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Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg · 1938-11-01 · 15 (1.11.1938) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
Volume
15 (1938)
Issue
15 (1.11.1938)
Date
1938-11-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdisches Gemeindeblatt für die Israelitischen Gemeinden in Württemberg Verlag und Redaktion: OSTERBERO 4 STERNHEIM ISRAELITISCHE VERLAGS ANSTALT Fcrntpr. 23328 STUTTOART-N Kasemenstr. 13 Bezugspreis RM. 1.13 vierteljährlich, zuzflgllcti Po»t- und Zustellgebühr Poatacbeckkonto Stuttgart 362S8 $ Erscheint momtllch zweimal, am 1. und 16. Bei Nichterscheinen Inf. höherer Gewalt beateht kein Anspruch a. Nachlieferung d. Blattet oder Rückgabe det Bezugageldei Angemeldet beim Sonderbeauftragten des Reicht* ministerfür Volksaufkllrung und Propaganda betr. Ueberwachung der Reist Ig und kulturell Utlgen Juden Im deutschen Reichsgebiet XV. Jahrgang Stuttgart, den 1. November 1938 Nr. 15 Das Unverlierbare Von Dr. Martha Wertheimer Die Auflösung dessen, was einmal jüdisches Gemeindeleben, jüdisches Kulturschaffen in Deutschland geheißen hat, geht mit jedem Tage weiter, und nach dem Gesetz vom hall um so schneller, je tiefer der Fall ist. Es gibt heute keinen Juden mehr unter uns, der, wie es noch vor ein paar Monaten möglich schien, wenigstens noch für seinen eigenen Lebensumkreis, für sich selbst und seine engste Familie, für sein Geschäft und seine Tätigkeiten eine Art Privatinsel geschaffen hatte, auf die er sich vor dem Zeitgeschehen und seinen Konsequenzen zurückzog, sich dorthin zurückziehen zu können glaubte oder doch vorgab, es zu können. Gerade diese Art Menschen ist es aber, die heute unter dieser Auflösung ein Chaos verstehen; sie tun alles, was ihre Familie und sich selbst in einem anderen Lande in solche Lebensumstände bringen soll, die sie allein für wünschenswert halten, aber sie vergessen über dieser Sorge für sich selbst und die Ihren sehr oft völlig, daß das jüdische Schicksal kein Einzelschicksal, sondern das einer Gemeinschaft ist. Von dieser Gemeinschaft her gesehen, gibt es in der Liquidation des Judentums in Deutschland sehr Vieles, was sich unter die Begriffe Auflösung und Liquidation nicht einordnen läßt. Man kann einen Haushalt auflösen, ein Ge schäft verkaufen, ein Büro schließen, man kann von der Berufstätigkeit zu einer Art Rentnertum kommen, wenn das gesparte, erworbene oder ererbte Vermögen oder die in langen Arbeitsjahren verdiente Pension dazu ausreicht. Jüdische Gemeinden können ihre Gebäude und Grundstücke verkaufen. Syn agogen zumachen und die Torarollen einer anderen jüdischen Gemeinde schenken, Schu len, Versorgungshäuser schließen oder zusammenlegen. Das alles ist Liquidation. Das ist die anständige Lösung und Abgeltung von Verbindlichkeiten, bei denen kein Gläubiger auch nur einen roten Heller einbüßt. Aber darüber hinaus gibt es Werte im jüdischen Qemeindeleben, die wir nicht liquidieren können, weil sie nicht abzuschätzen, nicht einzutauschen, nicht zu ändern und darum auch nicht zu verlieren sind. Schon die Erinnerung an die Tatsache, daß die zusammengeschmolzenen jüdischen Gemeinden bei ihrer Auflösung ihre Torarollen einer Schwestergemeinde schenken, ist ein Gleichnis für dies Unverlierbare. Menschen können sterben, wegziehen, auswandern, der Name einer alten jüdischen Gemeinde kann erlöschen, aber ihre Torarollen leben in der Hut anderer Juden weiter, ein Sinnbild der Gesetzestreue und mit ihr aller jüdischen Lebenswerte. Wir. die den Gottesnamen nicht aussprechen dürfen, und selbst die erlaubten Bezeichnungen noch umschreiben, wir, in denen tief die Scheu davor wurzelt, uns für (ieistiges ein körperliches Bild zu machen, wir haben unsere Vorstellungen von den Werten des Menschlichen im allgemeinen und des Judentums innerhalb dieser Werte zu der einzigen Sinnfälligkeit gesteigert, die wir uns erlauben, die