Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Volume
- 15 (1938)
- Issue
- 14 (16.10.1938)
- Date
- 1938-10-16
- Page
- Seite 118 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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118 Jüdisches Gemeindeblatt für die Israelitischen Gemeinden in Württemberg 16. 10. 38 XV. Nr. 14 macht, anständig gekleidet zu sein: die fungierenden Beamten erscheinen in schwarzer Kleidung, imd zwar trägt der Prediger eine hohe Kappe, der Vorsteher und Inspektor dreieckige Hüte, der Vorbeter eine flache Kappe und ein Mäntelchen, die Synagogendiener runde Hüte und .Mäntelchen. Jede zum Gottesdienst gehörende feierliche Handlung und Gebotsvollstrcckung (Mizwoh) geschieht mit Ernst und Würde. Während des Gottesdienstes, findet Vortrag oder eine sonstige Feierlichkeit statt, soll die Gemeinde selbigen auf keine Weise durch Geräusche, Gespräche und Anrufungen, durch lautes Mitsagen oder ungehöriges Einfallen stören. Die einzelnen hören entweder zu oder beten leise mit; nur bei den vorgeschriebenen Stellen fallen sie ••rleiehmäßig mit dem Vorbeter ab. jedoch beides ohne Gesang und Geschrei. ' Eine Predigt — deren Dauer nicht dreiviertel Stunde überschreiten soll — findet statt: jeden Sabbat, jeden ersten von zwei aufeinanderfolgenden Festtagen, am Tage des 9 Ab und am Versöhnungsfeste, an letzterem zweimal. Nicht gepredigt u ird an dem Sabbat vor dem 9. Ab, am Freudenfeste und an Purim. Ein Gesang, ganz oder teilweise, geht der Predigt voran, und ein gleiches findet unmittelbar nach dem Segen statt mit welchem die Predigt schließt. Einmal monatlich kann die Predigt ausfallen und durch eine zweckmäßige Belehrung über einen biblischen Abschnitt ersetzt werden, welcher aber dann nicht durch (iesang eröffnet wird. Die V orlesung aus dem Gesetze, desgleichen der Vortrag des Buches Esther an Purim. geschieht in üblicher Weise, jedoch deutlich und ohne Schreien oder übermäßige Hast. Der Vortrag des Vorbeters ist einfach und gänzlich ohne Gesang, jedoch sollen einzelne Stücke ... einen gesangähnlichen Vortrag erhalten... Der Vorbeter darf keinerlei Andacht als der eingeführten Weisen sich bedienen. Der Vortrag der Gebete und der Gebetsformulare geschieht würdevoll, deutlich, nicht überlaut und ohne Eilfertigkeit. Einzelne Stücke oder Gebetszeiten dürfen willkürlich weder hintangesetzt noch ausgezeichnet werden. Zahlreichere Versammlung oder Anwesenheit von Fremden ändert hierin ebensowenig etwas ab als eigene Laune oder das Begehren anderer. Vielmehr ist die Gleichmäßigkeit des Gottesdienstes streng aufrechtzuerhalten, sowohl in Bezug auf die einzelnen Teile als auf die Festsetzung der verschiedenen Gebetarten." Nur einen Bruchteil der Vorschriften der Prager Synagogen-Ordnung anno 1836 haben wir hier wiedergegeben — gänzlich unberücksichtigt ließen wir beispielsweise das Reglement über das umständliche Zeremoniell 5ei der Tora-Vorlesung an den Sabbaten, den Feiertagen und den Montagen und Donnerstagen. „Lektionstage" genannt. Immerhin mögen bereits die abgedruckten Proben manchen aufschlußreichen Einblick in das religiöse und zivilisatorische Niveau der Prager Gemeinde von 1836 gewähren. Leopold Zunz hat sich nur zweimal als religiöser Beamter betätigt. Ums Jahr 1820 in Berlin am deutschen Tempel, und in Prag vom 1. Oktober 1835 bis zum Juni 1836 als Prediger. Dieser zehnmonatigen Wirksamkeit verdanken wir das verschollene nicht uninteressante Dokument, aus dem wir hier einiges wiederzugeben für angebracht hielten. Die Philippinen Aus dem „Korrespondenzblatt für Auswanderungs- und Siedlungswesen des Hilfsvereins". L Einwanderungs-Bedingungen. Gesetzliche Voraussetzungen: Die Einreise nach den Philippinen ist nur mit einem amerikanischen Visum gestattet, das vom zuständigen amerikanischen Konsulat erteilt wird. Die Visen können aus politischen, moralischen und sanitären Gründen verweigert werden. Im Allgemeinen werden die Visen durch die amerikanischen Konsuln nur dann erteilt, v enn diese den Eindruck haben, daß sich der Einwanderungswillige auf den Philippinen wird einordnen können. Sie verlangen deshalb vom Einwanderungswilligen entweder den Nachweis von nach ihrem Ermessen auslei.hendem Eigenkapital oder aber ein Einladungsschreiben von einem auf den Philippinen Ansässigen, in welchem auch die wirtschaftlichen Chancen des Einwanderungswilligen auf den Philippinen als günstig dargestellt werden. Dieses Einladungsschreiben darf jedoch kein Arbeitsversprechen oder gar