Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Volume
- 15 (1938)
- Issue
- 14 (16.10.1938)
- Date
- 1938-10-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Gemeindeblatt für die Israelitischen Gemeinden in Württemberg Verlag und Redaktion: Bezugspreis a Erscheint I Angemeldet beim Sonderbeauftragten de* Reicbs- OSTERBERO 4 STERNHEIM RM. 1.13 vlerieljlhrllch. in ad glich VY r. non<tMch Iw'lm»1- «m '• "Od 16. I minlatera für Volkunlkllrung und Propaganda ISRAELITISCHE VERLAOSANSTALT Pott- und Zustellgebühr X A 5ilSS2SSS5S*^ Uebenrtclmiig der geistig und kulturell Pernspr. 13828 STUTTOART-N Kaaeroenatr. 13 PoatacbeckkontO Stuttgart 36258 V Blattet oder Rückgabe des Berugsgelde» I titigen Juden Im deutschen Reichsgebiet. XV. Jahrgang Stuttgart, den 16. Oktober 1938 Nr. 14 Dem Dichter S. J. Agnon zum 50. Geburtstag Von Dr. S. Samuel, Berlin Wir wissen zwar, daß es mit den BrachuikI Jobeljahren der Bibel etwas anderes auf sich hatte, als mit den Lebensjahren des einzelnen Menschen; daß sie nämlich der Scholle dienten, die er bebaute. Zweifellos kam aber auch über den Menschen dann eine feierliche Stimmung, wenn die heilige Zahl von Jahren sich vollendete, der Jobelhall ertönte und ein je 1er zu seinem Besitztume und seiner Familie zurückkehrte. Dies hat der freischaffende Dichter Agnon nicht mehr nötig; von seinem Besitze, dem gottverliehenen Felde der Poesie, ist er niemals verdrängt worden; es hat vielmehr immer reichere Früchte dem Besitzer und allen Mitgenießenden hergegeben. Und wenn seine engere Familie nicht nur, sondern seine weitere die jüdische Gemeinschaft ist, so ist der Sohn der jüdisch-polnischen Stadt Buczacz, daselbst 1888 geboren, längst mit den Seinen nach Jerusalem, der heiligsten Stätte der Welt, übergesiedelt, in Erfüllung tiefer Sehnsucht. Wer den jüdischen Bezirk klein, eng und armselig findet, besonders wenn er dabei an die polnisch-russische odelr galizisch-ruthenische Umwelt denkt, die ihre Schatten auf jenen warf, wird notwendig auch die Gestalten und Erlebnisse der Agnonschen Dichtungen, zumal in ihrem auf sie zugeschnittenen hebräischen Gewände, gering anschlagen. Wer sich aber bemüht, unter der fremdartigen Hülle und altertümlichen Gebärde den Menschen zu finden, „aufs Herz zu sehen", wird in eine Atmosphäre erhabener, seelischer Schönheit versetzt, und von Sehnsucht erfaßt, zu ihrer Gemeinschaft zu gehören. Und er wird zugeben, daß für alle diese Erzählungen die durch das heilige Schrifttum geweihte hebräische Sprache die angemessene ist, und letztere in ihrem Stil, ihren Eigentümlichkeiten und Schönheiten auch in der besten Uebertragung viel verHeren muß. Es war in den schwersten Kriegsjahren, wo mit so manchen jüdischen Erzählern auch Agnon bei uns bekannt wurde. Die Sammelschriften, die uns den Osten literarisch erschlossen, mochten „Treue", „Chad gadja", „Buch von den polnischen Juden" oder wie immer heißen, nirgends fehlte ein Beitrag aus seiner Feder; sei es eine Skizze, ein Momentbild, eine Kurzgeschichte, letztere vielleicht nur wiedererzählt aus dem reichen Schatze jüdischer Folklore. Die billige Bücherei Schocken brachte schon in Nr. 5 einen Kranz dieser Kurzerzählungen heraus, in die schönste, die „Vom Kopftuch", ist sicher ein Ausschnitt aus den Jugenderinnerungen des Dichters verwoben. Andre, wie der „Aufstieg", von einer Seele handelnd, die sich in Sehnsucht nach den lichtesten Gotteshöhen verzehrte, und die den Körper wie ein zu schwaches Gefäß zerbrach, lassen ein Motiv aufklingen, das in späteren Dichtungen wiederkehrt. Ja, eine uns lieb gewordene Gestalt gewinnt einen neuen Namen; ihr Gedächtnis wirkt über den Tod hinaus in späteren Men- Laubhüttenfest 5699 Kein Jahrzehnt