Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1854-1855)
- Issue
- 25 (1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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9» \ t der zugleich die richterlichen Funktionen Obertribunal» verbunden waren. Nur die voügütige Autorität R. Jochanan» konnte ein solche- Werk, wie!sie Schöpfung und Kräftigung eine- Synhedrion, unter dien ungünstigsten Umständen zu Stande bringen. fynn^tr mußte der herrschenden Anstchl entgegen treten, daß dtr Synhedrialkörper lediglich innerhalb der Tempelhasle I (Lischchat-Ha- Gazi») Befugniß habe, außerhalb dieser, Stätte verliere er aber seinen gesetzgebenden und gesetzeytschejivenden .Charakter und höre auf, Vertretung der Nation zu fein. Da» Synhedrion und dessen Functionen galten bi» dahin selbst nur al» ein wesentlicher Theil de», Tempelleben» und ohne dessen Bestand gar nicht denkba^. R. Jochanan löste also die Synhedrialfunctionen von der Tempel» stätte ab und übertrug ste auf Jabneh, gleichsam als wenn er die Seel« de» Tempel» au» einem verscheidenden Leibe in einen anderen eingehaucht batte. Ohne daß dieser Act irgendwo Widerstand gefunden hatte, vettrat Jabneh von nun an die Stelle von Jerusalem ganz und gar, es wurde der religiöse und nationale Mittelpunkt für die zerstreuten Gemeinden. Die wichtigste Function de» Synhedrion», wodurch e» besonder» bestimmend und vereinigend auf die auiwarligen Gemeinden wirkte, nämlich die Anordnung de» Neumonde» und der Festzeiten, ging von Zabneh au». 8» sollte die . meisten religiösen Vorrechte der heiligen Stadt genießen, unter Ander» da» Vosaunenblasen am Neujahrstage, der auf einen Sabbath fiele, sollte hier ebenso auSgeübt werden, wie früher in der heiligen Stadt. Die Ueberlieferung zählt im Ganzen neun Einrichtungen auf, welche R. Jochanan «ingeführt hat. Die Meisten betrafen die Aufhebung solcher Bestimmung gen, welche nach dem Untergange de» Tempel» bedeutung-los gewordm waren. Doch erhielt er manche rektgiöse Sitte bei, zum Andenken an da» Tempelleben, wie den Feststrauß für die ganzen neben Festtage, den Priestersegen ohne Fußbekleidung. Ausgezeichnet wirkte Jochanan auch al» Lehrer, da ihn ein bedeutenver Schülerkrei» umgab. Er galt zu feiner Zeit al» der volle Inbegriff und al» lebendiger Träger der mündlichen Lehre; alle Theile derselben: Halacha. Midrasch, Talmud und Azada handhabt» er in seinem Dortrage und schllf daraus den Lebensodeü». welcher den erstarrten BolkSkörper neu belebte. Die > Gesetzesbestimmungen suchte er vernunftmäßig zu behandeln. Unter Anverm deutete er da» Verbot, beim Bau de» Altar» eiserne Werkzeuge zu gebrauchen, sehr sinnfg: „DaS Eisen ist Symbol ve» Kriege» und der Zwietracht, der Altar hingegen da» Symbol de» Frieden» und derlSühne: darum soll da» Eise« vom Altar fern bleiben." Er folgerte daraus den Werth »e» Frieden» und der Friede»sstlstung, und nach diesen Grundsätzen bandelte er ja auch den Römern gegenüber. Neben R. Jochanan bildeten sieben Tanatm den Lehrerkrei». Wir nennen hier den j fünften Abba Saul b. Botnlt, früher Weinhändleij in Jerusalem. In seinem Geschäfte war er so außerordentlich gewissenhaft. daß er nicht einmal die Neige für stch behalten mochte, weil er glaubte, daß ste den Käufern gehörte. Er sammelte davon 300 Maß und brach« e» den Tempelschatzmeistern in Jerusalem. Obwohl! man ihm