Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Volume
- 15 (1938)
- Issue
- 10 (16.8.1938)
- Date
- 1938-08-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/6492308-5442837-5443509--328-4908610- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Jüdisches Gemeindeblatt für die Israelitischen Gemeinden in Württemberg Verlag und Redaktion: OSTERBERO A STERNHEIM ISRAELITISCHE VERLAG SAN ST ALT Pernspr. 13828 STUTTOART-N Kucrntottr. 13 Bezugspreis RM. 1.13 vierteljährlich, xnzflglich Post- und Zustellgebühr PMtKbtcakoute Stottgirt 38258 $ Erscheint monatlich zweimal, am 1. und 16. Bei Nichterecheina Inf. höherer Oew.lt besteht kein Anspruch a. Nichllelerung d. Blattet oder Ruckgab« des Bezugsgeldes Angemeldet beinT Sonder beauftragten des Reichsministers für Volksaulklirung and Propaganda betr. Ueberwachung der geistig und kulturell titigen Jaden Im deutschen Reichsgebiet XV. Jahrgang Stuttgart, den 16. August 1938 Nr. 10 Lernt Sprachen I Di« Lalpttgar Berarungaatelle des „Hilfsvereins dar Juden in Deutschland'' veröffentlicht taa ,,Jüdischen GemeindeoUr» Lelpilg ' «tan nachfolgenden Artikel | Die Erkenntnis, welche Bedeutung Fremd sprachen für jede Auswanderung haben, ist leider trotz der vielfachen Hinweise noch nicht ausreichend verbreitet oder es wird diese Frage nicht ernst genug genommen Bezeichnend dafür ist der teilweise geradezu klägliche Besuch der Sprachkurse. Vor allem muß der Jugend der Vorwurf gemacht wer den, daß sie sich nicht in dem Ausmaße der Sprachenerlernung widmet, wie es unbedingt notwendig wäre. Der gedankenlosen Redens art: „Man weiß ja noch nicht, nach welchem Lande man gehen wolle und welche Sprache man brauche", begegnet man nur allzu oft Als wenn es ein Schaden wäre, eine Sprache, ohne sie gleich praktisch zu gebrauchen, zu erlernen. Das Erlernen jeder Sprache, einerlei, ob man sie gebrauchen wird oder nicht, ist ungemein wertvoll und erleichtert wesentlich das Erlernen einer anderen Sprache. Es ist aber leider nicht nur Unkenntnis, sondern Trägheit, die von der Erlernung der Sprache abhält. Den Schaden haben allerdings die Be treffenden selbst zu tragen. Gemeinden und Hilfsverein sind sich darüber einig, daß nur solche Auswanderer unterstützt werden können, die für das Land, in welches sie wollen, die erforderlichen Sprachkenntnisse haben. Das hat jetzt schon in einigen Fällen dazu geführt, daß Leute, für die Unterbringungsmög lichkeiten im Auslande waren, entweder mit ihrer Auswanderung noch warten mußten oder aber sich die Auswanderungsi.iöglichkeit verscherzt haben, weil sie nicht mit dem nötigen Ernst die fremde Sprache erlernt haben, i Auswanderer, die ohne ausreichende Sprachkenntnisse in fremde Länder kommen, tun sich damit nicht nur selbst den größten Schaden, sondern schädigen auch die übrige jüdische Auswanderung. Immer wieder kommen Klagen von den Komitees, daß man ihnen nicht Leute ohne Sprachkenntnisse zuschikken soll. Falsches Mitleid wäre hier sehr wenig am Platze. Es mufL mit aller Deutlichkeit gesagt werden, daß künftig noch s rengerer Maßstab angelegt wird und daß, wer eben sich die nötigen Sp r a c h k e n n t n i s s e nicht angeeignet hat, von Gemeinde und HMfsverein nicht unterstützt werden wird. Ich gebe im folgenden Auszüge von Briefen aus USA., Kolumbien, Brasilien und Argentinien. Diese Briefe stammen fast sämtlich von Auswanderern aus Sachsen und zeigen, Reichsverband der Juden in Deutschland Bei der Ende Juli erfolgten Tagung des Rats der Relchsvertretung wurde für die Juden in Deutschland und ihre Gemeinden eine neue Satzung beschlossen, deren organisatorischer Ausdruck der „Reichsverband der Juden in Deutschland" sein wird. Die anläßlich der Tagung gefaßte Resolution hat folgenden Wortlaut: „In dankbarer Würdigung der Tatsache, daß die Einigung der Kräfte des Judentums in Deutschland wie die Zusammenfassung seiner Mittel nun weiter zum