Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1853-1854)
- Issue
- 27 (1854)
- Date
- 1854-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Bolksblatt. Zur Lelehrung und Anterhatlung aus jüdischem Gebiete. von Rabbiner 0r. Ludwig PHUippsou in Magdeburg. -»E 1 i S«>n Ht(tr üfiriifrifi «riche«» ,Sch«n«lt» iemr Äi:*m*r. *i<t# tt# I«^r- , ■* g% . F» , lRo. 27 18a4J »»•» - VSSSfSUIf‘Jk 1ÄX I^-Mrg. 3.(fr»rtiLJ Die Ueberraschung. -IN i'itt «u* krm jüKfo<n•fceitt* und ÄwnUcnUe« Bin Jlitdr 4v»psr. - So klein daS Städtchen Möbrenberg auch ist, so bat eS doch euren gar prächtigen Winrer unk eS fehlt ibm nicht an blenbendweißen» Schnee, an spiegelglattem ßi» und naserötbendem Froste. Zngleichen ist Möbrenberg stolz auf seftwn Markt, denft-^tomitten desselben ftebt dgS RatbhauS unk streikt wie einen schlankes» Zeigefinger ein gar keck in die Höbe springende- Thürmchen gen Himmel. Aber Vicht, Nebel lagern auf dem Städtchen pnv wie Geisterstimme» klingen die Schläge der Uhr. >die so eben die sechste Morgenstunde verkündigt. Doch ste predigt tauben Ohren, denn nicktrührt sich und ein wahrhaft klein» städtischer Schlaf ball die guten Bürger und Bürgerinnen Möbrenbergumfaßt, ja, ich znöchte darauf wetten,, ha» schlanke Tbürmchen selber legte sich, nachdem ^,S seine Pflicht geiban und sechs Schlüge^ hatte hören lassen. Nieder auf daö Dach de- Ratl'baufeS. um noch ein Stündchen zu verträumen. . i Da nehme ich denn keinen Anstands Dich, lieber Leser. vor ein Hau-chen zu führen. daS an. einer Ecke deS Marktes stebt. ES scheint sich recht ängstlich vor der Kälte zu fürchten, denn die Thüren und Fensterladen sind sorgfäl» tig verschlossen, wodurch daS kleine Gebäude eine« Manne ähnlich ist, der sich den Rock bis an den HalS zugeknöpft hat. Aber zum Glücke können wir durch ein paar halb» mondförmige Löcher in einem Fensterladen blicken, die durch inneres Licht erhellt, wie die flammenden Augjen ejneS grimmigen Riesen in die Dämmerung hiäau-sehtn. 2n der Miire eineärmlich möblirreu ZimmierS, dadurch ein trübe- NachtläMpchen mehr verdüstert* als er» hellt wird, sitzt ein hagerer Mann, in-fineri bütsnen Echlaftock gehüllt. Bor ihm aut einem Tische liegt Sine Menge Federn, die er eben zum Gebrauche zerschnitten zu haben scheint. da er in der rechten Hand noch ein Federmesser hält. Dieser Mann «ir dem bleichen, sorgenvollen Gesichte, dem dünnen, schon in- Group spielenden Haar und der gebückten Gestalt war David Blume»« thal, der Lehrer*an der jüdischen Schule zu Möbrenberg. Nachdem er lange unbeweglich vor sich hingeftarrthat, seufzt er rief auf unv fährt wiederholt mit dem Rücken der linken Hand über sein^ Augen, als ob er die Phrä» ne», die -ervorzutrereu im Begriffe stehen, gewaftsam zu» rüekrängen wollte. Prmer Mann, laß. ste stieße», die Zeugen Deine- KumMer», Deinegebrochenen Hertz»-; Dein Schmerz ist kein alltäglicher, Dein Verlust kein geringer. Die vom Wachen, gerölheten, sanften Augen de» L^brer» schweifen irr umb^r und scheinen io weiter, öder Ftrne etwa- Lieheunv Tbeure» zu suchen. Zn der That ist eS nur der Leib eine- ManneS. waS wir im Zimckdr selben; seine Gedanken und Gefühle sind draußen auf der h^ben See; doft irren sie auf und ab und suchen ein Äckiff. und darauf einen lieben, herzigen, 18jährigen Jüngling. Gerade beute vor ^inrm Jahre hatte der muntere. kecke Benjamin., sein Erstgeborner, da» Daterbauvtrlaffen. um binzugeben in da» Land, wo man nicht fpagt: bist du Jude oder Christ? wo e» genügt, Mensch zu sein, um die Rechte einesolchen zu genießen; jn Ame» rika da» Glück seiner heißgeliebten Eltern zu begründen, war der heilige glühende Wunsch, der den kaum erwachsenen Jüngling anttieb, allem TbeuLkn Lebewohl zu sagen und die traute Heimatb mit rer ungewissen, drohenden Ferne zw vertauschen, Umsonst waren die liebevollen Einwendungen de» BaterS gewesen, umsonst die Thränen djer besorgten Munyc. Der Gedanke, ''in Amercka die Wittel zur Erleichterung ihrer gedrückten Loge zu gewin« wen, schien ibn gegen die stürmischen Bitteg der Heinigen zu stiblen. Begleitet von ihren innigsten Wünschen reiste vier hoffnungsvolle Jüngling ab. — Wochen waren Hergängen und Monate und teinL Rach» tickt kam von Dem Geschiedenen; aus qualvolle ltnruhe folgte traurige Gewißbeit. alS unter rer Zabl gescheiter, rer Schiffe auch der Name de-jenigen gefunden wurde, auf welchem der junge Blumembal die Fahrt unrernom» «en hatte. Diese Kunde — un» die ruhige Häuslichkeit ve- Lebrrr» warb zur Stätte, unsäglichen Jammer-! — Sicher wäre die schwache Mutter ihrem Kummer unterlegen. -wenn nicht die Zeit gerade ihredeftigen Klagen zuerst zur stillen Trauer gesänftiget hätte. Au» Blumen« chal sucht, seinen Schmerz zu beherrschen und ällmilig gelang es ihm, ruhiger zu sein. Doch jetzt, wle er da« fitzt, wird sein Herz von furchtbarer Matter zerrissen, fein böser Traum hat ihn schon ftüh au» dem Schlafe geweckt! Ja, er Hane e» deutlich gesehnt, da» -Schiff,- Mü Sturm und Wellen verzweiselvd kämpfend und darauf seine» geliebtetchSohn mit brechender, Auge, wie er ihm stehend die Anne entgegenstreckt, und da Krade, wie er seinen Benjamin ümfaffen, retten will — finkt da» Schiff pfeilschnell in die Tiefe; nur noch wenige gekräuselte Welle» und Alle» ist -de un» still. Seine aufgeregte Phantasie hatte jtt»»n Windstoß, der da» F-nfter traf, gesteigert zum Stonne-geheul und WellengetHfe' und — wie er verstött erwacht, erinnert er sich, dckß Irrade heot vor eine« Jahre er seinen Sohn Hu« letzte» Male set^. L--,-- v