wir von einander fordern: zur Tat. Wir Heimatlosen mitten zwischen den Völkern, die Heimat, Staat und Reich haben, wir haben uns den unerschütterlichen Halt geschaffen, an den uns die Torarollen erinnern, den sie nicht etwa verkörpern: Heiligtum. Auf ihn weist alles, was wir in der Tora von Israel und seiner Berufung lesen. Auf ihn weist aber auch der uralte Gruß „Schalom", der viel mehr wünscht als nur den Frieden, der in sich die Forderung enthält, selbst wahrhaft „im Bilde Gottes" zu leben und die Einheit des eigenen Daseins mit dem Schöpfer und seiner geschaffenen Welt durch unser sittliches Verhalten zu erreichen, zum mindesten und zunächst einmal für uns selbst und unser Judentum, für das wir verantwortlich sind. Die (iegensätze in jedem einzelnen, der Streit zwischen dem Jezer hatow und dem Jezer hara. dem guten und dem bösen Trieb, vollzieht sich an jedem Tag neu in uns. Der Egoismus möchte uns dahin bringen, daß wir, wie die bekannten kleinen chinesischen Plastiken von den drei Affen, Augen, Ohren und Mund zuhalten, nicht weil wir „nichts Böses sehen, nichts Böses hören und nichts Böses reden" möchten, sondern weil wir uns überhaupt vor allem zu verschließen trachten, was über unser persönliches Geschick und seine Lösung hinaus Kräfte von uns verlangt, zu geben und zu leisten. Es ist ein schlimmes Zeugnis für das sinkende Verantwortungsgefühl unserer Menschen — mag man auch noch so viele gute Entschuldigungen dafür anführen, wenn man Leute mit befriedigter Miene feststellen sieht, daß sie ihre Affidavit, ihr Zertifikat, ihr Permit in der Tasche haben: sie schlagen sichtbar vor unser aller Augen die Türe hinter sich zu, und die Judenfrage existiert nicht mehr für sie. Dabei sind gerade sie es, an denen sich die unverlierbaren Werte des jüdischen Weltbilds erprobt haben, gerade sie erfahren, wie die Bande der Familie noch weit entfernte Verwandte zusammenhalten und hilfsbereit machen, wie der Segen dafür, daß wir Juden die Familie immer als solch ein Unverlierbares heilig gehalten haben, sich nun an ihnen neu auswirkt. Und die nicht mit Hilfe von Verwandten über See gehen, die nach Erez Israel kommen, wird sich denen nicht bei jeder wohlgebauten Straße, bei jedem tragenden Feld und Garten der Beweis aufdrangen, daß hier C h a w e r u t, das jüdische Gemeinschaftsgefühl, der jüdische Wille zur Verantwortung das jetzt Bestehende geleistet haben, daß fortwährend der Jischuw. um seiner Verantwortung gegenüber der Not unseres Volkes willen, die Türe für andere, die noch kommen sollen, offen hält? Was können wir also tun. damit unser Verhalten während der Liquidation nicht in Gegensatz zu der großartigen Haltung der anderen gerät, die für uns leisten und uns helfen? Wir können Juden sein, wie unsere Geschichte, unsere Lehre und Lehrer jüdisches Lebensollen darstellen und fordern. Wir hätten es lekht, wenn wir uns nur nicht von der Fülle der persönlichen Sorgen, den Verlok- Unterwegs Wir haben keinen Freund auf dieser Welt Als den, der hoch im Blau des Himmels wohnet, Der uns mit Wolke. Licht und Nacht belohnet; Sonst keinen, der in Treue zu uns hält. Wir haben nicht e i n Herz, das mit uns weint, Nur Sturm und Meer, die leise um uns klagen. Wir müssen alles stumm zu zweien tragen. Uns ist nicht eine Seele, nicht ein Freund. Sei du im Dunkel nah! Mir wird so bang: Ich habe Vaterhaus und Hut verlassen. Es lieget so viel Weh auf fremden Gassen. Gib du mir deine Hand. Der Weg ist lang. Und wenn das Schiff auf offner See zerschellt, — Wir sind einander mit dem Blut verschrieben. Wir haben keinen Freund auf dieser Welt, Uns bleibet nichts als das: uns sehr zu lieben . . . Mascha Katcko Aue dem Kalender der JüdUdken Künstlerhilfe für 5698 (Verlag Joseph Jattraw. Berlin). Auswanderer! durch Reisebüro Siegfried Schwarzschild Stuttgart, KöniRstraße 43a, Telefon Nr. 28992

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