ist vergangen, in dem nicht irgendwo in der Welt Söhne Israels aus ihren vermeintlich festen Häusern wieder aufbrechen mußten, um in die Hütten neuer Zerstreuung zu ziehen. Kein Jahr ist vergangen, in dem nicht Söhne Israels aus ihren vermeintlich festen Häusern getrost und fromm in die Hütte zogen, von der es heißt: „Du sollst In ihr wohnen", sicher des Schutzes, sicher des Bandes und der Bestimmung. Kinderhände fügten für die Sukkah Ring um Ring zu leichten Ketten. Immer, wenn Israels Häuser wieder leicht wurden, wurden seine Ketten schwer. Nur in dieser einen Woche des heiteren Festes, die dem Tanzmit den Torarollen entgegengeht, sind beide leicht, das Haus und die Ketten, das Dach und das Schicksal. Kinderhände halfen fromm am Bau der Hütte, flochten zärtlich leichte Ringe Ineinander, viele bunte Ringe. Leichte Ketten wachsen den Stunden eines hellen Festes entgegen, und Kinderlippen summen über sie hin die heitere Melodie, in deren Klang das Fest zu Ende gehen wird: „Tauro hi ez^chajlm, le kulom chajim, ki amcho me'kaur chajim ..." „Die Lehre Ist der Baum des Lebens, uns allen Leben, denn deinem Volke ist sie der Quell des Lebens." Junges Leben in Israel band die Freude mit Israels Ketten an das schützende Gottesdach der gebrechlichen Hütte. M. W. sehen. Mag sein, daß wir das jüdische Leben der Kleinstadt, die Gesellschaft in ihrer Gliederung und ihrem Erwerb, an ihrem Alltag, Sabbat und Festtag, mit ihren Typen, dem Rabbi, dem Vorsteher, dem Armen, dem Händler, dem Fuhrmann; vor allem das Lehrhaus und den Jünger, auch aus Perez, Scholem aleichem, Frischmann, Asch und Mendele i:i liebevoller und realistischer Zeichnung eingehend kennengelernt hätten: ohne Agnon hätte ihnen aber die letzte Weihe gefehlt Schon von dem 26jährigen Dichter schrieb Martin Buber an Leo Herrmann (am 25. März 1916): „Er ist berufen, ein Dichter und ein Chronist des jüdischen Lebens zu werden; des einen, das heute stirbt und sich verwandelt, aber auch des andern, werdenden, unbekannten. Galizier und Palästinenser, Chassid und Pionier, trägt er in seinem treuen Herzen die Essenz beider Welten im Gleichgewicht der Weihe." Eine solche ist auch seinen größeren Erzählungen, Novellen und Lebensbildern aufgedrückt. Da gibt es ganze Zyklen, die der treuen, wartenden Liebe gewidmet sind; andre den Erinnerungen oder Hoffnungen Israels und der Sehnsucht nach dem heiligen Lande mit seinen Erinnerungsstätten und Verheißungen; wieder andre handeln von der Wunderkraft der Gebete oder von den altjüdischen Pflichten, z. B. der Aufnahme von Gästen und der Ausstattung armer Bräute. Man hat behauptet, daß Agnon die chassidische Frömmigkeit und Lehre bevorzuge, daher dem kühleren, schulmäßigen, aber nicht minder werktätigen Judentume nicht immer gerecht wurde. Er müßte kein Dichter sein, wenn er die stärkere Lebensnähe und Volkstümlichkeit des Chassidismus nicht lieben sollte, ihre Innigkeit und Mystik, unterstützt durch Freude an Gesang und Rhythmus. Er verehrt den Alten von Mierzeborze, den Baalschem, und den großen Maggid von Mesritsch; flicht häufig Aussprüche vom Berditschewer, Kosnitzer, Lubliner, Apter und Sassower ein, und zitiert das Wort: „Wohl ist kein Unterschied zwischen Jude und Jude; aber ein solcher zwischen den Seelen. Es gibt vom Kopf regierte Seelen, d. h. nur vom Verstände; und sog. Fersenseelen, d. h. solche, die sich durch die gute Tat erweisen." Und diese findet er nicht nur bei Chassidim, sondern ebenso bei ihren Widersachern, den Misnagditn. In den anfänglich so heftigen, unbrüderlichen Streitigkeiten beider Gruppen steht der Auswanderer! ihre SchitTskarte *- Siegfried schwarzschtid ",,w ""•■»■■"■■»« Stuttgart, Königstraße 43 a. Telefon Nr. 28992