Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Volume
- 15 (1938)
- Issue
- 12 (16.9.1938)
- Date
- 1938-09-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Gemeindeblatt für die Israelitischen Gemeinden In Württemberg Verlag und Redaktion: OSTERBERO & STERNHEIM ISRAELITISCHE VERLAGSANSTALT Fern spr. 23828 STUTTOART-N Kaacroenatr. 13 Bezugspreis RM. 1.13 vierteljährlich, juaügllch Pott- und Zustellgebühr Postscheckkonto Stuttgart 36258 *> Erscheint monatlich zweimal, am 1. und 16. Bei Nichterscheinen toi. höherer Ocwalt besieht kein Anspruch a. Nachlieferung d. Blattes oder Rückgabe des Bezugsgeldes Angemeldet beim Sonderbeauftragten des Reichsministers für Volkaaulkllrung und Propaganda betr. Ueberwachung der geiatlg und kulturell titigen Juden Im deutschen Reichsgebiet XV. Jahrgang Stuttgart, den 16. September 1938 Nr. 12 ROSCHHASCHANAH 5009 Mitten im Kranz der Monate, Schlußstein und Beginn, daß der lebendige Reif ohne Anfang und ohne Ende sei, liegt uns der I. Tiscbri, der Tag, mit dem wir in Israel ein neues Jahr zählen. Wir kennen diesen Tag nicht als einen Anlaß zu lauten, rauschenden Festen. Rosch Haschanah, der Anfang des Jahres, ist uns der ernsteste Tag, den Gebet und Einkehr erfüllen, durch den der Ton des Schofars zum Aufbruch dröhnt. Aufbruch zum Besseren, Umkehr zum Guten heißt uns der Tag, und alle seine Bitten und Lobpreisungen wenden sich an den Vater und König um ein gutes Jahr, um Abwendung allzu strengen Urteils über unsere Gesinnung und unsere Taten, um Gewährung von Leben und Erhaltung des Lebens. Die heißeste Hingabe, die Bereitschaft Abrahams zum Opfer des geliebten Kindes, steht als hohe Mahnung vor uns, wenn die Thora verlesen wird, die gnadenreiche Erhörung eines inbrünstigen Gebets, das Channa, die Mutter Schemuels tut, schließt sich in der Haftara trostvoll der gewaltigen Forderung und der gnädigen Wendung der Opferung Isaaks an. Aber wenn auch das Bethaus und die Gemeinschaft der Männer vom strengen Ernst dieses Tages erfüllt sind — die häusliche Feier, welche die jüdische Frau bereiten darf, ist voll von der Lieblichkeit des „guten Tags". Wir grüßen Rosch Haschanah an unserem Tisch mit dem Licht der Kerzen, mit dem Kiddusch Uber Wein und Brot und fügen den sabbathlichen Segenssprüchen den hellen Gruß für neue Früchte an. Ueber Honig und Aepfeln, den Sinnbildern von Fruchtbarkeit und Süßigkeit, danken wir dem Vater Israels, daß »er uns hat leben lassen, daß er uns erhalten hat und uns zu diesem Tage gelangen ließ". Wir suchen unsere Freunde und nahe Menschen auf, aus der Ferne kommen uns Briefe und gute Wünsche, und wo Kinder den Eltern und Großeltern den Tag mit Liebesbeweisen verschönen, da liegt neben dem Teller auf dem festlich gedeckten Tisch der rührend unbeholfene Brief mit dem kindlichen Versprechen, wie lieb und gut und fleißig sie sein wollen, wie dankbar sie sind — und er ist uns ein zartes Gleichnis unserer eigenen stammelnden Versprechen und Bitten, die unsere Gebete durchzittern, die sich in dem Wunsche zusammendrängen, mit dem wir einander begrüßen, wir alle in Israel: „Daß du zu einem guten Jahre eingeschrieben werdest —M. Wr. Ein Gedenkbuch ,<Jer luden in Deutschland Von Rabbiner Karl Richter, Mannheim. In diesen Rosch-Haschanah-Tagen greift der Keren Kajetneth Lejisrael einen alten jüdischen Gedanken auf. Er schafft ein Gedenkbuch — Sefer Sikaron — in dem die Namen aller Juden, die jetzt noch in Deutschland leben, eingetragen werden sollen. Jede