einen Arbeitsvertrag enthalten, da dies einen V erstoß gegen das auch für die Philippinen gültige amerikanische „Contract Labor Law" bedeuten würde. Erst bei der Ankunft im philippinischen Hafen werden die Bedingungen der Zulassung des Reisenden und die Dauer seines dortigen Aufenthaltes von den Behörden bestimmt. Staatenlosen wird — selbst wenn sie im Bes tz des gültigen Visums sind — die Landung vom Einwnnderungsbeamten nur ausnahmsweise gestattet. Nichtamerikaner haben bei einem Aufenthalt von mehr als zwei Monaten eine Kopfsteuer in Höhe von 16 Pesos (gegenwärtig etwa 20 RM) zu entrichten: ausgenommen Kinder unter 16 Jahren, die in Begleitung ihrer Eltern reisen. Als günstigster Reiseweg wird folgende Route empfohlen: Marseille—Suez—Indien— Singapore—Hongkong—'Manila (Fahrtdauer Marseille—Hongkong: weniger als 1 Monat; Hongkong—Manila: 2 Tage). Die Reise per Bahn über Moskau—Sibirien—Charbin— Hongkong ist nicht empfehlenswert und dauert meistens etwas länger. 2. Aussichten für Einwanderer und Lebenshaltungskosten. Nach Ansicht der Hicem kann gesagt werden. ..daß energische Leute, die ihr Fach — was es auch sei — gut beherrschen, sowie Kaufleute, die ein Geschäft mit eigenem Kapital gründen wollen, Arbeitsmöglichkeiten auf den Philippinen und im besonderen in Manila finden werden. Dennoch muß. was Kaufleute betrifft, berücksichtigt werden, daß sie sehr geschickt und tüchtig sein müssen, um Aussicht zu haben, ihr Brot zu verdienen, da die Kundschaft des Archipels aus anspruchsvollen Ausländern und reichen Eingeborenen besteht, von denen einige recht geschickte Kaufleute sind. Es empfiehlt sich sehr, perfekt englisch zu können und auch die spanische Sprache zu beherrschen. Vor allem notwendig ist jedoch die vollkommene Beherrschung seines Faches oder seiner Branche und viel Energie. Geologen und Bergwerksingenieure mit einiger Erfahrung und Referenzen haben alle Aussicht, sofort Arbeit auf den goldhaltigen Terrains zu hohen Gehältern zu finden. (Nach neueren Mitteilungen aus Manila sind die Möglichkeiten des Ausbaus der Goldbergwerke überschätzt worden. Zudem hat die überstürzte Entwicklung gegen Ende 1937 zu einem schweren Rückschlag geführt. Die Aussichten für Bergwerksingenieure usw. sind daher zur Zeit nicht mehr so günstig.) Uns ist bekannt, daß die europäischen und amerikanischen Bewohner kolonialer und halbkolonialer Länder im Fernen Osten dafür sind, das Ansehen des weißen Mannes in den Augen der farbigen eingeborenen Bevölkerung aufrechtzuerhalten, und deshalb nicht wollen, daß Weiße grobe oder ungelernte Arln einer palästinensischen Arbeiterküche Von Studienrat a. D. Dr. Willy Cohn, Breslau (Schluß) Es fällt einem auf. daß diese jungen Menschen in der kurzen Pause des Mittags von einem gewissen Ernst erfüllt sind. Ein junger palästinensischer Arbeiter schrieb einmal in einem Brief: „Es ist ein schweres Land", und das merkt man auch, wenn man die Gesichter studiert. Es fehlt das Geräuschvolle, das man sonst gewöhnt ist, wenn so viele junge Menschen zusammen sind, zu hören. Licht und freundlich sind diese großen Räume der Arbeiterküche in Haifa-Hadar- Harkamel. Licht flutet zu den weiten, großen Fenstern hinein. Freundlich, still und ruhig sind die Bedienerinnen, die ihre Arbeit als kameradschaftliche Leistung auffassen. Selbstverständlich ist jeder Alkoholgenuß verpönt. Ein Trinkzwang besteht in keiner Weise: wer es will, holt sich eines der herrlichen Fruchtgetränke oder ein Glas Tee. So wie wir hier palästinensische Arbeiter haben sitzen sehen, so haben wir sie auch in anderen Orten beobachtet. In der Arbeitskleidung sucht man in der kurzen Pause seinen Eßraum auf und verläßt ihn wohl mit dem Gefühl, nun auch den zweiten Teil der Tagesarheit gut bewältigen zu können. Daß die Arbeiterschaft auf diese Leistung besonders stolz ist, kann man verstehen. Man muß bei ihrer Wertung im Auge behalten, daß es sich im Grunde um eine junge Arbeiterschaft handelt, die noch nicht in ihren Kassen die großen Geldrücklagen hat, die ältere Arbeiterschaften durch jahrelange Ansammlung ihrer Beiträge besitzen. Gerade die Einrichtung der Arbeiterküchen trägt für die Gesunderhaltung der Arbeiterschaft in Palästina außerordentlich viel bei. Es sollte jeder Tourist wenigstens einmal in einer solchen Arbeiterküche sein Mittagsmahl eingenommen haben, um die Arbeitskameraden hier in ihrer Muße kennen zu lernen und um einen Einblick zu tun, was das Wort bedeutet: Erez Israel — haoweded, das arbeitende Erez Israel.