Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Volume
- 15 (1938)
- Issue
- 13 (2.10.1938)
- Date
- 1938-10-02
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Gemeindeblatt für die Israelitischen Gemeinden In Württemberg Verlag und Redaktion: OSTERBERO 4 STERNHEIM ISRAELITISCHE VERLAOSANSTALT Fernspr. 23828 STUTTOART-N Kisernenstr. 13 Bezugspreis RM. 1.13 vierteljährlich, zuzüglich Post- und Zustellgebahr Postscheckkonto Stuttgart 36358 $\ Erscheint monatlich zweimal, am 1. und 16. Bei Nichterscheinen Inf. höherer Oewslt besteht kein Anspruch a. Nachlieferung d. Blattes oder Rückgabe des Bezugsgeldes Angemeldet beim Sonderbeauftragten des Reichsministers für Volksaufkllrung und Propaganda betr. Ueberwachung der geistig und kulturell tätigen Juden Im deutschen Reichsgebiet XV. Jahrgang Stuttgart, den 2. Oktober 1938 Nr. 13 Der Prophet Jona mahnt zur Umkehr Ein Vorspruch zum Versöhnungstag 5699 Ein© der machtvollsten Triebkräfte für die Religion ist das Sehnen nach Erlösung. Der Mensch, der die Wirklichkeit erfährt, wird immer von neuem durch die Erkenntnis erschüttert, welch eine tiefe Kluft ihn von dem friedvollen Dasein trennt, das er als Erfüllung wahren Lebens im Geiste sieht. Als Fesseln empfindet er Lebensumstände, die mächtiger sind als sein Wille. Aus all solcher störenden Einengung verlangt er Befreiung: Erlösung zum Frieden um sich und in sich. Das Judentum kommt diesem religiösen Anspruch durch seine Versöhnungslehre entgegen. Wird auch der verheißene einstige allgemeine Frieden auf Erden von Gott herbeigeführt so ist doch dem Menschen die große Kraft verliehen, mit der Verwirklichung, der Versöhnungsidee auch dem Erlösungssehnen in vielem zu genügen. So oft eine Entzweiung, eine innere oder eine von anderen Menschen trennende, durch eine Versöhnung überwunden wird, tritt befreiende Erlösung ein. Und das möchte immer wieder der Jörn haKippurim herbeiführen. Herbeiführen durch nichts Geringeres, nein, durch nichts Schwereres als durch die Erweckung der Erkenntnis von der eigenen Schuld und der Wandlung zum Besseren. Umkehr nennt es die Sprache des Judentums, Aufgeschlossenheit für die Mahnung zum Frieden, Entschließungsbereitschaft. den Weg hin zu den Menschen zu suchen, und Festigkeit in dem Willen, diesen Weg zu betreten und auf ihm zu verharren. Als eines der Mittel, solche Umkehr zu fördern, ist es seit altersher Brauch, am Versöhnungstage das Prophetenbuch Jona zu verlesen. Mit feiner Menschenkenntnis haben die Lehrer weit zurückliegender Vergangenheit gerade diesen schlichten, ja naiven Bericht über die Sendung eines Gotteskünders gewählt, weil er durch seine Ursprünglichkeit wie überzeugendes Beispiel wirkt. Jona erhält den Auftrag, der Bevölkerung von Ninive ihren sträflichen Lebenswandel vorzuhalten und sie zur Umkehr aufzurufen. Er wiH sich dieser Sendung entziehen, aber er wird zu der Einsicht gedrängt, daß er nicht entfliehen kann. Eine Stunde der Bedrängnis kommt über ihn, in der er eingestehen muß: ich bin ein Hebräer und dem Gotte des Himmels und der Erde diene ich. Der Mensch darf, nein, kann sich nicht ungestraft vor sich selbst verleugnen. Wer es versucht, zerbricht daran. Das kommt dem Gottesboten zum beschämenden Bewußtsein, als ihm die heidnischen Männer sein Gewissen wecken, ihm seinen Frevel vorhalten, daß er auf der Flucht vor Gott sei. Das ist die Erkenntnis, die zahlreiche Juden in den letzten Jahren zur Selbstbesinnung geführt hat. Unerhört viele, wertvolle jüdische Menschen hatten