Gemeinde wird ein eigenes Buch haben, auf dessen ersten Seiten die Bilder der Synagoge, des Friedhofs und anderer wichtiger Institutionen der Gemeinde eingefügt sind. Daran schließen sich die Namen der Gemeindemitglieder und ihrer Familien. Später sollen alle diese Bücher in einem großen Buch vereinigt werden, das in der Nationalbibliothek des Jüdischen Volkes in Jerusalem aufbewahrt werden wird. Die Mittel, die auf diese Weise aufgebracht werden, sollen dazu bestimmt sein, eine Siedlung von Juden aus Deutschland in Palästina, die den Namen „Tel Sikaron" — Hügel des Gedenkens — tragen wird, zu errichten. Der Gedanke, der in diesem Plan zum Ausdruck kommt, scheint uns von einer außerordentlichen historischen Kraft erfüllt zu sein. Der Blick auf die verschlungenen Wege unserer Geschichte ergreift uns mit eigentümlicher Gewalt. Alte vergessene Ideen erwachen zu neuem Leben. Was die vorige Generation als Romantik empfunden hätte, wird uns zu einer neuen Wirklichkeit. Wir stehen jetzt vor unseren höchsten Feiertagen, vor dem Beginn eines neuen jüdischen Jahres. Die vorherrschenden Gefühle, mit denen wir dieses Jahr beginnen, werden die der Sorge sein. Dies aber darf nicht die Würde der jüdischen Seele ersticken. Es liegt so etwas wie Nei'lah-Stimmung über unserem heutigen Leben, und wir denken daran, daß Gedenkbücher, vor allem in den süddeutschen Gemeinden, vor Nei'lah gelesen zu werden pflegten. Die jüdische Geschichte unserer Tage hat die Farbe der Dämmerung. Aber wir sollen nicht verges- Unseren werten Lesern und Geschäftsfreunden entbieten wir zum Jahreswechsel unsere herzlichsten Wünsche, die wir mit der Bitte verbinden, dem „Gemeindeblatt" auch im kommenden Jahre die Treue zu wahren. Verlag und Redaktion des „Gemeindeblattes" sen, daß es eine Dämmerung gibt, auf die die Nacht folgt, und daß es eine Dämmerung gibt auf die der Tag folgt. Wenn wir auch hier abbauen und liquidieren, wenn Gotteshäuser, in denen Generationen gebetet haben, aufgegeben werden, so glauben wir doch, daß unsere Zeit neben dem Zwang zu Abbau und zur Auflösung auch die Gnade des Aufbaus erfährt. Auch drüben in Eroz Jisrael ist die bange Sorge und das Rätselraten um die Zukunft zur Begleiterscheinung des täglichen Lebens geworden. Aber es ist eine Sorge, die doch zutiefst das Wissen in sich birgt, daß auf die Dämmerung ein neuer Tag folgen wird. Während wir hier im Aufbruch sind, schützen drüben starke Arme und heiße Herzen die Keime eines neuen Lebens. Das Opfer der jüdischen Gesamtheit wird dafür zu sorgen haben, daß diese Keime nicht umsonst gelegt sind. Im Gottesdienst des Rosch- Haschanah-Festes wird mehrmals der Satz gesprochen: „Hajom haras olam — heute ist der Geburtstag der Welt". Wir Juden glauben, daß sich in jedem Jahr nicht nur die Welt, sondern auch der Wille zum jüdischen Leben und zur jüdischen Tat erneuert. Aus dem Untergang alter Formen wächst das neue Leben. Tod und Geburt sind geheimnisvoll verschwistert'. Gleich dem Vogel Phönix, der in dem alten Märchen sich siegreich wieder in die Lüfte emporhebt, wenn er zu Asche verbrannt ist. wird das jüdische Volk weiter unbeirrt den schweren Pfad seiner Geschichte iTehen. Es ist ein Gesetz dieser Geschichte, daß immer dann, wenn eine Stätte jüdischen Lebens zu existieren aufhört, an anderen Stellen der Keim zu neuem jüdischen' Leben gelegt wird. Ein bleibendes Zeichen Auswanderer! M Schi ReisebUro durch das Siegfried Schwarzschild Huttgart, Königstraße 43 a, Telefon Nr. 28992