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Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden · 1908-05-01 · 2 (5.1908) · p. Seite 5

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Journal
Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
Volume
2 (1908)
Issue
2 (5.1908)
Date
1908-05-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Ueber all diesen Einzelpunkten erhebt sieb nun als das beinahe wichtigste Stück ' unserer Betrachtung: die grosse Frage nach dem gesellschaftlichen Znsammenklang der jüdischen und der christlichen Elemente in Deutschland, nach jener im täglichen Leben unseres Volkes zum Ausdruck kommenden Grundstimmung, die sich doch schliesslich als wichtigster Faktor auch bei der Regelung aller einzelnen Punkte erweisen muss. Hier aber bietet sich in der Verwertung unserer Korrespondenz gerade eine nene grosse Schwierigkeit. Zu den Lücken unserer Berichte an sich kommt hier der erschwerende Umstand, dass auch den ziemlich zahlreichen vorhandenen Aensserungen zu diesem Thema kein einheitlicher Massstab zugrunde liegt. Hier wo es sich nicht mehr so ganz um einfache Registrierung von Tatsachen, sondern mehr um das Festhalten und Bewerten einer allgemeinen Stimmung handelt, wird es natürlich sehr wichtig, mit welchem Grade von Empfindlichkeit, mit was für Ansprüchen der einzelne dem Zusammenleben der jüdischen und christlichen Bürger gegenübersteht. Da können durch verschieden geartete Referenten leicht sehr verschieden lantende Berichte über im Grunde recht ähnliche Verhältnisse entstehen. Der eine wird mit Energie die Situation als schlecht bezeichnen, weil er sich") das Ideal eines wirklich mitbürgerlichen ungehemmten Verkehrs aller Konfessionen vor Augen hält. Ein anderer aber ist von verhängnisvoller Bescheidenheit und bezeichnet etwa die Verhältnisse als sehr gut, — nur dass (wie er nachher zugibt) „natürlich wie überall eine gesellschaftlich scharfe Trennung" vorhanden sei. So viel wird man immerhin als das wenig erfreuliche Fazit dieser Berichte ansprechen dürfen: In der Mehrzahl der deutschen Gemeinden zeichnet das laue Wort „friedlich — schiedlich" die Situation. Ein in irgend einem Sinne wirklich aktiver Antisemitismus ist nur ganz selten, ein „latenter" aber; ein kühles und selbst gespanntes Verhältnis der christlichen Bevölkerung zur jüdischen ist nur allzuhäufig zu konstatieren. In den Kreisen Bureaukratie und des Reserveoffiziertums scheint diese ungünstige Stimmung ihre Hauptnahrung zu finden. —_ Unsere Berichte zeigen uns aber doch noch etwas mehr als dieses allgemeinste Bild: die Beziehungen der Juden zu ihren christlichen Mitbürgern werden in regelmässiger Steigerung schlechter vom Südwesten zum Nordosten des deutschen Reiches. Unsere befriedigendsten Berichte stammen aus Lothringen, Baden und dem Rheinland, als leidlich darf die Lage in Bayern, Franken, allenfalls noch in Hessen, Westfalen gelten — aber sie wird betrübend schlecht rechts der Elbe: schon in Sachsen, und dann in Pommern, Posen, Preussen, z. T. auch in Schlesien. Und noch eine merkwürdige Tatsache wird offenbar: im Norden sind die Katholiken durchaus jnden freund lieh gesinnt: hier (z. B. im westfälischen), wo sich die Zentrums - partei selbst in einer Art Defensive zur evangelischen Regierungszentrale befindet, ist sie geneigt, für die Gleichberechtigung und die gesellschaftliche Anerkennung der jüdischen Mitbürger einzutreten. Im Süden dagegen (z. B. in gewissen Bezirken Württembergs) nähren die ihrer Macht sichren Katholiken öfters eine judenfeindliche Stimmung; während es hier nun wieder die Protestanten sind, die auf Wahrung der konfessionellen Parität bedacht, den Juden4 zur Seite stehen. Ist es nicht interessant und lehrreich zu sehen, wie die eigene Notlage stets die

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