Ziele hingeführt worden ist, sind Präsidialausschuß und Rat über folgende Grundlage und Richtung der gemeinsamen Arbeit einig: Die für die Juden in Deutschland und ihre Gemeinden beschlossene neue Satzung hat die Autorität der Reichsvertretung und die darin gegebene einheitliche Führung von neuem bestätigt. Die ernstesten Aufgaben liegen vor uns. In einer Lage, die seit Jahren auch in der an Prüfungen reichen Geschichte unseres Volkes kaum ihresgleichen hat, haben wir uns nicht ohne Erfolg darum bemüht, das drohende Gespenst des Chaos zu bannen. Allem, was auf uns eindrang, haben wir unser Gottvertrauen und unsere Selbstachtung entgegengesetzt. DieAushöhlung unserer Existenz haben wir mit der planmäßigen Erziehung und Schulung, mit der Vorbereitung zur Wanderung nach einer Stätte aufbauender Arbeit beantwortet. Wir haben eine innere Ordnung aufgerichtet und neue Formen der seelischen und materiellen Selbsthilfe erschlossen. Der Reichsverband wird alles daranzusetzen haben, diesen Weg fortzuführen und weitere Möglichkelten zu finden. Aber es kann auch kein Zweifel darüber bestehen, daß dieser anhaltenden außerordentlichen Anspannung aller Kräfte Ihre Grenzen gesetzt sind. Immer enger ist der Bereich unseres Daseins geworden. Die Ausschaltung aus Beruf und Wirtschaft gibt den größten Teil der Juden in Deutschland einer dauernden Arbeitslosigkeit preis. Unsere Kräfte drohen zu versagen. Wir dürfen darum nach dem Beistand ausschauen. Wir vergessen keinen Augenblick, daß eine um Frieden und Sicherheit bangende Welt nicht ihre ganze und stete Aufmerksamkeit uns zuwenden kann. Wir vergessen nicht, daß auch in anderen Ländern unsere Brüder ihre schwere Sorge und ihre Not kennen. Aber wir dürfen für uns doch das, was uns gewährt zu werden vermag, erwarten: die Oeffnung von Grenzen für Reihen von Menschen in geregelter Einwanderung, einen baldigen Plan der Erstellung von vorübergehenden Notsiedlungen für arbeitskräftige Gruppen. In uns lebt die Sehnsucht nach einem opferbereiten Leben in der freien Luft der Welt. In uns ist der Wille, unser Dasein mit Werken eines friedlichen Aufbaus zu verbinden. Mögen diese Worte in vorgerückter Stunde weithin gehört werden!" welche Bedeutung der Sprachkenntnis zukommt und wieviel leichter die es haben, die damit versehen hinausgehen. Brief aus USA. Philadelphia, den 12. 7. 37. . . . Meiner Schwester und meinem Schwager habe ich empfohlen, fleißig Englisch zu erlernen, da ich weiß, daß sie auch herüberkommen möchten. Das Wichtigste, was man mitbringen kann, sind Sprachkenntnisse... Aus Kolumbien, Juli 1937. ... Ich möchte an dieser Stelle wiederholen, was man ja immer schon gehört hat. Es kann nicht genug davor gewarnt werden, ohne Sprachkenntnisse, die mindestens volle und sichere Kenntnis der Grammatik und einen bestimmten Wortschatz umfassen, in fremde Länder zu gehen. Die Leute sind wie kleine Kinder, so hilflos, und können sich nicht verständigen. Dazu kommen die großen Widerwärtigkeiten im Beruf und der Hemmklotz im Vorwärtskommen. Es ist ja auch nahezu unmöglich, zu arbeiten und den Anweisungen der Vorgesetzten nachzukommen,-wenn man nicht versteht. Es muß aber immer dazu gesagt werden, daß einigermaßen bezahlte Stellungen nur zu finden sind, wenn e s m i t der Sprache nicht hapert. Man kann nicht oft genug darauf hinweisen, daß in so und so vielen Fällen ein günstiges Engagement einfach daran scheitert, daß keine oder nur mangelhafte Sprachkenntnisse vorhanden sind. Ich kann das am besten daran sehen, wie groß die Differenz in der Arbeitsbeurteilung zwischen mir und den anderen ist die nicht oder nur wenig spanisch sprechen. Ich kann es kaum sagen, wie groß die Vorteile in jeder Beziehung sind, sich einigermaßen korrekt ausdrücken zu können und vor allen Dingen das gesprochene Wort auch zu verstehen. Aus einem anderen Brief aus Kolumbien: Viele Beschäftigungen sind nur Rachs