da» Anrecht darauf zusprach, mochte er doch keinen Gebrauch davon machen. Auf seinem Todtenbett^ konnte er seine Hand au»ftrecken und von stch rühmen: „Diese Hand war gewissenhaft redlich beim Messen." /, Besondere Wichtigkeit unter viesen Tanai« erlangte noch Nachu« au» Gimso. Ihn hat die Sage zu« Helden vieler wunderlicher Abenteuer gemacht, , die'ib« aber stmmllich znm Guten- ««schlugen, so baß man selbst den Namen seine» Geburtsort» umveulete. indem man ihm den Wahlspruch: „Auch Diese» gereicht zum Guten (Gamsu l-etoba)" in den Mund legte. Nur in seinem Alter traf ihn gehäufte» Unglück, seine Augen waren erblindet und seine Gliedmaßen gelähmt. Um die Gerechtigkeit de» Himmel» nicht anzuklagen, maß er in selbstquälerischer Weise ^st'ch selbst diese» Unglück al» gerechte Strafe zu. Er erzählte Denen, die ihn besuchten, daß ihn die Leide» al» Folgen seine» Vergehen» mit Recht getroffen haben. Al» er einst seinem Schwiegervate^reiche Geschenke auf Eseln geladen» zugeßhrt, habe ihn «in Arl mer um eine Gäbe angefieht, den er warten hieß, bi» er da» Gepäck w^rde abgeladen haben. Wie er stch dann 1 nach dem Armen umsah, habe er^ihn tovl gefunden. 2« Schmerze über den verschuldeten Tod eine» Menschen, habe er seinen Augen Blindheit, seinen Händen und Küßen Lähmung angewünscht. weil sie nicht mit mehr Rührigkeit für den Armen gesorgt hatten, und diese Verwünschung habe ihn bald darauf getrvffen. Seine Schüler konnten sich , beim Anblick seiner Leiden eine» SchmerzenSrufe» nicht erwehren: „Wehe un», Dich in diesem Zustande 'zu sehen!" Nach»» antwortete ihnen: „Wehe mir, wenn ihr mich nicht in diesem Zustande! erblicktet." 1 Jochanan war auch nach der politischen Seite hin ein Schild für da» junge Gemeinde!,ben. Seinen freundlich milden Eharakter, wodurch er seinem Lehrer Hillel so ähnlich war, bewährte er auch gegen Heiden. E» wird von ihm erzählt, daß er Heiden zuvorkommend grüßte. Solche Freundlichkeit bildet einen grellen Eontrast zudem Haffe der Zeloten gegen die Heiden, der sich nach der, TempelzerstKrung noch steigerte. DenVer» (Sprüche 14,10.) „die Milde der Völker ist Sünde"' deuteten die-Zeitgenossen ganz 'buchstäblich. mir sichtbarer Gereiztheit gegen die Hcidenwelt, zu deren Rachtheil, indem sie e» geradezu auSsprachea: „die Heiden mögen un» noch so viel Gute» und Milde» erweisen, so wild es ihnen al» Sünde angerechnet; denn sie thun e» nur, un» zu verhöhnen." Nur R. Jochanan ben Sakkai deutet diesen Der» i« Sinne echter Menschenliebe: „Wie da» Sündenopfer Israel sühnt, so sühnt Wohlthätigkeit u»v Milde die Heidenvblker." So sehr auch-die flavianischen Kaiser, auch durch Jochanan» Persönlichkeit bewogen, zur Milde geneigt waren, so fanden doch viele Erpressungen statt, man nahm den Jude« ihre Aecker, und blutige Sikari/r (Banditen , mit kurzem Dolche) übten ihr Handwerk gegen ne. Diese I Zustände schildert R. Jochanan selbst mit treffenden Wor- | ten, welche seinen Zeitgenossen einen Spiegel ihrer Ge- I sinnung vorhieltev. Er sad einst eine Frau au» dem reichm und aogesxbtnen Hause Nicomevo» ben Gorion au» Jerusalem, 6ie sie in Mao» unter Roffeshufen Gerstenkörner zu irac kärglichen Nahrung a«sla». Diese Sceite machte «Mit uitt so schmerzlicheren Eindruck auf ihn.^al» er Zeuge ^L^ehemaligen Glücke» und Glanze» gewesen war. „Unglückliche» Volk." sprach er. „ihr wolltet eure« r