Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1854-1855)
- Issue
- 30 (1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Vvlksblatt. Zur Belehrung und Anlerhattung aus jüdischem geriete. - Heran-gegebe» von Rabbiner vr. Ludwig Philitzpsou in Magdeburg. . i [Wo. SO. 1899 ] *on bUfar 3«iifd)Hfi crftfttlat ttae Bhunaur. tzrei« ke« Iabr- . Am* . , -, gang« 1 Iblrt, SifrtfijJbrig 5«gr. ROt-CuAbasNongen, PostLmier I £■ JdDfd II. Qflttdrtdl I ua» Zeltungstxptdiiionta o«bm«p a». 1 « Das Gehöfte. Einige Scenen auS meinem -eben. Bon Ludwig Schragge.l Wer stch gewöhnt, öfter in fein vergangene- Leben zurückzufchauen. welch' einen unerschöpflichen Schatz der Betrachtung findet er da? . . . ' 3a. er bat Recht, der erfahrene Ktanzelrevner, der neulichst seinen Vortrag mit den Worten begann: „Je« de- Menschen Leben ist eine große, eine!inhaltreiche Ge. schichte, welche viel erzählt von Leidenschaften, die kamen, unbewußt, gährten wirr empor, und überwunden wur. den, viel erzählt von Hoffnungen, die gektuschr, Seligkeiten. die genoffen, Entwürfen, die ausgeg^ben. Trübsalen^ die erlitten. Bürden, die getragen. Opfern, die gebrach^ wurden, viel erzählt von großen Irrungen und geringer* Erkenntniß. von großen Gefahren und, noch größeren Rettungen . . . Nein! nicht bloS de- Sieger- oder Künstler- Hand, de- Denker- Auge, de- Forscher- Fuß »ottbringt Heldentbaten, sondern die größte«] geschehen da« drinnen, in den Kammern de- Herzens jn — jedem! Menschen . . . > Ueberaumerkwürdig ist eaber, wse oft an einen und denselben — an sich gar nicht dazu gehörigen Gegenstand die mannichfaltigsten Erinnerungen, die. in den verschiedensten Perioden Dir geschehenen Ereignisse sich knüpfen . . . Und gerLtbst Du dann immer einmal wieder an diesen Gegenstand — welch' eine «Strömung von Empfindungen fluthei durch Dein Herz! . . . Alle-, wadamit in Verbindung stand, all' die heiligen Schatten gehen noch einmal an Dir vorüber, die Schmerzen jener Stunden wachen wieder auf — und die Seligkeiten derselben find ja nicht mehr-Du drückst Deine Hand auf Dein Herz, und stüsterst Dir zu: Sril^ um ein Wenige-, und Du bist ja auch dahin .... Wenn Du von M. nach N. fährst —! ober gehst — und folgst der Landstraße, so kommst Du, wenige Stunden hinter der ersten Stadt, io den Forst. Anfangtriffst Du noch Birken, ja einzelne Eichen. aber bald verfällt der Boden in tiefen, riefen Sand und die Fichte und Tanne verdrängt jeden andern Baum. Doch auch hier herrscht noch Abwechselung, denn bald durchschneidet Dein Pfad die dichte, undurchdringliche Wand der jungen Pflanzung, bald wandelst Du durch den erhabenen Fthrenwald, der Boden glatt von den Nadeln, und hoch« über Dir die Krone der schlank- und gerade aufsteigenhen Stämme, hoch über Dir dagehtimnißvolle, bald leisere, bald anschn!eüende, niemalganz schweigende Rauschen — ach! Du-Hast weit zu gehen .... Aber wohin führt mich der G«st? Verzeih', lieber Leser, dem Greise^ der schon manchmal da- Bewußtsein der Gegenwart! verlier», daß die Bilder der Vergangenheit ihm diese verdrängen, sich an ibre Stelle setzen ... Ich bin ein Greis, hochbetagt, da- Geschlecht, damit mir lebte, ist, mit geringen Ausnahmen, vahingegangen, die unmittelbar mir anhingen, hat die Sichel de- Tode- Alle. Alle hingemäht — denn die göttliche Vorsehung führt immer «in gerecht',- und gütige-, aber oft sehr, sehr scharfe- Schwenk .... und wenn nun auch liebe Enkel mich mit Sorgfoit umgeben, so stehen sie doch' meinem Innern Leben fern . . . .-Mach Jahr! unv Tag setze ich mich bi-weilen auf ‘te Eisenbahn und / fahre nach dem Dorfe D.. efind zie, «ltch viel Meilen, aber in anderthalb Stunden bin ich dorr Und wenn dann der Zug mit all' seinem Getöse uno Lärmen hinweg ist, so gebe ich eine Viertelstunde nach einem einzeln liegenden Gehöfte, jetzt ist kein stattliche- Wirth-hauan ei->! ner Ebaüffee; hinter dem großen Gebäude befindet sich ein kleines einstöckige- Hau-, roch angestrichen, schon hoch bei Jabren, ein AUentbeil einea' . Paare-, und hinter diesem rin großer Garten mit » rer dichwmschatteten Laube. Jn diese Laube begebe ich mich, und lasse mich nieder auf einer Bank, und schaue von dort auf die klei- . nen Scheiben d,S rochen -Häu-A/n- — ach! Alledort I kennt und begrüßt mich . . . da.'verbring' ich einen halben 1 Tag. und kehre mit einem Abendzuge nach R. zurück. WaS auch geschehen^ die Laube an der Grenze de- Gartensteht noch dicht «nter dm Kronen de- FöhrmwaldeS. sein Rauschen füllet mein Ohr. und meine Seele feiert dort ungestöm die Stunden der Erinnerung — Erinnerung! heilige Erinnerung^ waist außer Dir dem Greise geblieben? Da- Grab «vr ibm, und hinter ihm nur und nichtals Erinnerung . v ..' Also dahin bringt jetzt die Eisenbahn, untd darothe Häu-chen steht nur noch aus Gnade und Barmherzigkeit, und an dem stattlichen Gehöfte führt» eine sehr regelrechte Ehaufföe vorüber — aber alletz Dies ist erst feit zehn, fünfzehn Jahren, frühe« war es ganz ander- — und davon wollt' ich ja erzählen ... Eine kurze Strecke hinter M. gerieth man in tiefen, »iefm Sand, der bian die Are de- Wagenff, oder bis über die Knöchel de- Wandrerreichte, da ging elangsam, langsam weiter; und wmn dir Sonne de- Juli auf den müdm, glühmden Pilger brannte — endlich gelangte man