sich auf der Flucht vor dem Judentum von ihrem eigensten Wesen entfernt. Dann aber, als die Tatsache ihres Judeseins ihnen unüberhörbar zugerufen wurde, erwachte in ihnen, was sie eingeschläfert hatten, und mit hingebendem Eifer gingen sie nun daran, ihr Selbst wieder zu harmonisieren: sie sprechen oft aufrichtig beglückt davon, wie sie sich wieder gefunden haben. Sie haben bereitwillig ihren Posten bei unserem Neubau jüdischer Lebensform bezogen und arbeiten mit einer Freudigkeit, die sie vordem nicht gekannt. Das verkümmert gewesene Selbstbewußtsein ist mit jeder neuen Bereicherung ihrer Beziehung zu jüdischen Dingen gewachsen: sie fühlen wieder die Geschlossenheit des Wesens, die dem Juden innere Sicherheit verleiht. Viele andere klagen darüber, daß;hnen diese Wandlung nicht gelungen ist. Aber sie rechtfertigen sich vor sich und anderen damit daß es ihnen als gereiften Menschen unmöglich sei, ihre Vergangenheit aa verleugnen und zurückzukehren. Ihnen erzählt das Ruch des Propheten Jona von der sittlichen Kiaft des Menschen, eine neue Richtung einzuschlagen. Jona predigte in Ninive, redete den Menschen zu Herzen, daß sie, vom Irrtum gefangen, ihre Pflicht verkannt, daß sie böse gehandelt hatten. Und sein Ruf verhallte nicht. Der König der Stadt erhob sich von seinem Throne, ging den Bürgern mit dem Beispiel büßender Umkehr voran und bewirkte, daß sie alle umkehrten. Sie vermochten, groß genug zu denken, um keine Scheu vor vermeintlicher Untreue gegenüber ihrer früheren Haltung zu empfinden. Sie öffneten ihren Sinn der Weisung, die ihnen das göttliche Wort brachte und erneuerten sich selbst in der sittlichen Umformung. Es gibt, das ist die tiefe Lehre des Prophetenbuches, keinen verderblicheren Irrtum*, als den, daß dem Menschen die Hinwendung zu neuer Erkenntnis unmöglich sei! Es ist gewiß nicht leicht, einen Weg zu verlassen, den man lange verfolgt hat, eine Anschauung preiszugeben, zu der man sich gerne bekannt hat. Aber das Ziel, das nach solchem Ringen und Sichbezwingen winkt, ist so gewaltig, daß es den Kampf löhnt. Denn nichts Geringeres wird erreicht, als die Befreiung des Selbst von allem störenden Fremden. Juden auf der Flucht vor Gott haben die wertvollsten Kräfte ihres Wesens eingebüßt: sie wiederzuerlangen ist der schönste und reichste Gewinn, den Menschen erstreben können. Und es i s t möglich, sich zu wandeln. Und um so leichter in einer Zeit, in-der beharrliche Weigerung dazu führen muß. an dem inneren Riß zu verbluten. So mag die Gefahr gedeutet werden, die Jona den Bürgern von Ninive vor die Seele stellte: Juden, denen die Zugehörigkeit zu unserer Gemeinschaft so mannigfache Ausschaltung gebracht hat. können keinen Bestand haben, wenn sie sich nicht innerlich dem zugehörig fühlen, was ihre Sonderstellung bedingt. Jörn haKippurim will die Umkehr, die der Erlösung, dem Frieden den Weg bahnen will. Weit mehr als in frülierer Zeit sollte diese jüdische Lehre heute in unserer Gemeinschaft Verständnis finden und zur Verwirklichung aufrufen. Es ist uns gegeben, manches für die Förderung des Friedens um uns zu tun. Unendlicher Gewinn aber kann der Tag für den inneren Frieden bringen: festigen die Glaubenstreuen, anspornen die Lauen, erwecken die abseits Stehenden, daß sie ihr Judesein neu begreifen und verwirklichen lernen und damit sich selbst und den Frieden wiederfinden. Rabb. Gustav Cohn. Leipzig. Auswanderer! ihre Sciiiffskarte durch das Reisebüro Siegfried Schwarzschild Stuttgart. Könicsrraße 43 a. Telefon Nr. 28992