN? .Pv Bei der Entbindung Ihrer Maj. derl Kaiserin von Oesterreich hat der Herr Minister de» Innern auch 2100 F. E.M. an jüdische Institute verabreicht. j Die projectirte israelitische Literatur-Gesellschaft zählt bereu» 1100 TheUnehmer in allen Landen jund verspricht fortwährenden AnwachS. Alle» Nähere darüber in der Allgem. Ztg. d. Judench. Zn Holland har der König den Herrn Hartog zum Justizofficier.beim KrriStribunal von Nordholland ernannt, eine Stelle vom höchsten Range in jenem Lande. DaS Centtal-Consistorium in Paris hat zu Gunsten der orientalischen Juden ein.Schreiben an das ftanzöstsche Ministerium gerichtet, ohne freilich biS jetzt Antwort erhalten zu haben. Der Regierungsrath deS CantonS Aasgau hat den Antrag gemacht, alle AuSnahmgesetze Betteffs der Juden aufzuheben. Man erwartet, baß der Große Rath diesen Antrag annimmt. Nach Wiener Nachrichten aus Warschau werden den Juden in Polen günstigere Aussichten gestellt. In nächster Zeit wird der Sultan eiyen sehr wichtigen Erlaß über die Besserstellung iznd Btrechrigung der Juden und Christen verkündigen lassen. In San Francisco ist eine prächtige Synagoge ein« geweiht worden, wie überhaupt in allen Städten Kaliforniens viele und geachtete Jüdin wohnen. Wormser Sagen. Von vr. L. Lewysohn in Woraus. (Bcnfrsutifl.) 10. (Die Gefch wister.) In dem jüdischen Hospi-- tal, Hikdesch, gebar einst eine durchreisende arme Frau ein Zwillingspaar, von welchem aber nur ejn Kind lebend zur Welt kam, darodte Kind wurde von Dem Hospitaldiener, Hekdesch-SchameS, beerdigt, der najh dem angeblichen Gebrauch jen/r Zeit da» Grab für ein solches Kind nur sehr flach machte. Da die Mauer, in! Folge vorangegongencr Zerstörung noch nicht vom Neufn wieder auf» geführt wurve. so war der Friedhof den vom Leichengtzruch herbrigelockien Ranbthieren zugänglich und «in solche» scharrte auch die Leiche des KindeS — e» war ein Mädchen — auS. zerkratzte und zerbiß sie auf daS Furchtbarste, wurde aber, durch vorbeizieheÄw Menschen gebindert, die» selbe auch zu verzehren. Raubgieriger jepoch alS daS Raublhier und thierifcher als die Bestie würhete der Wahn jener Borüberziehenden. „Ein Christenkmd.j ein Cbristenkind/' bieß eS, „wurde hier ermordet, die Üuden brauchten Christenblut, und die Verwundungen (die Hundesbisse) find die Marlerwunden, von den Juden beig^hrachk." — Die Leiche wurve auf das Stadthaus gebracht, die Bäter der Stadl saßen zu Gerichte und der morgige Tag sollte durch Gemeiude verherrlicht, ein „Tag des Herrn werden. — ES war ein christlicher Feiertag beide Thore an den Enden der Judengaffe verschlossen waren, und die Gemeinde hatte keine Ahnung von der furchtbaren Gefahr, die über ihren Hauptertr schwebte.-— Der Tag ging vorüber, die Nacht breites ihrm Fittich über die mordbrütenden, wie über die ahnongSloseu Herdes Körper» diesem Kinde den To» der ein Festtag an welchem * , ’ * zea der Menschen; her erste Hahnruf verkündete das Rahe« des Tage», des erste Sonnenstrahl kündigt« seine» Eintritt an, und kaum regte fich menschliches -eben auf den Straßen, da erschloß sich VaS stumme, aber für die Schmach der Menschheit mit furchtbarer Stimme zeugende Schloß an den Enden der Judengaffe und knarrend mit ächzendem Geräusch, als wollte das Holz über den Mißbrauch feine- Elementes Nagen, öffneten fich die Thore der Gaffe. Eine Judenmagd war die erste Person, die die Gaffe verließ, ste trug Teig zu einem Bäcker, um Br»d für das Frühstück zu bereiten. l'D4r Geselle fragte sie. ^für wen das Dro» bestellt f«i?|' ^Für wen ander». alS für meine Herrschaft," erwiederte die Magd. „O davon wird Deine Herrschaft wobl nichtgenießen, denn um 10 Uhr werdet Ihr Jude« alle den letzten Gang auf den Friedhof machen." Sr erzählt» ihr doS Ereigniß, wa» am gestrigen Tage ffch. zugetragen und »heilte ihr zugleich den Beschluß der RathSherren mit. —^Die Gemeinde war inzwiHen in der Synagoge zum Morgen» gotteSbienst bereitversammelt und hjer vernahm sie die SchreckenSkunde von der so nah bevorstehenden, furchtbaren Gefahr. Der Rabbiner nebst neun seiner Schüler blieben zur Fortsetzung de- Gottesdienstein der Synagoge, nachdem der Erster« zuvor Noch einen allgemeinen Tanith. (Fasten) für den heutigen Tag angeordnet, die Parnasim (Vorfieber) und jener Grames (Diener) begaben fich auf ras SMtthauS und jeder Andere nach feiner Wohnung, um feine Familie nicht zu verlassen. ES war fton ein Glück, daß eine-regelrechte Procedvr begann. Die Leiche wurde von dem EchameS sogleich alS di« jenes Kinde» erkannt und er forderte zugleich die christliche Heb»«»», die der armen Mutter in ihren Nöthen beistand, auf, fein Zeugniß zu constatiren. Allein .... nimm e». lieber Leser, au- Achtung'vor der üienschlichen Würde als pure Wahrheit an! . , . die Amme gestand allerdings, die Frau von dem Zwilling entbunden zu haben, aber ... ob die Leiche die deS todtgeborenen Kindefei, könne sie gewissenhaft nickt behaupten. — ^Inzwischen fand fich auch der sorgsame Vater seiner Gemeinde, der ftomme' Rabbiner, ein und forderte, datodte Kind neben das noch lebende zu legen, wodurch vielleicht die Geschwästerähalichkeit in den GesichtSzügen sich erkennen ließe. Da das Gesicht der Leiche arg zerkratzt war. fo fürchtete man nicht von gewisser Seite den Versuch wagen zu dürfen.-. der Rabbi aber wandte sich zu feinen, GlaubrnSbrüdeen und ries ihnen d»S in der Geschichte so oft und so wunderbar erfüllte Wort zu: Vönsr "PO ytr «fn dtt tab rnrt. (es schlummert nicht und schläft nicht ders Hüter Israels.) DaS lebende Mädchen wurde herbeigebfacht, neben-die Leiche der Schwester gelegt, und . . . wie groß, wie unerforschlich ist Deine Allmacht^ Unendlicher!! . .. daS todte Kind wird roth und röther, eS überschoß von Blut und strömend floß es auS den klüssenven Wunden der Leiche*). „Die Bäter der Stadt" sahen ihre Kleider vom Blut benetzt und kein Vertilgung-mittel war i« Staude, die Blutflecken zu beseitigen, die Juden aber falteten die.Hände und sprachen laut ein Daykgebet. Die Leiche, von der *) Diese Sage erinnert a» di« schöne und von Deedlar so trefflich bearbeitete Legende: „Daist Dein von meinem Kein und Fleisch »an meine» Fletsche" s. Stmchath ha > Refesch p. 4i. b.

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