Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1854-1855)
- Issue
- 31 (1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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I Jüdisches Volksblatt. 3« Belehrung und Anlerhattung auf jüdischem HeKiete. Heransgegebe» tot Rabbiner Dr. Ludwig Philippsou in Magdeburg. -f «»■ Dlcfer erfAcint »MraiH* nnc Xunaiu. frei« tf« 3«br< r n a . ‘am . . n [3to. 31. 185.) ] . «SNÄL°'!;'°Ll2.Z«hr^3.W»«M] Der Possenreißer. Daß jüdische Leben war seit Jahrhunderten ernst, überernst. Daran war der Ernst der Religion , und dir traurige Zustand ihrer bürgerlichen Verhältnisse, der auf den Juden lastende Druck, die Verkümmerung ihrer Rechte schuld. Doch würde man sehr irregehen/wenn man dem Juden und den jüdischen Kreisen alle Jovialität. Heiterkeit und witzige Ein« und Ausfälle absprechen wollte. Selbst unter den jüdischen Festen find solche, welche den strengen Ernst de- Religiösen dämpften »nd eine heitere Seite' hatten. Der Simchath Thora war dem Göttlichen und dem rein Menschlichen geweiht. DaS Einweihung-« fest Ehanuka und da- Purimfest hatten ihre besondern au-zeichnenden Merkmale von charakteristischer jüdischer Färbung. Eine besondereigenthümliche Figur spielte der sog«), nannte Possenmacher oder Poffenreißer, der besonderan solchen solennen Tagen, bet Gemeinde- und Familienfesten sein Wesen ttieb. Hochzeiten, Beschneiduagen, Verlobungen und andere ähnliche Veranlassungen boten Gelegenheiten genug, ihren Witz, ihre Einfälle prei-zugeben. Noch gibt eeinzelne Lieder, holperige, gereiotte unbungereimte Gassenhauer, die von Mund zu Mund gingen. Der kennt nicht da- Ehantckalied, anfangend: MoauS. zur Jefchuofi,!? ich Hab' kein Geld, was rhu' iH hie? Geh' ich ein Stückle weiter. begegnet mir ein Reiter, der Reiter will mich schlagen, ifc. So gab es schnurrige, freilich oft Sitte-und Anstand verletzende Hochzeitslieder oder Reime, die da- Zwergsell der Zuhörer erschütterten. Doch goutiren dieselben beim besseren Geschmack nicht mehr. Die große Gemeinde Fürth darf fich rühmen, eine große poffenmacherische Persönlkchkett. einen jüdischen Don Ouirote besessen zu haben, dessen Ruhm über die Grenzen Fürth- und Baierahinau-reichte, und dessen schnurrenreiche Geschichte wohl verdiente, in den Sippurtn der Reuzeit verewigt zu werden. Wer kennt in Schwaben und Franken nicht da- Löbele, Fürth, wie eb leibt' und lebt'. Ihm war nichtheilig, wenn e- Anen geistlichen Gedanken, einen Geniestreich, tfte Phantafieftück ^ßiner Manier vom Stapel laufe» zu lassen. Keine Autorität wurde geschont, der hochwürdige Rabbi feiner eigenen Gemeinde so wenig, wie die höchst«! jüdische Magistrat-Person seiner Zeit, der Gemeinde-Parno-, der sich , einmal brüstete, er sei von ihm noch nie angeranzt worden: Da mußte der Bürgermeister eine Verordnung, eine Gesera ergehen lassen, die der Parnanicht hintenreiben konnte. Er begab sich in die Wohnung devielverm-genden Possenreißer-,. der gerade „auf Eiern saß, um sie «. au-zubrüten." „Löb, Du mußt svnrnv (Fürsprecher) beim Dänked (Bürgermeister) werden, daß did Gesera borel (die Verordnung) zurückgenömmen wird." Der Harlekin der - Hürther Hochschul-Gemeinde aber erklärte, nur dann beim bvchwetfen Bürgermeister ein Fürwort einlegen zu können, wenn der ParnaS einstweilen die Eier au-brütete. Wa- , wollte er thun, noleng volens setzte er sich, der wohlmeinende Vorsteher, dem da- Wohl seiner Gemeinde über > Alle-, selbst über Spott und Harlekinade ging, in Gotte- Namen nieder und brütete und brütete, -öbele fchmun« zelte in sich hinein, ging fort, führte den Bürgermeister berbei. zeigt», ih» den Baim«» der Inden auf derr Eiern fitzend und die Gesera war botel — alsobald hob der Bürgermeister die aut Anstiften LöbeleS ergangene Persrdnung auf. An diesem ganzen Spektakel hatte aber die Frau des ParnaS selbst schuld, die einmal in einer gro* " "V ßen Weiber-Gesellsthast damit gebrüstet hatte: „Wenn auch Löbele die ganze Khila geutzt hat, meinen Mann hat er noch nicht dran gekriegt." Da» war rkne verwegene Rede, eine Herausforderung, die nicht ungeahndet bleiben durste. - Ein andere- Mal kam ein ftemder großer Raf (Rab?- biner) in die heilige Stadt Fütth auf Besuch. Man lud ihn ein, über Sabbatb da zu bleiben, da e» eine Schande sei für die Khila, daß der Rabbi nicht über Sabbath da bleibe. Man übertrug ihm eine Droscho, um ihn dadurch festzubannen, aber Alle» half nicht-, der Rabbi bestand auf seiner Abreise. Da waren denn der Parnaß, seine College», das Bethdin untröstlich; die ganze Gemetndr betrübt, daß ftr nicht gewürdigt worden sei, länger die > 'Herberge deftemden Rabbinerzu fein. Da schlug stch denn Löbele (in schwierigen Zetten, wo man seiner Hülfe benöthigt war, auch «it dem Ehrentitel Ret Löb angeredet) in- Mittel. Cr erbot stch gegen eine ausdrücklich vorher stipulirte Belohnung, die im Fall de- Gelingen» ohne Weigerung von der heiligene^iege an-bezahlt werden mußte, den Rabbi aufzuhalten, daß der Rabßt über Schabbe» da bleiben müsse, und begab sich sogleich zur Au-führuag. Der Rabbi fuhr a« Freitag, unter de» Abschied-grüß der ganze» Khila «eg »nd kaum war et;, eine ganze Stunde weit von der Stadt, al» ihm ein Pvlizeimann in resprctgebi elender Kleidung und Haltung fich in den Weg stellte, de« Kutscher zu Palte« gebot, .Habe»»'